„Herr Lehmann“ als Comic : Berliner Linie

Tim Dinters Adaption von Sven Regeners „Herr Lehmann“ bleibt nah an der Vorlage und verzichtet auf Experimente. Gerade dadurch wird der Berliner Zeichner dem Original eher gerecht als die Kino-Verfilmung.

Ute Friederich
Liebling Kreuzberg: Eine Seite aus dem besprochenen Buch.
Liebling Kreuzberg: Eine Seite aus dem besprochenen Buch.Foto: Eichborn

Adaptionen von Romanen sind für Comiczeichner immer eine Herausforderung – besonders, wenn die Vorlage durch starke Dialoge in Erinnerung geblieben ist. Wenn es sich dann um ein Buch mit Kultstatus handelt, das bereits erfolgreich verfilmt wurde, ist die Herausforderung besonders groß. Tim Dinter hat sich ihr gestellt und Sven Regeners Berlin-Roman „Herr Lehmann“ von 2001 in einen Comic transformiert.

Den Vergleich mit der 2003 veröffentlichten Filmversion von Leander Haußmann muss der Berliner Zeichner, dessen Arbeiten regelmäßig auch im Tagesspiegel erscheinen, auf keinen Fall scheuen. Und auch mit den Stärken der literarischen Vorlage weiß er umzugehen.

So finden sich in seiner Adaption viele der Szenen, die aufgrund ihrer starken Dialoge nach der Lektüre des Romans noch lange im Gedächtnis haften. Denn es macht einfach Spaß zu lesen, wie der Kreuzberger Lebenskünstler Frank Lehmann sich in Rage reden kann, egal ob es um Schweinebraten oder verletzte Gefühle geht. Eine Rage, die irgendwie zu seiner Lebenshaltung gehört, die jedoch nie die Überhand über seine Lethargie gewinnt.

Genau diese Grundstimmung der Vorlage transportiert die Adaption des in Berlin lebenden Zeichners wunderbar. Dinters Entscheidung, nah am Originaltext zu bleiben, ist also genau richtig – auch wenn der Preis dafür manchmal übergroße Sprechblasen oder bildlich wenig abwechslungsreiche Panelstrecken sind. Wenn Frank mit der Köchin Katrin diskutiert, ob die Arbeit in einer Kneipe ein sinnvoller Lebensinhalt sei, dann finden sich über Seiten hinweg fast nur Panels, die die beiden Figuren im Close-up zeigen. Das ist auf der Bildebene nicht sehr spannend, gibt dem Text des Romans jedoch viel Raum. Hinzu kommt, dass Dinter, der für seinen klaren Strich bekannt ist, sehr sparsam beim Zeichnen der Mimik seiner Figuren ist.

Moderner Klassiker: Das Cover der Adaption.
Moderner Klassiker: Das Cover der Adaption.Foto: Lübbe

Erst so erreicht er im Zusammenspiel von Text- und Bildebene diese Balance zwischen Franks Gleichmut und seiner Wut und ist der Filmversion damit um einiges überlegen. Christian Ulmens Herr Lehmann wirkt dagegen zu aufgeregt, Gestik und Mimik bewegen sich an der Grenze zur Parodie.

Generell wirkt die Comicversion weitaus zurückgenommener als der Film. Das liegt vor allem an Dinters Zeichenstil. Klare Linien und wenige Grauschattierungen reichen ihm, um Figuren, Stadtansichten und Interieurs der Kneipen zu entwerfen. Lediglich wenn der Alkoholpegel von Frank und seiner Freunden steigt, verschwimmen die klaren Linien zunehmend zu Aquarellen. Und auch das am 9. November 1989 angesiedelte Ende des Romans ist im Comic weniger spektakulär inszeniert als im Film. Während Haußmann am Schluss die typischen Bilder aus der Nacht des Mauerfalls zeigt, deutet Dinter die Ereignisse nur durch Lautmalereien an, die den dunklen Himmel über Berlin füllen. Und er lässt wieder das Original sprechen: „Erst mal los. Der Rest wird sich schon irgendwie ergeben.“

Tim Dinter/Sven Regener: Herr Lehmann, Eichborn, 238 Seiten, 19,99 Euro.


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