Gratis-Comic-Tag : Umsonst, aber nicht vergebens

Zum vierten Mal findet an diesem Sonnabend der Gratis-Comic-Tag statt. Was bringt die aufwändige Werbeaktion den Lesern, Händlern und Verlagen? Zeit für eine Zwischenbilanz.

von
Qual der Wahl: Die Cover der 30 Titel, die zur Auswahl stehen.
Qual der Wahl: Die Cover der 30 Titel, die zur Auswahl stehen.Foto: Promo

Die Idee, Comics zu verschenken, um damit die Umsätze zu steigern und gleichzeitig Interesse bei neuen und vor allem jüngeren potentiellen Konsumenten zu wecken, stammt aus den USA. Dort wird bereits seit 2004 an jedem ersten Sonnabend im Mai der „Free Comic Book Day“ abgehalten. Mittlerweile wird diese Aktion auch seit 2010 am zweiten Maiwochenende jeden Jahres in Deutschland, Österreich und der Schweiz durchgeführt. Die Niederlande und Teile des niederländisch sprechenden Belgiens zogen im vergangenen Jahr nach. Eine ähnliche Werbemaßnahme fand im vergangenen Monat erstmals im Nachbarland Frankreich unter dem Titel „48hBD“ (48 Stunden Bande Dessinée) statt, deren Dauer umfasste allerdings gleich zwei Tage.

Der Gratis-Comic-Tag hat sich inzwischen auch in Deutschland etabliert

In Deutschland hat sich diese logistisch aufwändige PR-Maßnahme inzwischen etabliert und wird im Einzelhandel von einer stetig wachsenden Anzahl von Teilnehmern begrüßt. Für Händler wie Torsten Alisch, Mitinhaber des Berliner Comicfachgeschäftes „Grober Unfug“, ist der Gratis-Comic-Tag vom Niveau der Umsätze, den ihm die zusätzliche Kundschaft beschert, „wie ein zweites Weihnachtsgeschäft“. Einen weiteren derartigen Tag, wie beispielsweise im Herbst 2012 mit dem Halloween Comicfest in den USA versucht, würde er trotzdem nicht mitmachen, auch „wegen des personellen Mehraufwands und der aus diesem Anlass vorgezogenen Öffnungszeiten“.

29 Cent zahlt Alisch pro Heft und muss mindestens ein Grundpaket abnehmen, welches zusätzlich Werbemittel wie Flyer und Poster beinhaltet. Für weitere Einzeltitel werden erneut 29 Cent fällig. Preiswerte Werbung, aber für die veranstaltenden Verlage kein ganz billiger Spaß: Die zu zahlende Teilnahmegebühr beträgt 600 Euro für ein Heft mit 32 Seiten. Will man einen erweiterten Heftumfang von 48 Seiten unterbringen, kostet dieses 800 Euro. Größere Verlage wie beispielsweise Ehapa, Carlsen oder Panini zahlen für die Veröffentlichung eines zweiten oder dritten Titels noch einmal jeweils zusätzliche 200 Euro mehr in den Topf ein. Außerdem muss der deutschlandweite Vertrieb der Hefte vorgenommen werden, was in diesem Jahr erstmals vom Panini-Verlag durchgeführt wird. Bisher war diese Aufgabe von den Großvertrieben PPM und MSW erledigt worden.

Beliebte Evergreens wie Donald Duck oder die Simpsons werden verteilt

Kein leichtes Unterfangen also bei der gesteigerten Anzahl der teilnehmenden Händler, die sich seit 2010 von etwa 170 auf knapp über 200 Geschäfte und Versandhändler erhöhte. Damit einhergehend ist ein Anstieg der Gesamtauflage um 41 Prozent gegenüber dem Beginn im Jahr 2010 zu verzeichnen, die durchschnittliche Auflagenzahl seit Beginn der Marketingaktion wird mit plus/minus 300.000 Stück angegeben.
Die Menge der im Grundpaket enthaltenen Hefte umfasste mit Ausnahme des Jahres 2011 durchweg 30 Ausgaben, ein Volumen, das sich nach dem von der Mehrzahl der Teilnehmer als zu viel empfundenen 44 Heften vor zwei Jahren bewährt hat.

Wundertüte Comics: Mit dieser Zeichnung von Martin Frei wird der Tag auf Postern beworben.
Wundertüte Comics: Mit dieser Zeichnung von Martin Frei wird der Tag auf Postern beworben.Foto: Promo

Häufig sind die angebotenen Inhalte aus bereits im Programm der Verlage befindlichen Titeln zusammengestellt, wobei die Minimierung der nicht unerheblichen Gesamtkosten auch eine gewichtige Rolle spielen dürfte. Darunter befinden sich beliebte Evergreens wie Donald Duck, die Simpsons oder Superhelden-Titel, die routinemäßig kosmische Umwälzungen in ihren jeweiligen Universen bewerben.
Zudem bieten Kleinverlage ihre Independent-Produktionen an. Und ein Angebot, kenntlich gemacht mit dem Label „Kids Comics“, richtet sich speziell an den Nachwuchs. Seltener werden dagegen eigens für den Gratis-Comic-Tag erstellte Inhalte angeboten, jedoch veröffentlichte der Zwerchfell Verlag 2011 eine bisher nicht publizierte Geschichte seiner Zombie-Reihe „Die Toten“.

Zusätzlich existieren oft lokal produzierte Sonderausgaben, die gerne in Verbindung mit speziellen Signieraktionen von einigen Comicläden ausgegeben werden. In diesem Jahr erscheint als inoffizielles 31. Sonderheft der durch den Hamburger Buchladen „Männerschwarm“ herausgegebene Comic „The Power Within“, welcher die Schwierigkeiten eines jungen Mannes beschreibt, der seine Homosexualität entdeckt.

Zwei mit geschichtsträchtigen Ereignissen des Mediums verknüpften Veröffentlichungen stellen „Before Watchmen“ durch Panini und der Versuch einer Wiederaufnahme der „U-Comix“-Reihe durch Underground Comix dar.

Der von vielen Lesern als illegitim empfundene Nachfolger von Alan Moores und Dave Gibbons Klassiker „Watchmen“ löste bereits vor seiner Veröffentlichung heftige Kontroversen in den USA aus. In deren Verlauf wurden in „Before Watchmen“ involvierte Künstler wie Len Wein auch schon mal mit den faschistischen Kollaborateuren des französischen Vichy-Regimes in Frankreich zur Zeit des Zweiten Weltkrieges verglichen. Und der in der diesjährigen Jury der Eisner-Awards sitzende Frank Santoro erstellte eine schwarze Liste der an „Before Watchmen“ beteiligten Künstler. (Mehr zu „Before Watchmen“ demnächst auf den Tagesspiegel-Comicseiten.)

Große Auswirkungen auf die Umsätze scheinen die verteilten Comics nicht zu haben

Derartige Wellen wird die Neuauflage von „U-Comix“, die stilprägend für eine ganze Generation von Comic-Lesern und -Künstlern waren, vermutlich nicht verursachen, jedoch frönt man im Umfeld des Heftes, zumindest der Coverabbildung nach zu urteilen, einem Frauenbild und Sexualsymbolismus aus der Frühzeit des aufrechten Ganges. Es bleibt abzuwarten, ob und wie das bei den heutigen Lesern ankommt. Der Gratis-Comic-Tag bietet in jedem Fall ein geeignetes Versuchsfeld, um derartige Testballons zu starten.

Große Auswirkungen auf die Umsätze der präsentierten Titel scheinen die verteilten Comics allerdings nicht zu haben. Dennoch: Beim „Groben Unfug“ war im Jahr 2010 ein gesteigerter Absatz des Ehapa-Albums „Der Killer“ zu beobachten, welches zuvor gratis als Heftausgabe angeboten worden war.

Das Ergebnis der ursprünglichen Intention, mehr und jüngere Kundschaft zu gewinnen, ist allerdings auf Grund fehlender Erhebungen schwer nachprüfbar. Außerdem erscheint am Gratis-Comic-Tag generell mehr Kundschaft in den Läden, sodass sich im Nachhinein schwer feststellen lässt, wer genau davon zurückkehrt. Der Teilnehmerzuwachs und die erhöhten Auflagen könnten aber ein Teil der Antwort sein, denn wer ist schon aus freien Stücken Teil eines Misserfolges?

Eine Liste aller Comics sowie der beteiligten Händler gibt es online unter www.gratiscomictag.de.

0 Kommentare

Neuester Kommentar