Internationales Literaturfestival Berlin : Tod und Tanz

Beim 14. Internationalen Literaturfestival Berlin verhandeln Comicautoren existenzielle Fragen. Drei Neuerscheinungen von Katharina Greve, Judith Vanistendael und Stefano Ricci zeigen die unterschiedlichen Herangehensweisen.

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Abschied und Neuanfang. Eine Doppelseite aus "Als David seine Stimme verlor".
Abschied und Neuanfang. Eine Doppelseite aus "Als David seine Stimme verlor".Illustration: Judith Vanistendael

Am Mittwochabend hat der indische Autor Pankaj Mishra das 14. Internationale Literaturfestival Berlin eröffnet. Neben weltweit bekannten Autoren wie Janne Teller, Stewart O’Nan oder Junot Diaz werden auch zahlreiche Comic-Künstler in Berlin zu Gast sein. Der Franzose Cyril Pedrosa, der 2012 mit seinem warmherzigen Comic „Portugal“ den wichtigsten europäischen Comicpreis in Angoulême gewann, ist neben dem Berliner Comicautor Reinhard Kleist der Star unter den Comicgästen.

Darüber hinaus verheißen Auftritte von Zeichnern aus Indien, Rumänien, Spanien, Belgien und der Schweiz sowie eine Comicausstellung im Freien Museum Berlin spannende und vielfältige Eindrücke. Sammeln kann man diese am Sonntag im Rahmen des „Graphic Novel Day“ im Haus der Berliner Festspiele. In vier Gesprächsrunden wird dort das vielschichtige Verhältnis von Neunter Kunst und Realität erörtert, sei es auf der Grundlage gezeichneter Verarbeitungen von sozialen oder politischen Alltagsthemen oder anhand autobiografischer Comics.

Vielfältige Zugänge zu existenziellen Fragen

Mit Katharina Greve, Judith Vanistendael und Stefano Ricci werden dort drei Künstler auftreten, deren Comics ganz unterschiedliche Perspektiven auf die existenziellen Fragen des Lebens zulassen. Seit Menschengedenken ist der Tod ein immer wiederkehrendes Motiv kunsthistorischer Verarbeitung. Das Gilgamesch-Epos kommt ebenso wenig ohne Unterwelt aus wie die ägyptische Mythologie. Weitere religiöse Verarbeitungen des Todesmotivs folgten in der biblischen Altar- und Ikonenmalerei, in den mittelalterlichen Darstellungen von Totentänzen, Sensenmännern und Vanitas-Symbolen sowie den weltlichen Reflexionen des massenhaften Sterbens in den europäischen Kriegen, angefangen bei Francisco de Goya und Eugène Delacroix bis hin zu George Grosz oder Otto Dix.

Endstation: Eine Seite aus "Hotel Hades".
Endstation: Eine Seite aus "Hotel Hades".Illustration: Katharina Greve/Egmont

In der Literatur reicht die Auseinandersetzung von der griechischen Mythologie über Shakespeares Dramen bis in die Gegenwartsliteratur. Ob Thomas Manns „Zauberberg“, Paul Celans „Todesfuge“ oder Wolfgang Herrndorfs Tagebuch „Arbeit und Struktur“ – der Tod ist allgegenwärtig. Mal trägt er eine spielerische, mal eine schreckhafte, mal eine ironische, mal eine ernste Maske, je nachdem, welche Funktion er erfüllen soll.

Dies ist auch in den aktuellen Comics von Katharina Greve, Judith Vanistendael und Stefano Ricci der Fall, sie zeigen die vielfältigen Herangehensweisen an existenzielle Fragen. Die Berlinerin Katharina Greve betrachtet in „Hotel Hades“ den Tod von seiner komischen Seite und erzählt vom Nachleben dreier Attentatsopfer, die in ein Totenreich antiker Prägung eintreten. Dort betreibt der Fährmann Charon eine Reederei mit miesepetrigem Personal, die Verstorbenen werden in eine Megalopolis übergesetzt, in der sie ewiges Vergnügen, endlose Qual oder das totale Vergessen erwartet. Hier trifft Mythologie auf Ironie und schwarzer Humor gesellt sich zu bitterem Sarkasmus. Greves Unterwelt ist ein Paralleluniversum, in dem selbst die Toten noch kapitalistische Ausbeutung erfahren. Selten war der Tod so absurd und amüsant.

Auf Leben und Tod: Ein Bild aus »Die Geschichte des Bären«, das dieser Tage bei Avant erscheint.
Auf Leben und Tod: Ein Bild aus »Die Geschichte des Bären«, das dieser Tage bei Avant erscheint.Foto: Ricci/Avant

Ganz anders der autobiografisch motivierte Comic „Als David seine Stimme verlor“ der belgischen Zeichnerin Judith Vanistendael. Ihre in expressiven Zeichnungen umgesetzte Geschichte einer Krebserkrankung ist empathisch und berührend erzählt. Diese Erzählung dringt tief in unser Inneres, wo sich Wut und Traurigkeit breitmachen, die von der Hilflosigkeit herrühren, die eine solche Erkrankung einer nahestehenden Person auslöst. Zugleich wird hier von der Schönheit des Lebens erzählt, an der ein jeder im Angesicht der existenziellen Verlustangst festhält. Nach „Kafka für Afrikaner“ legt Judith Vanistendael einen anmutigen, würdevollen und leisen Totentanz vor, der seinesgleichen sucht.

Der Italiener Stefano Ricci, Partner der Comiczeichnerin Anke Feuchtenberger, hat den kunstvollsten Zugang zum Thema gewählt. In seiner in düster-abstrakten Zeichnungen gehaltenen Fabel „Die Geschichte des Bären“ (erscheint dieser Tage bei Avant) erzählt er vom „Problembären“ Bruno, der 2006 zwischen Südtirol und Slowenien hin- und her wanderte, und verwebt dessen Streifzug mit der Biografie des Verhaltensforschers Heinz Meynhardt, der Icherzählung des Rettungswagenfahrers Stefano und der abgründigen europäischen Geschichte. Grenzen zwischen Mensch und Tier, Vergangenheit und Gegenwart sowie Leben und Tod werden hier auf allen Ebenen aufgelöst.

Trauerarbeit: Eine Doppelseite aus "Als David seine Stimme verlor".
Trauerarbeit: Eine Doppelseite aus "Als David seine Stimme verlor".Illustration: Vanistendael/Reprodukt

Die Comics von Stefano Ricci, Judith Vanistendael und Katharina Greve stehen jeder für sich für eine neue erzählerische Herangehensweise an den Tod und machen deutlich, was diese Kunstform zu leisten imstande ist.

Karten für den Graphic-Novel-Tag (14. 9., 11–17 Uhr, Haus der Festspiele, Schaperstr. 24, 10719 Berlin): www.literaturfestival.com sowie unter Telefon (030) 25489100

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