Literaturcomic : Reise ins Herz der Erzählungen

„The Unwritten“ huldigt der Macht der Fantasie. Inzwischen liegt der dritte Sammelband der so klugen wie literarisch anspruchsvollen Serie auf Deutsch vor.

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Zwischen Realität und Fiktion: Eine Szene aus dem aktuellen dritten Sammelband.
Zwischen Realität und Fiktion: Eine Szene aus dem aktuellen dritten Sammelband.Foto: Panini

Die komplexe Fantasy-Serie „Unwritten - oder das wirkliche Leben“ reflektiert ähnlich wie die meisterhaften Comic-Epen „Fables“ oder „Sandman“ über die kreative Kraft der Literatur. Doch anders als bei diesen beiden Serien stehen hier nicht Mythen- und Märchenfiguren, sondern die Literatur selbst im Zentrum des Comics.

Der Szenarist Mike Carey rückt gemeinsam mit dem Zeichner Peter Gross die Macht des Erzählens in den Mittelpunkt. Jene Gabe, der es zu verdanken ist, dass in der Welt der Literatur zahllose imaginäre Orte entstanden, welche nur durch das Geschick des Erzählers lebendig wurden. Somit kann Literatur auch als ein möglicher Ort außerhalb der Welt verstanden werden, den zu erschaffen versteht, wer fesselnd erzählen kann - ein raumloser Ort zwischen Fiktion und Realität, in dem alles Ungeschriebene möglich ist.

Die der Reihe zugrunde liegende Idee der Reise ins Herz der Erzählungen besticht vor allem durch die elegante Inszenierung der literarischen Topografie und ihrer Verschränkung mit den lebensweltlichen Vorbildern und Vorlagen. Und die starke Sogwirkung des Comics lässt sich aus dem stetigen Wechsel zwischen beiden Welten erklären, die symbiotisch miteinander verbunden sind, denn eine Welt ohne Erzählungen ist nicht denkbar. Somit ist „The Unwritten“ auch eine ausgesprochen kluge Meditation über die Kulturtechnik des Erzählens, die auch zum Misstrauen gegenüber dem Erzählten auffordert und zum Hinterfragen einlädt. Die Serie bezieht ihre Kraft aus der Suche nach der Inspiration außerhalb der Geschichten, denn Literatur bildet in verfremdeter Form immer auch Realität ab.

Mit Sogwirkung: Eine der actionreicheren Szenen aus dem aktuellen Band.
Mit Sogwirkung: Eine der actionreicheren Szenen aus dem aktuellen Band.Foto: Panini

Dieses Spannungsfeld von Erdachtem und Vorhandenem, wird durch die Hauptfigur der Serie – einen jungen Mann namens Tommy Taylor - verdeutlicht. Er ist der Sohn eines weltbekannten, verschwundenen Bestsellerautors, der seinen jugendlichen Serienheld stark an Tommy angelehnt hatte. Oder war es vielleicht auch anders herum? Lehnte sich Tommys Leben womöglich an das Vorbild seines fiktionalen Spiegelbilds an? Diese Frage nach dem Rollenverständnis ist das zentrale Motiv der Serie, denn die bisherige Ordnung ist gefährdet. Nicht mehr die Realität inspiriert die Geschichten, sondern umgekehrt - das Virtuelle prägt die Realität.

Tommy befindet sich nicht nur auf der Suche nach seinem Vater, sondern auch auf der Suche nach seiner eigenen Persönlichkeit, seiner eigenen Geschichte. Bei dieser Jagd nach der Wahrheit hilft ihm eine besondere Begabung, denn für ihn sind die Grenzen zwischen faktischer, tatsächlicher Welt und den Welten des Erdachten durchlässig, ein Wechsel zwischen ihnen ist jederzeit möglich. Tommy kann in die Literatur eindringen, ins Geflecht der Erzählungen. Faszinierend hierbei ist das profunde historische Wissen des Autors, welcher seine Figur immer wieder literarische Forschung betreiben lässt, die selten nur einen Ursprung hat.

Fortsetzung folgt: Cover der deutschen Ausgabe des dritten Sammelbandes.
Fortsetzung folgt: Cover der deutschen Ausgabe des dritten Sammelbandes.Foto: Panini

Taylor begibt sich bei der Suche nach seinem verschwundenen Vater auf eine Reise zu den Hotspots der Literatur, durchschreitet die Karte der Imagination. Egal, ob vor dem realen architektonischen Vorbild für das Wahrheitsministerium über Orwells 1984 sinniert oder in der Villa Diodati, dem Entstehungsort von Frankenstein, tief in eine der folgemächtigsten Geschichten der Moderne eintaucht - immer wieder wird die Grenze zwischen Realität und Fiktion und die Überlappung der beiden Sphären der Literatur deutlich markiert.

„The Unwritten“ ist ein eleganter, ausgesprochen literarischer Comic, dessen kluge Meditation über die Macht der Imagination nicht endet, wenn man den Band zur Seite legt. Bislang sind drei Sammelbände der Serie auf deutsch erschienen und obwohl der erzählerische Kosmos somit noch überschaubar ist, ist diese Reihe bei gleichbleibender Qualität durchaus in der Lage, „Fables“ und womöglich sogar „Sandman“ als Referenzbeispiel für die klügste Auseinandersetzung mit der Literatur im Comicgewand abzulösen.

Mike Carey und Peter Gross: Unwritten - oder das wirkliche Leben, Panini, bislang drei Bände à 148 bis 170 Seiten, zwischen 16,95 und 18,95 Euro.

Mehr von unserem Gastautor Markus Dewes gibt es auf seinem Blog derdigitaleflaneur.blogspot.com.

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