Henrik Rehrs "Der Attentäter" : Zwei Schüsse, 17 Millionen Tote

In seiner Graphic Novel "Der Attentäter" zeichnet Henrik Rehr ein zentrales Kapitel der Geschichte des Ersten Weltkriegs nach - und zeigt beklemmende Parallelen zur Gegenwart auf.

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Er werde in der Hölle enden, sagt man ihm, nachdem er am Abendbrottisch Gott für tot erklärt hatte. Doch die Antwort des jungen Mannes ist so knapp wie kalt: „Ich bin bosnischer Serbe. Ich bin schon dort.“ Von der Hölle, die er noch heraufbeschwören sollte, dürfte er da jedoch keine Vorstellung gehabt haben.

Zwei Schüsse gab Gavrilo Princip am 28. Juni 1914 ab. Danach waren der österreichische Thronfolger und seine Frau tot, die ersten zwei von 17 Millionen Opfern. Dem Attentat in Sarajewo auf Franz-Ferdinand folgte der Erste Weltkrieg. Eine Hölle, wie sie die Menschheit vorher noch nicht gekannt hatte.

Der in den USA lebende Däne Henrik Rehr zeichnet in seinem Buch „Der Attentäter“ das Leben des Gavrilo Princip in hart kontrastierten Schwarzweiß-Bildern nach. Er erzählt vom  entbehrungsreichen Leben auf dem Land, von den Verlockungen der Großstadt, von Träumen, die an Konventionen und der Realität zerbrechen, von Idealen und wie sie missbraucht werden. Von Liebe, Frust und Hoffnung. Zwischendurch gibt es historische Erläuterungen, Landkarten, Einordnungen und auch Einblicke in das Privatleben von Franz-Ferdinand.

Nüchterne Sprache - und doch poetisch

Die Sprache, derer sich Rehr dabei bedient ist nüchtern, fast sachlich kalt. „Die Proklamation der Annexion von Bosnien-Herzegowina durch Österreich führte zu Unruhen in Serbien.“ Oder: „In Belgrad kam es zu großen Demonstrationen, und die Reservisten wurden angesichts des drohenden Krieges in Serbien einberufen.“ Durch die Kombination mit den eindrucksvollen Bildern und das schnelle, schlaglichtgleiche Erzählen der nackten Fakten aber entsteht trotzdem ein Sog, der nicht frei von Poesie ist.

Etwas irritierend ist lediglich der uneinheitliche Stil der Zeichnungen. Gelegentlich wirkt es, als wären Zeichnungen eines Künstlers von verschiedenen Tuschern bearbeitet worden. In einem Moment sehen wir feinste, an Stiche erinnernde Schraffierungen, dann wieder fast holzschnittartige, impressionistische Bilder. Hier bis ins Detail ausgezeichnet Gesichter, dort fast cartoonig wirkende Nasen. Mal sind die Bilder schattiert, mal nicht.

Nichts desto trotz ist Rehr ein beeindruckende Buch gelungen, das nicht nur erzählerisch überzeugt, sondern durch das Abbilden der Strukturen der Radikalisierung beklemmende Parallelen zu den Biografien heutiger Fanatiker aufzeigt.

Henrik Rehr: Der Attentäter – Das Leben des Gavrilo Princip, Jacoby & Stuart, 224 Seiten, 28 Euro.

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