„Handbuch der Hoffnung“ von Tommi Musturi : Philosoph in Unterhose

Große Fragen, stimmungsvolle Bilder, sinnliche Finessen: Tommi Musturis „Handbuch der Hoffnung“ besticht durch seine Verbindung aus existenzialistischer Philosophie und profaner Erfrischung.

Marie Schröer
Gewichtige Themen, unprätentiöser Zugang: Eine Seite aus dem besprochenen Buch.
Gewichtige Themen, unprätentiöser Zugang: Eine Seite aus dem besprochenen Buch.Foto: Avant

Manchmal denkt er, dass er verrückt wird. Dass die Welt ihm fremd wird, und er sich selbst noch fremder. „Ich weiß nicht, was ich will, und ich kann das Gute nicht sehen.“ So sinniert der alte Mann. Und seine Frau antwortet ihm: „Manchmal ist es halt so. Du kommst schon darüber hinweg.“ Ihre Hand stellt eine Schüssel voller Früchte vor ihn auf den Tisch: „Preiselbeeren ... Ich habe einen guten Platz gefunden, wir müssen vor dem Frost hin.“

Der Protagonist des neuen Buches des finnischen Comic-Stars Tommi Musturi („Unterwegs mit Samuel“), ein untersetzter Mann mit Haarkranz, Schnauzbart und Knollnase, führt an der Seite seiner patenten Frau ein schlichtes Leben in der Natur. In die Stadt und die Nähe anderer Menschen zieht es ihn nicht. Er bevorzugt die Gesellschaft seiner Gedanken. Er philosophiert, wo immer er auch ist, was immer er auch tut: spazieren, werkeln, Gartenarbeit, Pilze putzen, Gemüse einlegen, am Lagerfeuer, im Wald, auf dem Klo, im Sessel. Der Kontemplation über Leben und Tod, Natur und Vergänglichkeit wird viel Raum geboten. Unterbrochen werden die Alltagsszenen von Ausflügen in Traumwelten und in die Vergangenheit, in der die Stadien seiner Beziehung eingefangen werden.

Zwischen Pulli und Hose der Ansatz eines Männerhinterns

Gemeinsam ergeben die Episoden ein Poesiealbum, ein „Handbuch der Hoffnung“, so der Titel der kürzlich veröffentlichten deutschen Übersetzung. In jeweils acht Bildern pro Seite wird im Querformat klassischer Sonntagscomics in gedeckten Farben und klaren Linien erzählt. Das Buch muss nicht unbedingt in einem Rutsch gelesen werden; es eignet sich hervorragend für die sprunghafte, unterbrochene und wiederholte Lektüre.

Es ist eine entschleunigte Leseerfahrung, die genauso zum Mitmeditieren über die großen Fragen wie zum Schwelgen in stimmungsvollen Landschaftskulissen einlädt. Immer wieder bleibt man an einzelnen Zitaten oder Bildern hängen, an kleinen sinnlichen Finessen: Wie etwa die beiden Hauptfiguren einträchtig vornübergebeugt im herbstlich gefärbten Wald ihre Preiselbeeren sammeln, das hat etwas Beruhigendes.

Poesiealbum: Das Buchcover.
Poesiealbum: Das Buchcover.Foto: Avant

Und wenn zwischen Pulli und Hose mal der Ansatz eines Männerhinterns zu sehen ist, dann ist das eines jener Details, die zum Reiz dieses Büchleins beitragen. Der weise Mann verbringt viel Zeit in Unterhose, rülpst und spricht auch mal vulgär. Die Mischung aus existenzialistischer Philosophie und profaner Erfrischung führt dazu, dass der Comic trotz seiner gewichtigen Themen ganz unprätentiös daherkommt.

Tommi Musturi: Das Handbuch der Hoffnung, Avant, 224 Seiten, 29,95 Euro, Leseprobe auf der Website des Verlages

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