Kulinarische Comics : Der Krieg der Köche

Kulinarische Comic-Abenteuer: Jiro Taniguchi, Anthony Bourdain und einmal mehr Guillaume Long erzählen drei grundverschiedene Geschichten rund um den Genuss.

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Unfreundliche Übernahme: Eine Seite aus „Schnappt Jiro“.
Unfreundliche Übernahme: Eine Seite aus „Schnappt Jiro“.Foto: Panini

Vor gut einem Jahr führten Christophe Blain („In der Küche mit Alain Passard“), Guillaume Long („Kann denn Essen Sünde sein“) und Étienne Davodeau („Die Ignoranten“) ein neues Sub-Genre der Neunten Kunst: ein, die Kulinaria-Comics . Nun sind fast zeitgleich drei neue Comics erschienen, die mit ihren Geschichten in die Welt der Küche eintauchen.

Einsamer Genießer

Masayuki Kusumi und Jiro Taniguchi erzählen in „Der Gourmet“ (Carlsen, 192 Seiten, 14,90 Euro) in achtzehn Kapiteln „Von der Kunst allein zu genießen“. Im Mittelpunkt ihrer Erkundungen der japanischen Küche steht der Importhändler Herr Inogashira (vielleicht ein Wortspiel auf den Tokioter Inokashira-Park, in den sich Jiro Taniguchi zur Entschleunigung zurückzieht), der, getrieben von einem scheinbar unstillbaren Hungergefühl, durch die Straßen von Tokio irrt. Der Importhändler ist aber kein Gourmet, sondern einfach einer, der gern und viel isst. Ob gebratenes Schweinefleisch oder gegrillte Dampfnudeln (Manju), ob Nudelsuppe (Ramen) oder in der Schale gekochte Kreiselschnecke – am liebsten isst er alles auf einmal, eine Portion weißer Reis darf nicht fehlen. Herr Inogashira scheut auch nicht vor den Fertiggerichten aus dem Supermarkt oder dem Essen der Convenience-Foodstores in den Einkaufsmeilen Tokios zurück. Er ist eben viel auf Reisen, und manchmal muss man da nehmen, was man kriegt. Nichts desto trotz isst er es mit großer Wonne, schlürft, schaufelt und schlotzt, was das Zeug hält.

Flanieren und futtern: Der Protagonist von "Der Gourmet" auf dem Buchcover.
Flanieren und futtern: Der Protagonist von "Der Gourmet" auf dem Buchcover.Foto: Carlsen

Inogashira einen Gourmet zu nennen würde allen wirklichen Gourmets nicht gerecht werden. Aber vielleicht kann man ihn als Connaisseur bezeichnen. Denn es ist nicht so, dass er sich nicht auskennen würde. Er weiß genau, welches Gericht sich lohnt und welches nicht, worauf es ankommt und was Speisen besonders macht, bei welchen Gerichten sich ein Wagnis lohnt und wann man besser auf seinen Koch des Vertrauens zurückgreift. Allerdings kommt man diesem Freund des Essens nicht wirklich nahe. Was dieser vermeintlich viel beschäftigte Mann sucht, ist seine Ruhe. Immer ist er allein unterwegs, und wenn ihn jemand anspricht, ist er schnell überfordert. Die Dialoge beziehungsweise inneren Monologe bleiben daher seltsam hölzern und selbst Taniguchis oft so bezaubernde Zeichnungen wirken hier statisch und ungelenk.

Was dieser Band aber bietet ist ein Einblick in die vielfältige japanische Küche und Esskultur. Hier profitieren die Lesenden von Inogashiras berufsbedingter Rastlosigkeit. Mit ihm ziehen sie von der behelfsmäßigen Imbissbude bis zum romantischen Restaurant inmitten eines japanischen Zen-Gartens, erkunden die riesigen Auslagen in den Supermärkten ebenso wie die kleine aber feine Auswahl in den geheimnisvollen Hinterhofküchen der Tokioter Seitenstraßen. Es bleibt aber beim Einblick, Faszination oder gar Neugier werden hier kaum geweckt.

Geheimnisse der Weltküche

Wie das funktioniert, weiß keiner besser als der amerikanische Spitzenkoch Anthony Bourdain. Wer jemals dessen Bestseller „Ein Küchenchef reist um die Welt“  gelesen hat, wird das lachmuskelfordernde Kapitel seines Japanaufenthalts nicht vergessen. Der Autor dieses Textes kennt keine bessere Lektüre, um den Geheimnissen der Weltküche auf den Grund zu gehen. Nun hat sich Bourdain mit dem Journalisten Joel Rose sowie den DC- und Vertigo-Illustratoren Langdon Foss und José Villarubia zusammengetan, um eine „Sushi-Mörder-Ballade“ in Text und Bild vorzulegen. „Schnappt Jiro“ heißt die rasante Geschichte um den Sushi-Meister Jiro, der in den Außenbezirken von Los Angeles ein kleines, aber feines Sushi-Restaurant betreibt (Panini, 160 Seiten, 19,99 Euro).

Spitzenkoch mit Comic-Faible: Der Protagonist von Anthony Bourdains Comic
Spitzenkoch mit Comic-Faible: Der Protagonist von Anthony Bourdains ComicFoto: Panini

Die Geschichte spielt in einer noch fernen Zukunft, in der die Lebensmittelbranche die Welt regiert und LA von zwei Gastronomie-Warlords beherrscht wird. Deren Konkurrenz ist eine besondere Art der Kriegsführung. Der skrupellose Spitzenkoch Bob und die hinterhältige Ökoköchin Rose terrorisieren mit ihren Kochimperien „International“ und „The Farm“ die ganze Stadt. Während Bob versucht, mit seiner internationalen Hipstergastronomie den Markt zu erobern, setzt Rose auf vegetarische Regionalküche. Hinter den Kulissen aber führen beide denselben Kampf. Sie kontrollieren die Obst- und Gemüseeinfuhren, lassen die Lebensmittelpreise explodieren und verdrängen jede Konkurrenz durch freundschaftlich-feindliche Übernahme. Jiros Sushi-Laden ist so eine Konkurrenz, denn was dort serviert wird, ist allerfeinste japanische Traditionsküche. Und so etwas spricht sich herum in dieser Welt des Kulinarischen Kriegs.

Das erinnert stilistisch an die Comic-Serie „Chew“  von Rob Guillory und John Layman, die in den USA seit ihrem Start vor fünf Jahren auf einer Welle des Erfolgs reitet. Im Januar ist bei Cross Cult der neunte von voraussichtlich zwölf Bänden der packenden, mit zwei Eisners und zwei Harveys ausgezeichneten Story (Cross Cult, 128 Seiten, je 16,80 Euro) erschienen. Der Titelheld in Bourdains Comic erinnert in seinem leidenschaftlichen, aber abgeklärten Kampf für Gerechtigkeit an den vegetarischen Cibopathen Tony Chew, die Hauptfigur von Guillory und Layman. Die Versuche von Bob und Rose, ihn für die jeweils eigene Sache zu gewinnen, nutzt er, um die Diktatur ihrer Küchen anzugreifen. Es entspinnt sich ein packender Endzeitkampf, in dem sein Sushi-Messer nicht nur zum Filettieren von Aal und Thunfisch Verwendung findet.

Pragmatisch durchs Küchenjahr

Die Zweckentfremdung von so manchem Küchenutensil kennt auch der Schweizer Wahlfranzose Guillaume Long. Im Carlsen-Verlag finden die kulinarischen Ausflüge und Selbstversuche des Hobbykochs, die er seit Jahren für die französische Tageszeitung Le Monde auf einem eigenen Blog dokumentiert, ihre Fortsetzung. Wie schon im ersten Teil „Kann denn Kochen Sünde sein?“ nimmt er sich in „Nicht ohne meine Schürze“ (Carlsen, 128 Seiten, 24,90 Euro) gern selbst auf den Arm und beleuchtet mit Witz und (Selbst-)Ironie die Kunst des Kochens aus der Perspektive des Laien. Zur Seite stehen ihm dabei erneut: der neunmalkluge Pépé Roni, der die Fachbegriffe des Kochens in kurzen Wortpaaren erklärt; sein „neuer Freund“ und Schwimmpartner, der im echten Leben Profikoch ist und ihm so manches Küchengeheimnis verrät; seine Frau Nancy, die Bücher schreibt und Long auf ihre Dienstreisen mitnimmt, so dass er vor Ort der lokalen Gastronomie auf den Grund gehen kann.

Allwissender Experte, überforderter Anfänger: Guillaume Long auf dem Cover seines aktuellen Buches.
Allwissender Experte, überforderter Anfänger: Guillaume Long auf dem Cover seines aktuellen Buches.Foto: Carlsen

Guillaume Long gibt in seinen gezeichneten Kochabenteuern mal den allwissenden Experten, mal den überforderten Anfänger. Hat er sich bislang als Freund frisch gelegter Eier und Fischfanatiker, als Anhänger guten italienischen Kaffees und leidenschaftlicher Streiter des eigenen Raclette-Pfännchens geoutet, setzt er in der Fortsetzung seiner Küchenabenteuer – gewohnt pragmatisch und durch das Küchenjahr reisend – auf Kürbis und Risotto. In seine Kochtipps hat er Hinweise zur praktischen Ausstattung der eigenen Küche und zur Warenkunde eingestreut. Andere Freizeit-Küchenchefs werden in diesem Guillaume Long einen Freund und Vertrauten finden.

Wer den ersten Band seiner kulinarischen Geschichten kennt, wird von der Fortsetzung ein wenig enttäuscht sein. Die praktischen Kochtipps und Rezepte sind hier im Vergleich zu „Kann denn Kochen Sünde sein?“ ziemlich reduziert worden. Stattdessen findet man jetzt kleine fantastische Abenteuer rund ums Essen, die der Autor und seine fiktiven Figuren erleben. Dennoch lässt „Nicht ohne meine Schürze“ keinen Zweifel aufkommen, dass man es bei Guillaume Long mit einem passionierten Freund des guten Essens und Trinkens zu tun. Dass seine kulinarischen Genüsse oft aus der Ecke „einfach“ kommen und selten mit gehobener Küche zu tun haben, macht Longs Anekdoten zu gezeichneten Appetizern für Jedermann.

Mehr über aktuelle Koch- und Feinschmecker-Comics lesen Sie unter diesem Link.

Weitere Tagesspiegel-Artikel unseres Autors Thomas Hummitzsch lesen sie hier, zu seiner Website intellectures.com geht es hier.

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