Interview : „Darüber kann man nachdenken“

Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) äußert sich im Tagesspiegel-Interview erstmals öffentlich über die wachsende Bedeutung von Comics - und über eine stärkere staatliche Förderung der Kunstform.

Bernd Neumann ist seit 2005 Staatsminister bei der Bundeskanzlerin und Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien.
Bernd Neumann ist seit 2005 Staatsminister bei der Bundeskanzlerin und Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien.Foto: Mike Wolff

Tagesspiegel: In Deutschland ist in letzter Zeit eine wachsende Wertschätzung für Comics und Graphic Novels festzustellen. Wie sehen Sie diese Entwicklung und welche Bedeutung messen Sie als Staatsminister für Kultur und Medien dem Medium Comics/Graphic Novels bei?

Neumann: Die qualitative Entwicklung von Comics und Graphic Novels und die entsprechende Akzeptanz im Kunst- und Literaturbereich sind erfreulich. Der Erfolg insbesondere bei jüngeren Lesern liegt sicherlich auch daran, dass diese Kunstform den Sehgewohnheiten der Menschen in der modernen Kommunikationsgesellschaft in besonderer Weise entgegenkommt. Es gab Zeiten, an die ich mich noch sehr genau erinnere, wo Comics außerhalb eingeschworener Fan-Gemeinden als anspruchsloser „Kinderkram“ galten. Das hat sich grundlegend verändert. Aktuell kann man sogar von einem  international anhaltenden Comic-Hype sprechen, wobei die digitalen Medien mit ihren attraktiven Publikations- und Informations-Möglichkeiten, das noch verstärkt haben. Bei modernen Comics und insbesondere den Graphic Novels ist für mich auch die thematische Bandbreite vom Science Fiction und Kriminalgeschichten über Kriegsdokumentationen bis hin zur Adaption von Romanen der Weltliteratur beeindruckend. Comics und Graphic Novels bieten attraktive Möglichkeiten, Kinder und Jugendliche auf vielfältige Art zu begeistern und sozusagen ganz nebenbei ihr Seh-, Lese- und auch Sprachverständnis zu verbessern. Bei den Adaptionen ist der Comic und die Graphic Novel nicht zuletzt auch eine Motivation zum Kennenlernen des Originals.

Welchen Bezug haben oder hatten Sie als Privatmann persönlich zu Comics/Graphic Novels?

Das allererste Buch war für viele meiner Generation ein Comic: Der Struwwelpeter. Mich haben auch viele andere Bildgeschichten von Wilhelm Busch, dem Vater des deutschen Comic, erfreut. Einen persönlichen Zugang zur Comic-Kunst habe ich auch aufgrund meiner Beziehung zum Film. Es besteht ja eine enge Verwandtschaft von Film und Comic, die sich unter anderem auch in der Erstellung sogenannter Storyboards während der Produktionsphase eines Films zeigt.

Welchen Comic bzw. welche Graphic Novel haben Sie zuletzt gelesen?
Angeregt durch den mehrfach ausgezeichneten Zeichentrickfilm „Persepolis“ (2007) habe ich die gleichnamige Graphic Novel-Vorlage von Marjane Satrapi gelesen, die Geschichte der im Iran aufgewachsenen Künstlerin.
Vorgemerkt habe ich mir das Buch „Berlin - Geteilte Stadt“, in dem die Comicautoren Susanne Buddenberg und Thomas Henseler Erfahrungen von Zeitzeugen der Berliner Mauer verarbeitet haben.

Verglichen mit Ländern wie Frankreich, Belgien oder auch Kanada fällt auf, dass in Deutschland zwar staatliche Kulturförderung für viele Kunstformen vergeben wird, das Medium Comic bislang aber ohne solche Unterstützung auskommen muss. Wieso ist das so - und was halten Sie von Forderungen, auch die Schöpfer von Comics/Graphic Novels mehr als bisher durch Förderprogramme zu unterstützen?

Darüber kann man nachdenken. Für Deutschland gilt, dass die Kompetenz für die individuelle Förderung von Künstlerinnen und Künstlern grundsätzlich in die Hoheit der einzelnen Bundesländer fällt. Der Bund fördert – insbesondere aus Gründen der Freiheit und Staatsferne der Kunst – Künstlerinnen und Künstler nur mittelbar über von ihm finanzierte Einrichtungen wie zum Beispiel die Kulturstiftung des Bundes. Mit Bundesunterstützung wurden und werden u. a. Ausstellungen gefördert, die Comics gewidmet sind bzw. Werke mit Comic-Elementen zeigen, darunter zum Beispiel im vergangenen Jahr in Berlin eine Ausstellung zu Storyboards.

In Frankreich sind bei Comicfestivals wie dem in Angoulême viele Politiker zu sehen, die derartigen Veranstaltungen einen offiziellen Besuch abstatten und dadurch ihr Interesse und ihre Unterstützung des Mediums signalisieren. Können Sie sich vorstellen, als Staatsminister mit einer ähnlichen Intention auch mal für die deutsche Szene wichtige Veranstaltungen wie den Comicsalon Erlangen, das Comicfestival München oder auch den Graphic-Novel-Tag beim Internationalen Literaturfestival Berlin zu besuchen?

Ja, warum nicht? Mein Haus ist über den Hauptstadtkulturfonds, der allein vom Bund finanziert wird, an der Förderung des Internationalen Literaturfestival Berlin beteiligt. Insofern haben wir auch zum Zustandekommen des „Graphic Novel Day“ im Rahmen der diesjährigen elften Ausgabe des Festivals beigetragen.

(Das Interview wurde per E-Mail geführt, Fragen: Lars von Törne)

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