„Kleine Satelliten“ von Lydia Daher und Warren Craghead III : Im Fluss der Buchstaben

Einladung zum entschleunigten Lesen: In „Kleine Satelliten“ interpretiert der US-Zeichner Warren Craghead III Gedichte der Berliner Lyrikerin Lydia Daher.

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Zwischen Wort und Bleistiftstrich. Eine Seite aus dem besprochenen Buch. Für Komplettansicht auf das rote Kreuz klicken.
Zwischen Wort und Bleistiftstrich. Eine Seite aus dem besprochenen Buch. Für Komplettansicht auf das rote Kreuz klicken.Foto: Maro

„Einmal in einem Traum / nicht weit von hier / verschwand meine Sprache in Bildern.“ Mit diesen Worten, die fast wie eine Befürchtung klingen, beginnt eines der fünf Gedichte, die die Berliner Lyrikerin und Musikerin Lydia Daher eigens für eine Kooperation mit dem amerikanischen Comiczeichner Warren Craghead III verfasst hat. Mit der Bitte, vollkommen frei mit den Zeilen umzugehen, schickte sie ihre Texte samt zwei verschiedenen Übertragungen ins Englische an den Zeichner. Dieser setze die Gedichte in reduzierten Bleistiftzeichnungen um, die die Worte aufnehmen, weiterdenken und neue Bedeutungshorizonte öffnen. Die ursprünglich für eine Ausstellung entstandenen Zeichnungen sind nun unter dem Titel „Kleine Satelliten“ in Buchform im Augsburger Maro-Verlag erschienen.

 Worte und Bilder bereichern sich gegenseitig

Eines kann man über die Ergebnisse dieser Kooperation jedoch nun wirklich nicht sagen: Dass Dahers Sprache in den Bildern verschwinden würde. Ganz im Gegenteil – Worte und Bilder bereichern sich gegenseitig. Vielleicht, weil bei diesem Kooperationsprojekt so viele Grenzen überschritten werden. Die Grenze zwischen unterschiedlichen Kunstformen, die Grenze zwischen Text und Bild und nicht zuletzt die Grenze zwischen unterschiedlichen Sprachen.

 

Eine Art Sequenzialität: Eine Seite aus dem besprochenen Buch. Für Komplettansicht auf das rote Kreuz klicken.
Eine Art Sequenzialität: Eine Seite aus dem besprochenen Buch. Für Komplettansicht auf das rote Kreuz klicken.Foto: Maro

Vor allem die Letztgenannte hat den Arbeitsprozess Cragheads enorm beeinflusst und sich schließlich auch in der Struktur des Buches niedergeschlagen. Hatte er ursprünglich vor, einzelne Zeilen aus Dahers Gedichten herauszugreifen, begann er im Laufe der Arbeit, sich immer intensiver mit den unterschiedlichen Versionen der beiden Übersetzer und den Unterschieden zwischen ihren Übertragungen zu beschäftigen. Am Ende fertigte er für jede einzelne Gedichtzeile drei Zeichnungen an. So findet der Leser zu jedem Gedicht (eine reine Textversion liegt dem Buch auf einem Faltblatt bei) drei grafische Versionen, die im Buch in drei großen Blöcken angeordnet sind: das deutsche Original sowie die beiden Übertragungen von Paul-Henri Campbell und Lukas Wahden.

Potenzierte Leerstellen 

So lohnt es sich unbedingt, immer wieder vor und zurück zu blättern und die Abweichungen der einzelnen Zeichnungen voneinander mit den unterschiedlichen Interpretationen der beider Übersetzer in Bezug zu setzen. Vor allem der Vergleich mit der zeichnerischen Umsetzung des deutschen Originals ist spannend. Da Craghead kein Deutsch spricht, konzentrierte er sich beim Zeichnen hier vor allem auf die Buchstaben selbst, die als grafische Elemente eine wichtige Rolle in den Arbeiten des amerikanischen Zeichners spielen. Stets sind sie integraler Bestandteil des Bildes, fließen ineinander und verschmelzen mit den Bleistiftstrichen, die Cragheads Arbeiten dominieren.

 

Grenzüberschreitende Zusammenarbeit: Das Buchcover.
Grenzüberschreitende Zusammenarbeit: Das Buchcover.Foto: Maro

Das macht es an einigen Stellen schwierig, den Text zu entziffern, hat jedoch eine durchaus beabsichtige Wirkung. Man nimmt sich beim Lesen deutlich mehr Zeit für jede Seite als bei klassischen Comics, die man häufig recht schnell liest. Sobald die Textanteile gelesen sind, blättert man in der Regel weiter. Die über das Bild transportierten Informationen nimmt man zwar auf, nur selten hält man jedoch inne, um die Gesamtkomposition einer Seite zu betrachten oder einzelne Panels detailliert zu studieren. Cragheads Zeichnungen zwingen den Betrachter jedoch genau zu solch einem entschleunigten Lesen.

Dieser Effekt hängt zum Teil auch damit zusammen, dass „Kleine Satelliten“ im Gegensatz zu klassischen Comics über keine Panelstruktur verfügt. Jede Zeichnung – und damit auch jede Gedichtzeile – stehen allein auf einer Buchseite. Dennoch ergibt sich eine Art Sequenzialität und damit auch ein Rhythmus. Ein wesentliches Element, das Lyrik und Comic gemeinsam haben, genau wie die Tatsache, dass in beiden Kunstformen Leerstellen geschaffen werden, die vom Leser mit Bedeutung gefüllt werden. Wenn nun Werke der einen Kunstform in die andere übertragen werden, dann potenziert sich dieser Effekt der Leerstellen. Im Fall der Zusammenarbeit zwischen Lydia Daher und Warren Craghead kommt die Tatsache hinzu, dass sich zusätzlich durch die Übersetzungen Leerstellen zwischen Worten und Bleistiftstrichen ergeben.

Lydia Daher und Warren Craghead III: Kleine Satelliten, Maro-Verlag, 216 Seiten, 24 Euro. Leseprobe auf der Website des Verlages.

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