"Locke & Key" von Joe Hill und Gabriel Rodriguez : Schlüsselkinder, Schlossgespenster

Klüger als "Potter", größer als King: "Locke & Key" ist eine der wenigen herausragenden Mainstream-Comicreihen, die kein Verlag kaputtgespart hat.

von
Geisterstunde: Eine Seite aus dem sechsten Band von "Locke & Key".
Geisterstunde: Eine Seite aus dem sechsten Band von "Locke & Key".Foto: Panini

Comics lesen heißt: Zittern. Denn fast jeder Künstler, der über 100, 150 Seiten braucht für seine Geschichte, lässt sich zersägen, teilen, staffeln: Statt schwerer "Graphic Novels" in einem Band fordern US-Comicverlage noch immer meist monatliche Hefte, 20 bis 24 Seiten, für drei bis vier Dollar. Bei längerem Erfolg erst werden fünf, sechs solcher Hefte als Sammelband gedruckt. Ob eine Heftreihe zwei, vier oder fünfzehn solcher Sammelbände erlebt, entscheiden Finanzleute und Controller. Fast nie Autoren selbst.

Charles Dickens schrieb kapitelweise für Zeitungen. Zwölf Hefte "Wonder Woman" pro Jahr klingt nicht viel komplizierter als zwölf Folgen "Mad Men" pro Staffel. Doch 24 kurze Seiten für vier Dollar? Monatliche Wartepausen? Alle 140 Seiten ein der Sammelband-Dramaturige geschuldeter Bruch? Für einige Geschichten, zum Beispiel Brian K. Vaughans schnelle, auf Cliffhanger setzende Verfolgungsjagd "Saga", ist das eine sinnvolle Struktur. Für viele andere Geschichten werden die kurzen Kapitel zum Korsett: Gesamtkunstwerk – oder Fließband? Der steife Rhythmus schadet Autoren, Zeichnern und Lesern.

Irrsinn, Trauma, psychologische Hammerschläge

Joe Hills Familien-, Fantasy- und Grusel-Epos "Locke & Key" begann 2008. Bode Locke ist 6, Schwester Kinsey und Bruder Tyler gehen zur High School. Dann wird ihr Vater mit der Axt erschlagen – und Mutter Nina bringt die Kinder an die Ostküste, zum alten Familiensitz in Lovecraft, Massachusetts: Im düsteren "Keyhouse" wurden magische Schlüssel versteckt, Zaubergegenstände, die Erinnerungen stehlen. Oder Schatten zum Leben erwecken. Oder Leute das Geschlecht wechseln lassen. Oder, wie Bode entdeckt: den eigenen Körper zur Leiche machen, damit man als Gespenst frei schweben kann.

Herz, Witz, Charme. Unvergessliche Figuren, wie in den besten Märchen- und Jugendbüchern; Irrsinn, Trauma, psychologische Hammerschläge wie im besten Stephen King. Und ein luzide vertracktes, originelles Katz-und-Maus-Duell um Schlüssel und Geister, Kontrolle und Identität, sechs Sammelbände und 37 (ursprünglich als monatliches Heft erschienene) Kapitel lang. Soll ich "Locke & Key" erklären, schreibe ich oft: "Harry Potter" trifft "The Shining" trifft das Spukhaus-Puzzlespiel "Maniac Mansion".

Stimmige Geschichte: Eine weitere Seite aus dem sechsten Band von "Locke & Key".
Stimmige Geschichte: Eine weitere Seite aus dem sechsten Band von "Locke & Key".Foto: Panini

Gabriel Rodriguez dürfte mir zustimmen: Er lebt in Chile und illustrierte alle 37 Kapitel nach Vorgaben und Dialogen von Joe Hill. Doch hätte sich auch der Autor Joe Hill über den Stephen-King-Vergleich gefreut? Der 43jährige ist Kings ältester Sohn. Seine Comics und Romane schreibt er unter Pseudonym. Doch wie alle Schreiber der King-Familie heißt "originell sein" für ihn auch: Von Großen lernen. Medium und Genre besser kennen als viele Fans. Neuen Mainstream schaffen – und dabei künstlerische Vorbildern, Freunden und Ahnen neuen Respekt zollen: Zwei "Locke & Key"-Figuren wurden nach Joss Whedon ("Buffy") benannt; ein Deutscher nach Hannes Riffel, Phantastik-Experte und Übersetzer. Auch Fans von H.P. Lovecraft finden kluge Spuren.

Geschichten wie vom Fließband

Comics lieben heißt: ein Auge zudrücken. Weil jeder gute Zeichner irgendwann billigeren weicht – selbst bei großer Kunst wie "Sandman" oder "Starman". Weil noch die besten Autoren, wie Brian K. Vaughan oder Brian Wood, auf der Zielgeraden, in Sammelband 6 oder 8, oft seltsam stümpern. Weil sogar Orte wie Batmans Bat-Höhle bei jedem Zeichner einen neuen, beliebigen Grundriss haben. Weil Verlage Zeichner so oft wie nötig auswechseln, um den monatlichen Erscheinungsrhythmus zu sichern. Selbst langlebigste und erfolgreiche Reihen wie "Fables" oder die Zombie-Knallerbse "The Walking Dead" schaffen oft keine stimmige Gesamterzählung. Stattdessen erscheinen in monatlicher Schnappatmung serielle, potenziell endlose "Doch dann passierte dies... und nun passierte jenes"-Fortschreibungen. Geschichte? Oder Fließband?

Auch "Locke & Key" war niemals in der Lage, zwölf mal im Jahr über 20 überzeugende Seiten Abenteuer-Horror-Drama zu liefern. Deshalb erschienen sechs erste Hefte. Genug für einen Sammelband. Nach längerer Pause folgten die nächsten sechs. Dann wieder: Plan- und Atemzeit. Auch aktuelle kluge Serien wie "Afterlife with Archie" oder "Jupiter's Legacy" suchen solche entspannteren Modelle: Wie kann man Zeichner schonen? Autoren Räume schaffen? Große Pläne und überzeugende Gesamt-Plots fördern statt schnelle Schocks, lukratives monatliches Poltern?

Comics im Feuilleton empfehlen heißt: hoffen. Dass eine Handvoll Reihen, die bislang nicht schlimm stümperten ("Lazarus"! "Ms. Marvel"?), noch ein paar Jahre stimmige Geschichten erzählen – bevor der Autor patzt, der Zeichner ausbrennt, Verlage ihre Nerven und die Leser Lust und Überblick verlieren.

Axtmörder und Tränen, Geister und persönliche Triumphe

Akut bleibt "Locke & Key" eine bedeutende, berauschende literarische Ausnahme. Weil Hill für Themen brennt. Seine Figuren liebt. Den Stoff beherrscht. Und Zeichner Rodriguez selbst das Keyhouse, den Ort der Handlung, wie ein Architekt entwarf: Stockwerk für Stockwerk, akribisch und überlegt.

Knapp sechs Jahre Abwarten also seit 2008. Für sechs rasante Sammelbände, je 17 bis 20 Euro. Am Ende bleiben kaum zehn Stunden Lektüre, für mehr als 100 Euro. Besonders die modrig-dunklen Titelbilder sehen leider gar nicht aus wie etwas, das man jedem Menschen über 13 kaufen und ans Herz legen will. Die Hauptfiguren wirken kränklich, scheu. Beim Blättern in Buchhandlungen dachte ich jahrelang: Na ja.

Komplett: Das Cover des abschließenden sechsten Bandes der Reihe.
Komplett: Das Cover des abschließenden sechsten Bandes der Reihe.Foto: Panini

Doch "Locke & Key" ist Glücksfall und Meilenstein: Klüger als "Potter". Größer als King! Das denkbar weitherzigste, schlauste Grusel-Zauber-Jugend-Alptraum-Melodrama mit Axtmördern und Tränen, Geistern und persönlichen Triumphen. Nur wenige Verlage haben Geduld oder Lust auf Experimente: Seit 2011 hat DC Comics mehr als 70 monatliche Superhelden-Heftreihen abgebrochen und Hunderte Autoren-Zeichner-Teams zerschlagen, ausgewechselt, neu bestimmt, kaputt gespart.

Für "Locke & Key" durften zwei große Künstler fast sechs Jahre lang in relativer Ruhe und mit grotesk viel Liebe und Aufwand Schatten zum Leben erwecken, Bilder zum Leuchten bringen. Ihren Traum eines grandiosen, hoffnungsvollen Familien-Mainstream-Horror-Comics umsetzen und zeigen, wie sanft, klug, intensiv und magisch auch längere Comicreihen erzählen. Wenn man sie lässt. Mehr über die Handlung zu sagen hieße, den Spaß zu verderben. Deshalb nur: dringende Lese-Empfehlung für jeden grusel-, fantasy- und spannungsaffinen Menschen älter als 13. Sechs konstant mitreißende, anspruchsvolle Sammelbände, die eine schlüssige Geschichte erzählen: Ich kenne kein anderes US-Comic, dem das möglich war – so zugänglich, so kompromisslos.

Joe Hill (Text), Gabriel Rodriguez (Zeichnungen): Locke & Key. 6 Bände, aus dem Englischen von Reinhard Schweizer. Panini, 2009 bis 2014

Mehr von unserem Autor Stefan Mesch lesen Sie auf seiner Website.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben