„Journal de Tintin“ : Als Tim und Struppi eine eigene Zeitschrift bekamen

Viele heute klassische frankobelgische Comicserien hatten hier ihr Debüt: Vor 70 Jahren erschien die erste Ausgabe der Zeitschrift „Tintin“.

Ralph Trommer
Alte Bekannte: Tim und Struppi auf dem Cover der ersten Ausgabe der Zeitschrift "Tintin" am 26. September 1946.
Alte Bekannte: Tim und Struppi auf dem Cover der ersten Ausgabe der Zeitschrift "Tintin" am 26. September 1946.Foto: Promo

Eine Zeitschrift namens „Tintin“? So heißt doch Tim, der Held der Comic-Abenteuerreihe „Tim und Struppi“ im französischen Original. Sein Zeichner, der Belgier Hergé alias Georges Remi (1907-83) kreierte die Figur bereits 1929 und hatte damit sofort immensen Erfolg. Doch erst nach dem 2. Weltkrieg bekam die beliebte Figur ihr eigenes Comic-Magazin. Der Brüsseler Verleger Raymond Leblanc hatte die Idee zu der neuen „Zeitschrift für junge Leute zwischen 7 und 77 Jahren“, in der Hergés Reporter Tim im Mittelpunkt stand. Hergé schlug sofort ein.

Am 26. September 1946 erschien die erste belgische Ausgabe des „Journal de Tintin“, die flämische Version nannte sich „Kuifje“, ab 1948 gab es auch eine Ausgabe für Frankreich. Hergé übernahm die künstlerische Leitung, während Leblanc als Chefredakteur fungierte. Die zuvor in der katholischen Jugendzeitschrift „Le Petit Vingtième“ und später in der Zeitung „Le Soir“ erschienenen Tim-Abenteuer wurden fortan zuerst in „Tintin“ veröffentlicht.

Aber natürlich sollte das wöchentlich erscheinende Magazin nicht nur aus einer Serie bestehen. Während der bisherige unumstrittene Marktführer in Brüssel, die 1938 gegründete Zeitschrift „Spirou“ vorwiegend humoristische Abenteuer bot, verfolgte „Tintin“ ein anderes Konzept: vor allem ernsthaftere, klassische Abenteuergeschichten in realistischem Zeichenstil sollten zum Markenzeichen des Magazins werden.

Nach Hergés Tod ging es für die Zeitschrift bergab

Hergés ehemaliger Assistent Edgar Pierre Jacobs gehörte zu den ersten Mitarbeitern, dessen neue Detektiv-Comicserie „Blake und Mortimer“ auch phantastisch-utopische Elemente aufwies. Eine ganze Reihe bislang unbekannter Künstler bekam in „Tintin“ Gelegenheit, eigene Figuren und Abenteuer zu entwickeln: etwa Jacques Martin mit der in der römischen Antike angesiedelten Serie „Alix“. Aber auch humorvolle Reihen wie die Indianerserie „Umpah-Pah“ vom späteren Asterix-Gespann Albert Uderzo und René Goscinny wurden ins Magazin aufgenommen.

Außerdem entstanden mit dem Flieger Dan Cooper, dem Detektiv Rick Master oder dem Rennfahrer Michel Vaillant weitere populäre Serienhelden, die zur Blütezeit des Magazins in den 1950ern beitrugen, in der „Tintin“ eine 100.000er Auflage erreichte.

Hergé erwies sich dabei als visionärer, aber auch strenger Kopf einer Künstlergruppe, die sich seiner Vorstellung von einer „klaren Linie“ anzupassen hatte – Zeichnungen und Geschichten sollten klar und gut verständlich sein, und so kann man bis heute Hergés Einfluss in den Werken vieler Künstler ablesen.

Trotz der langen Erfolgsgeschichte verlor das Magazin nach Hergés Tod Mitte der 1980er Jahre viele Leser. 1988 wurde es kurze Zeit als „Tintin Reporter“ fortgeführt, bis es schließlich unter dem gesichtslosen Titel „Hello bédé“ („Hallo Comic“) noch bis 1993 weiterlief. Keiner der noch im Magazin verbliebenen Serienhelden konnte an den Ruhm des Reporters mit der kecken Tolle heranreichen.

Die Beliebtheit Tintins/Tims ist im französischen Sprachraum indessen ungebrochen: Paris feiert das 70. Jubiläum der Zeitschrift mit einer großen Hergé-Ausstellung im Grand Palais. Mehr dazu demnächst auf den Tagesspiegel-Comicseiten.

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