Kerascoëts und Huberts "Schönheit" : Frauen sehen aus, Männer handeln

"Schönheit" ist ein als Feensaga erzählter Beitrag zur Lookism-Diskussion. Darin kritisieren Kerascoët und Hubert ein Menschenbild, dem sie sich doch zugleich auch beugen.

von
Märchenhaft: Eine Seite aus dem besprochenen Band.
Märchenhaft: Eine Seite aus dem besprochenen Band.Foto: Reprodukt

Die junge Morue gilt als hässlich und riecht nach Fisch. Dann wird ihr sehnlicher Wunsch nach Schönheit durch einen Zauber erfüllt - mit ungeahnten Konsequenzen... In leuchtend koloriertem und mittelalterlich inspiriertem Fantasiesetting, in dem die mächtigen Männer stets die schönen Frauen wählen, setzt der fesselnd erzählte und herausragend gestaltete Comic von Kerascoët und Hubert sich mit dem Zusammenspiel von Schönheit, Begehren, Status und Macht sowie den Geschlechterrollen mitsamt den ihnen innewohnenden Interessen und Erwartungen auseinander. 

Die Märchenform passt gut als Referenz für die so alte wie aktuelle Thematik, denn gerade dort hat sich die Aufgabenverteilung ins kulturelle Gedächtnis eingeschrieben: Frauen sehen aus, Männer handeln - wer der Gendernorm nicht entspricht, wird als defizitär wahrgenommen.

Eine unabhängige, kluge Frau? Unweiblich!

"Schönheit" macht da keine Ausnahme, sondern treibt die Sache, nahezu parodistisch, eher noch auf die Spitze. Die nunmehr schöne Morue wird zum durchaus physisch umkämpften Objekt des Begehrens der Männer, die ihrerseits im Übrigen für die Geschicke der Welt verantwortlich sind. Wo eine Frauenfigur unabhängig und klug handelt, wird sie als unweiblich bezeichnet und ebenso behandelt. In den drei – in Frankreich ursprünglich separat erschienenen – Teilen der Geschichte, "Erfüllte Wünsche", "Die wankelmütige Königin" und "Einfache Sterbliche" gelingt es dennoch, das Motiv mit vielschichtiger Perspektive ins Bild zu setzen.

In der sich stetig zuspitzenden Geschichte um Morues Schönheit, in der immer alles nur schlimmer wird, werden unterschiedliche Aspekte beleuchtet: Wie Schönheit auch Macht bedeuten und entsprechend instrumentalisiert werden kann; der Distanzverlust zum eigenen Selbst, der mit Eitelkeit einhergeht; Eifersucht und Konkurrenz unter Frauen, von denen außer Schönheit nichts erwartet wird, und denen somit keine Kompensationsmöglichkeit durch andere Qualitäten bleibt; die resignativ-zynische Ungläubigkeit von Minderwertigkeitskomplexen gegenüber entgegengebrachter Zuneigung.

Das Dilemma der Hässlichkeit

 Interessant ist, dass die Zeichner sich mit einer Krücke behelfen müssen: Der Zauber der zweifelhaften Fee, so wie er hier erzählt wird, verändert nicht das Aussehen der jungen Frau, sondern den Blick der Welt auf sie. 'Schönheit im Auge des Betrachters' im Wortsinn also - jedoch genügt es Kerascoët nicht, es bei dem ursprünglichen Äußeren der Figur zu belassen und lediglich das veränderte Feedback zu erzählen. Statt dessen wechseln sie beständig zwischen der 'hässlichen' und einer dem Ideal hiesiger Schönheitsvorstellungen entsprechenden Gestalt und rekurrieren so doch wieder auf das klassische großäugige, kleinnasige, gertenschlanke Bild, das man auch von Disneyprinzessinnen kennt.

Wer ist die Schönste im ganzen Land? Das Buchcover.
Wer ist die Schönste im ganzen Land? Das Buchcover.Foto: Reprodukt

Diese Entscheidung zeigt wohl in erster Linie, wie fest das Ideal verankert ist, und wie wenig Abweichungen davon als schön akzeptiert werden. 

Der fromme Wunsch, es möge anders sein, drückt sich im Epilog aus, in dem der Band ein versöhnliches Ende nimmt - sowohl für Morue, die doch noch zur Handlungsmacht findet, als auch innerhalb der Schönheitsdiskussion. Schönheit ist eben, suggeriert die Schlusspointe, doch eine kulturelle Norm: wirkmächtig, aber nicht unabänderlich.

Hubert und Kerascoët: Schönheit, aus dem Französischen von Ulrich Pröfrock, Handlettering von Sascha Hommer, Reprodukt, 152 Seiten, 36 Euro

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben