„Madgermanes“ von Birgit Weyhe : Zwischen Maputo und Karl-Marx-Stadt

Birgit Weyhe hat mit der preisgekrönten Comic-Erzählung „Madgermanes“ ein Stück Stück deutsch-afrikanische Geschichte aufgearbeitet, die hierzulande kaum bekannt ist.

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Mit dem Max-und-Moritz-Preis ausgezeichnet: Eine Seite aus dem besprochenen Buch.
Mit dem Max-und-Moritz-Preis ausgezeichnet: Eine Seite aus dem besprochenen Buch.Foto: Avant

Nach Europa reisen, eine Ausbildung machen, gut verdienen – mit diesen Träumen landeten zwischen 1979 und 1991 rund 20 000 Vertragsarbeiter aus Mosambik in Ost-Berlin. Die meisten fanden jedoch ein kaltes, fremdes Land vor, in dem sie vor allem als billige Arbeitskräfte verwendet wurden. Das Gastarbeiter-Programm zwischen dem damals sozialistischen Land an der ostafrikanischen Küste und der DDR ist heute fast in Vergessenheit geraten. „Madgermanes“ wurden die Vertragsarbeiter in ihrer Heimat Mosambik genannt – ein Wortspiel aus „Made in Germany“ und „Verrückte Deutsche“. Birgit Weyhes gleichnamige Comic-Reportage erzählt von ihren Schicksalen.

„Plötzlich stand ich in Decken gewickelt mitten in Deutschland“, erinnert sich José an seine Ankunft in der winterlichen DDR. Seine anfängliche Euphorie schlägt schnell in Ernüchterung um, denn nach einem Deutschkurs wird der junge Mosambikaner auf den Bau geschickt, die Hälfte seines Lohnes wird einbehalten und soll ihm nach seiner Rückkehr nach Mosambik ausgezahlt werden. Doch trotz aller fremden Sitten und rassistischer Anfeindungen findet José bald Gefallen an seiner neuen Heimat: das Kulturangebot, das Reisen, der erste Schnee. „Ich kenne mich heute in Ostdeutschland besser aus als in Mosambik“, sagt er im Rückblick.

Im Sumpf der Korruption versickert

Zurück in Afrika finden er und viele andere Vertragsarbeiter ein vom Bürgerkrieg zerstörtes Land vor, etliche Familienangehörige sind den Kämpfen zum Opfer gefallen. Viele kommen in ihrer alten Heimat nicht mehr zurecht, werden als Drückeberger beschimpft oder für geizig gehalten – schließlich sind sie ja die reichen Vertragsarbeiter aus Deutschland. Doch auf ihren einbehaltenen Lohn warten die meisten bis heute, er ist im Sumpf der Korruption versickert. Bis heute demonstrieren die Madgermanes, wie sie sich mittlerweile selbst nennen, regelmäßig in Mosambik, um endlich bezahlt zu werden.

Birgit Weyhe, die einen Großteil ihrer Jugend in Uganda und Kenia verbracht hat, stieß 2007 durch Zufall auf dieses Stück deutsch-afrikanische Geschichte, die vor allem in Westdeutschland so gut wie unbekannt ist. Sie begann zu recherchieren und Interviews zu führen, die sie schließlich in den drei fiktionalen Charakteren José, Basilio und Anabella zusammenführte. Deren Geschichten erzählt sie in „Madgermanes“.

Dabei verknüpft sie geschickt europäische Zeichenstile mit afrikanischen Ornamenten und Allegorien und macht so den Kontrast und die Konflikte zwischen deutschen und mosambikanischen Sichtweisen auch optisch erfahrbar. „Ich hatte meinen Spaß daran, mit der europäischen Vorstellung von Afrika zu spielen, das immer als eine Einheit wahrgenommen wird“, sagt die Autorin, die ihre eigene Familiengeschichte in dem Band „Im Himmel ist Jahrmarkt“ verarbeitete.

Zwischen „Made in Germany“ und „Verrückte Deutsche“: Der Buchtitel.
Zwischen „Made in Germany“ und „Verrückte Deutsche“: Der Buchtitel.Foto: Avant

Weyhes Arbeit wurde kürzlich nach dem Comicbuchpreis der Berthold-Leibinger-Stiftung auch beim Internationalen Comic-Salon Erlangen mit dem Max-und-Moritz-Preis für den besten deutschsprachigen Comic ausgezeichnet (Red. Hinweis: In beiden Jurys ist der Tagesspiegel durch seinen Redakteur Lars von Törne vertreten). Das Buch zeigt die Stärke der Bildergeschichte als dokumentarisches Medium: Wie in anderen Comic-Reportagen – etwa den Arbeiten Igorts („Berichte aus der Ukraine“) – erhalten auch in „Madgermanes“ die von der Geschichte Vergessenen eine Stimme. Zudem eröffnet Weyhe einen neuen Blick auf den Alltag in der DDR, in der es mehr gab als Trabis und Broiler.

Birgit Weyhe: Madgermanes, Avant, 240 Seiten, 24.95 Euro

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