Kunst-Comic : Ertrinken in New York

Alles im Fluss: In seiner nahezu wortlosen Bildergeschichte „Flut!“ erzählt der New Yorker Künstler Eric Drooker von der Einsamkeit der Großstadt und dem letzten großen Regen. Leicht macht er es seinen Lesern dabei nicht.

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Ohne Worte: Ein Bild aus dem besprochenen Buch.
Ohne Worte: Ein Bild aus dem besprochenen Buch.Foto: Promo

Comic-Größe Art Spiegelman („Maus“) gibt sich in seinem Vorwort zu Erik Drookers „Flut!“ mächtig begeistert angesichts dieser surrealen Bildergeschichte mit Holzschnitt-Anmutung, die in einem Zeitraum von sieben Jahren auf Schabkarton entstanden ist und in der Tradition der stummen Bildgeschichten steht, die auf den belgischen Expressionisten Frans Masereel (1889-1972) zurückgehen. Zudem ist ein Hauch von Crumbs Comix-Anatomie und von Will Eisners feinen Betrachtungen der Menschen und des Lebens und nicht zuletzt des Regens in New York zu spüren, wenn Drookers Protagonist durch den urbanen Moloch wandelt. Dabei vermag er höchstens die flüchtige Gesellschaft einer Frau oder einer Katze zu finden und verliert sich in der Einsamkeit, im Untergrund, in Traumwelten, in Kunstwelten, und schließlich im nassen Weltuntergang.

Verquast oder genial?

In „Flut!“, das im Original erstmals 1992 in gesammelter Form erschienen ist, erzählt Eric Drooker seine Geschichte mit Hilfe von Doppelseiten, ganzen Seiten, Piktogramm-Ansammlungen und Panels in Schwarz und Weiß (und ein bisschen Blau). Obwohl: Eigentlich erzählt der in New York geborene und lebende Drooker, der im Sommersemester 2013 als Gastprofessor an der Hochschule der Bildenden Künste in Saar über Masereel dozierte, in seinem autobiografisch gespeisten Werk sogar zwei Geschichten mit einem spürbaren Einschnitt in der Mitte. Beide Teile der mit dem American Book Award ausgezeichneten Bildgeschichte kommen so gut wie ohne Worte aus, und beide handeln vom Ertrinken – in der großstädtischen Einsamkeit und Abgeschiedenheit; und in der großen, apokalyptischen Sintflut, die den Hochhäusern New York Citys letztlich bis zum Hals steht und das 20. Jahrhundert wie eine Vision des britischen Schriftstellers J. G. Ballard beendet.

Die Rezeption von „Flut!“ hat viel mit der eigenen Interpretationsfreudigkeit zu tun. Lässt man sich vom Fluss und Schwung des ‚wortlosen Romans’ und seiner ausdrucksstarken Bilder mitreißen, und macht man unter Wasser die Augen auf? Oder gibt man die Suche nach einem straffen roten Faden im Wasser auf und kehrt genervt an die aufgewühlte Oberfläche zurück, ohne sich richtig auf Drookers Story einzulassen?

Für die einen dürfte „Flut!“ ein überanalytischer, verquaster Kunst-Comic sein – und für die anderen eine kraftvolle, interpretationsfreudige Gesellschaftskritik, politisch engagiert, psychologisch reizvoll und handwerklich überzeugend. Viel Raum zur Interpretation und Diskussion für gerade einmal 150 Seiten mit kaum einem Wort – faszinierend ist „Flut!“ allemal. Da verkommt die latente Beziehung zur Science Fiction, die durch den Weltuntergang thematisch mitschwingt, völlig zur Nebensache. Gleiches gilt für die Frage, ob ein solcher Bildroman ganz ohne Worte der wahren Definition von „Graphic Novel“ am nächsten kommt.

Ein Denkmal für New York

21 Jahre Warten: Das Buch erschien erstmals 1992, eine deutsche Ausgabe gab es bislang aber nicht.
21 Jahre Warten: Das Buch erschien erstmals 1992, eine deutsche Ausgabe gab es bislang aber nicht.

Abgerundet wird die deutsche Ausgabe beim Avant-Verlag durch ein langes Interview mit Drooker, das noch mehr Einsicht in Entstehung und Motivik bietet, und eine Galerie mit einer Auswahl seiner wunderbaren „The New Yorker“-Cover. In denen wirft der vielseitige Kollaborateur von Beatnik-Autor Allen Ginsberg („Howl“) einen weiteren, wenn auch deutlich bunteren Blick auf die vielen Gesichter der amerikanischen Metropole, egal ob aus luftiger Höhe, im Schneegestöber, im Lichtermeer oder im überwucherten Zustand nach dem Untergang der Zivilisation.

Eric Drooker kommt von seiner Heimatstadt also nie wirklich los – und setzt ihr mit seiner wandelbaren Kunst und jeder neuen Arbeit ein zuweilen abstraktes Denkmal, während er seine Beobachtungen und Gedanken visualisiert und somit versucht, der Flut an Eindrücken, Empfindungen, Erinnerungen und Erfahrungen Herr zu werden, die New York ihm beschert.

Erik Drooker: Flut, 192 Seiten, Avant, 19,95 Euro, Leseprobe unter diesem Link.

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