• Zitty
  • Potsdamer Neueste Nachrichten
  • Berlin 030
  • Bootshandel
  • Qiez
  • zweitehand
  • twotickets
  • Berliner Köpfe
  • wetterdienst berlin

Manuele Fiors „Die Übertragung“ : Der Kosmos der Liebe

11.09.2013 13:10 Uhrvon
Vielschichtig: Eine Szene aus Manuele Fiors "Die Übertragung". Foto: AvantBild vergrößern
Vielschichtig: Eine Szene aus Manuele Fiors "Die Übertragung". - Foto: Avant

Lichterscheinungen und Beziehungsdramen: Manuele Fior schöpft die Möglichkeiten des Comics für die komplexe Science-Fiction-Erzählung „Die Übertragung“ voll aus.

Vom Verlag wird ‚Die Übertragung’ von Manuele Fior als „Science Fiction-Erzählung, die nicht fremde Planeten, sondern das komplexe Universum unserer Beziehungen erforscht“ bezeichnet. Damit reiht sich Fiors neuestes Werk in die Tradition der New Wave innerhalb der SF-Literatur des letzten Jahrhunderts ein, stellvertretend seien hier Autoren wie J.G. Ballard oder Brian W. Aldiss genannt.

Deren Anliegen war die Erforschung des inneren Raumes (Inner Space) im Gegensatz zum in den 1960er Jahren innerhalb von SF vorherrschenden Gestus der Raumeroberung. Aldiss’ abstrakte wie avantgardistische Sezierung vom Leben eines Ehepaares nebst Hauspersonal in „Report über Probabilität A“ mag für die große Abtastung durch die Außerirdischen in „Die Übertragung“ als Inspiration gedient haben, denn, so Aldiss, „Observation verändert das Observierte“.

Polygamie als Mittel zum Zweck

Fiors männliche Hauptfigur, der Psychologe Raniero, dessen Beruf bereits auf die Erkundung des inneren Raumes hinweist, wird Zeuge einer nächtlichen Lichterscheinung. Das Ganze passiert im Zusammenhang mit einem Unfall, der sich während eines beim Autofahren geführten Telefonats ereignet, in dem Ranieros Gesprächspartner diesem eine Affäre mit einer wesentlich jüngeren Frau eingesteht.

Eine Konstellation, in welcher sich in ähnlicher Form kurz darauf auch Raniero wiederfindet. Nachdem seine Ehefrau in Folge eines Überfalls im eigenen Haus, der mit sexueller Belästigung vor den Augen ihres hilflosen Mannes einherging, zumindest räumlich die Trennung vollzieht, beginnt Raniero eine junge Patientin namens Dora zu behandeln. Diese berichtet ebenfalls von Lichterscheinungen. Doch behauptet Dora, dass sie darüber hinaus in telepathischem Kontakt zu Außerirdischen stünde. Zudem ist sie Anhängerin der ‚Neuen Konvention’, einer Gruppe, die die freie Entfaltung von Gefühlen und Sexualität proklamiert, wobei Polygamie eines der zweckdienlichen Mittel darstellt.

Begehren, Eifersucht, Ablehnung

Die Kollision zwischen Ratio und Imagination sowie Konvention und Freigeistigkeit wird hier gleich auf mehreren Ebenen inszeniert. Dazu dekliniert Fior an Hand seiner Protagonisten den ersten Artikel der ‚Neuen Konvention’, der die Nicht-Exklusivität einer Person (also Nicht-Monogamie) zum Prinzip erhebt, durch. Alle Stadien von  Liebesverhältnissen werden abgebildet: Begehren, Eifersucht, Ablehnung oder stagnierende Beziehungen, die den Wunsch nach Veränderung in sich tragen. Die konstante Instabilität des Kerns solcher durch gesellschaftlichen Konsens festgeschriebenen Lebensmodelle wird dabei stets sichtbar.

Wechselspiel: Fiors Einsatz von Schwarz und Weiß und Licht und Schatten ist spektakulär. Foto: AvantBild vergrößern
Wechselspiel: Fiors Einsatz von Schwarz und Weiß und Licht und Schatten ist spektakulär. - Foto: Avant

Unter Assistenz von Anne-Lise Vernejoul, die für nicht näher bezeichnete Spezialeffekte verantwortlich ist, setzt Fior häufig auf wortlose Sequenzen und nutzt negativen Raum, dessen Einsatz besonders eindrucksvoll bei den Liebesszenen zwischen Dora und Raniero zur Geltung kommt. Diese Abschnitte sind eine konsequente Vollendung eines fortwährenden Wechselspiels zwischen Schwarz/Weiß, Licht/Schatten und dem Einsatz von panoramaartigen Ansichten, die in diesem Fall eine dem Sujet geschuldete Sichtweise durch eine nicht näher bestimmte Entität suggerieren.

Die sich ändernde Dynamik der Objekte in einzelnen Panels führt unter anderem zur einem der fühlbarsten Autounfälle, die man im Comic zu sehen bekommen kann und bietet Kinetik in Vollendung. Der körperlichen Ästhetik spielt auch das Lettering (in der deutschen Fassung von Tinet Elgren) in die Hände, gelingt es doch so, in drei völlig schwarzen Panels den Prozess der Induktion lediglich durch zwei Lautworte (und unter Einsatz einer einzigen Sprechblase) auszulösen.

Reminiszenzen an Lorenzo Mattotti

Bei Tageslicht spielende Szenen sind mit durch wenige Linien in Szene gesetzte Figuren umgesetzt, die vor mit Aquarelltupfern versehenen Hintergründen agieren, und vermitteln eine offene und leichte Atmosphäre -  vornehmlich bei den Diskussionen über außersinnliche Phänomene oder Gespräche, die sich um den Umgang mit einer nicht zu normierenden Sinnlichkeit drehen.

Im Epilog erfahren wir dann von der inzwischen 129-jährigen Dora, dass die große Abtastung durch die Außerirdischen schließlich zur Entwicklung der Telepathie führte, einer Befähigung, die nur unter Bedingungen völligen Vertrauens funktioniert und die als Plädoyer für mehr Empathie interpretiert werden kann - denn wer weiß schon, ob die Außerirdischen wirklich eines Tages hier vorbeikommen.

Sinnlich übersinnlich: Die Figur der Dora auf dem Buchcover. Foto: AvantBild vergrößern
Sinnlich übersinnlich: Die Figur der Dora auf dem Buchcover. - Foto: Avant

Außerdem erfüllt Fior damit die Definition von Science Fiction, zumindest nach Theodore Sturgeon, dessen Fokus auf den Menschen innerhalb der Literaturgattung seiner Zeit (und der New Wave) weit voraus war: „Eine Science Fiction-Geschichte handelt von Menschen, die Menschen zu eigene Probleme haben, deren humane Lösung ohne Wissenschaft nicht möglich wäre.“ Wobei „Wissenschaft“ im Falle des vorliegenden Werkes den Einsatz einer bisher nicht existenten Technologie durch die Außerirdischen meint. Und trägt etwas nur schwer Fassbares wie Liebe etwa nicht Wesenszüge der Utopie in sich?

„Die Übertragung“ ist ein Comic, der trotz der komplexen Thematik äußerst spannend ist und der sich insbesondere durch die Demonstration der spezifischen Möglichkeiten des Mediums auszeichnet. Besonders schön sind übrigens die kleinen Reminiszenzen an zwei von Manuele Fiors größte Vorbilder: Lorenzo Mattotti, dessen Stilistik in einigen Darstellungen der Dora erahnbar ist, und Tanino Liberatore, dem die Szene mit dem im Torbogen herumlungernden „Gesindel“ sicherlich gut gefallen dürfte.     

Manuele Fior: Die Übertragung,  aus dem Italienischen von Claudia Sandberg, Lettering Tinet Elmgren, Avant, 173 Seiten, 24,95 Euro.

Weitere Artikel unseres Autors Oliver Ristau finden sich hier.

Weitere Themen

Tagesspiegel twittert

Empfehlungen bei Facebook

Der Tagesspiegel im Sozialen Netz

Foto:

Alle Tickets für Berlin und Deutschland bequem online bestellen!

Tickets hier bestellen | www.berlin-ticket.de