Koch-Comics : Mit einer Prise Humor

Rezepte, Wein und Schlemmen sind immer öfter Thema in Comics. Der zeichnende Koch Guillaume Long serviert am 7. November in Berlin eine Kostprobe aus beiden Welten: Kunst und Küche.

Marie Schröer,Lars von Törne
So geht’s. Guillaume Long bei einem Crêpes-Meister.
So geht’s. Guillaume Long bei einem Crêpes-Meister.Foto: Carlsen

Der Gast aus Frankreich rümpft die Nase. „Das soll Wein sein?“, fragt Étienne Davodeau und schaut seine Tischnachbarn irritiert an. Vor dem Comicautor steht ein Krug Apfelwein, der Klassiker in der Frankfurter Traditionsgaststätte „Atschel“. Davodeau schnuppert, nimmt einen kleinen Schluck und schaut seine deutschen Begleiter empört an. „Wie könnt ihr so etwas Wein nennen?“, ruft er und lacht. Dann ordert er eine Flasche Heppenheimer Stemmler Riesling, nimmt einen tiefen Schluck und schaut glücklich in die Runde.

„Wenn Wein und Comic sich begegnen“

Mit Weinen kennt Davodeau sich aus. Und das nicht nur, weil er mit seiner Familie seit 15 Jahren in einem Weindorf an der Loire lebt. Der angesehene Comiczeichner hat sich auf eine große Entdeckungsreise durch die Welt des Weins gemacht, deren Ergebnis jetzt unter dem Titel „Die Ignoranten – Wenn Wein und Comic sich begegnen“ auf Deutsch erschienen ist (Egmont, 272 Seiten, 29,99 Euro). Für diese Graphic Novel hatte der 48-Jährige dem renommierten Winzer Richard Leroy ein Experiment vorgeschlagen: Jeder führt den anderen bis ins letzte Detail in seine Welt ein, und Davodeau hält die wechselseitige Annäherung mit dem Stift fest. Der Austausch der beiden, der sich über ein gutes Jahr hinzog, ist ein faszinierender Dialog zweier Kunstformen geworden, eine so unterhaltsame wie lehrreiche Annäherung zweier Enthusiasten, die auch den Leser für die Feinheiten der Comic- und der Wein-Kunst begeistern können.

Die Verbindung von Comic- und Feinschmeckerwelt mag aus deutscher Sicht ungewöhnlich klingen. Für Frankreich, wo Comics als „neunte Kunst“ gefeiert werden und die Nationalküche Weltkulturerbe ist, ist das Zusammenspiel folgerichtige Konsequenz.

Erinnerung an Prousts legendäre Madeleine-Episode

Vorreiter ist in diesem Fall allerdings Japan, dessen Begeisterung für Comics und das Kulinarische kaum zu übertreffen ist. Die Koch-Manga-Serie „Oishinbo“ (Dt: Der Gourmet), die die Abenteuer des Food-Journalisten Shiro Yamaoka auf der Suche nach dem ultimativen Menü erzählt, wurde schon 1983 zum Bestseller. Die ersten zwei 2006 und 2008 in Frankreich erschienenen Weincomics sind ebenfalls Übersetzungen der Manga-Serien „Les gouttes de Dieu“ (Die Tropfen Gottes) und „Le Sommelier“, die in Japan für einen reißenden Absatz von Pinot Noir gesorgt haben sollen.

Auf Entdeckungsreise: Eine Seite aus "Die Ignoranten".
Auf Entdeckungsreise: Eine Seite aus "Die Ignoranten".Foto: Egmont

Eine andere Art von Gourmet-Manga, 2005 ins Französische übersetzt, könnte eher als Inspirationsquelle der aktuellen französischen Kulinarzeichner vermutet werden: Jiro Taniguchi hat mit „Le gourmet solitaire“ (Der einsame Gourmet) eine fast meditativ anmutende grafische Erzählung geschrieben: Ein Geschäftsmann sucht jeden Tag eine neue Garküche auf. Die Düfte und Geschmäcker setzen Erinnerungen frei, ganz wie in Prousts legendärer Madeleine-Episode. Die Textebene steht dabei im Hintergrund.

Berauscht von Düften schwebt er über dem Küchenboden

Genau da liegt die Stärke des Mediums: Das sinnliche Erlebnis des Kochens, des Essens und auch des Weinbaus und des Trinkens in Bilder zu übersetzen. Einen Vorgeschmack gibt es nun auch für die deutschen Leser. Neben Davodeaus „Die Ignoranten“ erscheinen hier jetzt zwei weitere französische Werke: Christophe Blains „In der Küche mit Alain Passard“ (Reprodukt, 96 S., 17 Euro) und Guillaume Longs „Kann denn Kochen Sünde sein? Ein Comic für Genießer“ (Carlsen, 144 S., 24,90 Euro).

Kreative Köpfe: Eine Seite aus "In der Küche mit Alain Passard".
Kreative Köpfe: Eine Seite aus "In der Küche mit Alain Passard".Foto: Reprodukt

„In der Küche mit Alain Passard“ ist ein Porträt des Dreisternekochs, der in Paris das Restaurant „L’Arpège“ betreibt. Wie in „Die Ignoranten“ wird die Begegnung zweier Meister erzählt: Drei Jahre lang hat Comicautor Blain Passard in dessen Restaurantküche beobachtet und seine Gemüsegärten besucht. Mit seinem karikaturalen Strich hat er nicht nur das Treiben am Herd, sondern auch die Gesten Passards eingefangen: Überdimensionale Hände, die Gemüse liebkosen und farblich abgestimmte Stillleben komponieren, bevor es an die Zubereitung geht. Aus dem Augen- wird ein Gaumenschmaus. Blain bannt die Farb- und Geschmackswelten Passards in schwelgerisch bunte Bilder. Er bedient sich mit grafischen Metaphern klassischer Comic-Codes, um seine Genusserlebnisse darzustellen: Berauscht von Küchendüften sehen wir ihn mal über dem Küchenboden schweben, mal zu einem Schmetterling verwandelt, als er ein Heu-Eis kostet, wird er gleich in den Heuschober seiner Kindheit zurück katapultiert. Passards Credo: „Ich wünschte, dass man über Karotten wie über Weine reden würde.“

Nicht zuletzt ist der Comic auch ein Kochbuch. Die Zutaten sind schlicht und regional, die Zubereitung ist originell, wie beim Sushi aus Möhren, Fenchel, Rotkohl und Rüben, in dem das in Reispapier gewickelte Gemüse die Reiskörner ersetzt, die Zeichnungen liefern plastische Anleitungen.

Der Weinberg als komplexes, lebendiges Wesen

Wie ergiebig so ein Dialog zwischen Experten unterschiedlicher Disziplinen sein kann, führt Étienne Davodeau in „Die Ignoranten“ ebenfalls meisterhaft vor. Sein in realistischen, dezent getuschten Bildern festgehaltener Erfahrungsaustausch mit dem Winzer Richard Leroy ist außerordentlich kurzweilig. Das liegt vor allem am Gespür des Autors für prägnante Episoden, die vom Rebenschnitt über die Bodenanalyse und den Kauf der richtigen Weinfässer bis zu den Details des Gärungsprozesses die Kunst des Weines vermitteln, ohne mit zu vielen Details zu langweilen. Die beiden sympathischen Hauptfiguren führen mit Liebe zur eigenen Profession, aber auch einer Prise Selbstironie in ihre Welten ein. Sie nehmen die Leser mit zur anstrengenden Arbeit auf dem Weinberg und auf Comicfestivals, lassen ihn an Treffen mit Winzern und Zeichnern teilhaben, bei denen mit Leidenschaft diskutiert wird. Und sie vermitteln, was einen guten Comic respektive Wein ausmacht – und wie sehr das Urteil letztendlich doch vor allem eine Frage des persönlichen Geschmacks ist.

Vom Äppelwoi nicht überzeugt: Étienne Davodeau vor kurzem beim Besuch der Frankfurter Buchmesse.
Vom Äppelwoi nicht überzeugt: Étienne Davodeau vor kurzem beim Besuch der Frankfurter Buchmesse.Foto: Lars von Törne

Immer wieder vergleichen Davodeau und Leroy den sensiblen Prozess des Weinanbaus und der Verarbeitung mit der Arbeit als Autor und Zeichner und entdecken Parallelen zwischen ihren beiden Professionen – von der oft einsamen Arbeit auf dem Weinberg und am Schreibtisch bis hin zur Angst, die Früchte der eigenen Arbeit in die Hände anderer Menschen zu legen, wenn es an die Abfüllung oder den Buchdruck geht. Dazu gibt es interessante Exkurse zur Biodynamik, der Leroy anhängt, für den ein Weinberg nicht nur eine Parzelle ist, sondern ein komplexes, lebendiges Wesen. Comic-Kenner können sich zudem an Besuche bei namhaften Zeichnern der französischen Szene erfreuen.

Kochen und Plaudern mit Guillaume Long

Einen ganz anderen Zugang zur kulinarischen Welt vermittelt der Schweizer Zeichner, Autor und Hobbykoch Guillaume Long, der auf lemonde.fr den Kochblog „À boire et à manger“ (Dt.: Essen und trinken) unterhält. Sein darauf basierendes Buch „Kann denn Kochen Sünde sein?“ stellt er diese Woche bei einer Kochveranstaltung in Berlin persönlich vor: eine bunte Collage aus Rezepten, kulinarischen Anekdoten, Reise(auf)zeichnungen, Restaurantempfehlungen, Wortwitzen und Warenkunde in Form von Listen mit vielversprechenden Titeln wie „Kleiner Führer anhand dessen man einen Fisch erkennt, wenn er nicht die Form eines Fisches hat, auch um seinen Fischhändler zu beeindrucken“.

Für Genießer: Die Titelbilder der drei besprochenen Bände.
Für Genießer: Die Titelbilder der drei besprochenen Bände.Foto: Promo

Zum humoristischen Ton passen die fröhlich runden cartoonhaften Zeichnungen perfekt. Aber Guillaume Long hat noch mehr zu bieten als Wortwitz, lustige Bilder und eine große Portion unterhaltsamer Selbstironie: Praktische Alltagstipps packt er in wunderbare Bilder. So hat er eine detaillierte Anleitung gezeichnet, wie man mit einer normalen italienischen Espresso-Kanne besseren Kaffee kochen kann als mit den teuersten Kapseln. Oder wie man verhindert, dass Auberginen sich mit Öl vollsaugen, und wie aus schlichtem Brokkoli eine Delikatesse wird. Das hätte auch Sternekoch Alain Passard nicht besser gekonnt.

Terminhinweis: Guillaume Long kocht am 7. November in der ExRotaprint-Kantine in Berlin-Wedding nach Rezepten aus seinem Buch sowie dem von Christophe Blain und beantwortet Fragen zu seinen Küchentricks. Es moderierte Tagesspiegel-Autor Thomas Hummitzsch. 8 Euro, ermäßigt 5 inklusive ein Getränk und Speisen. Mehr Informationen unter diesem Link, Anmeldung unter kochen@reprodukt.com.

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