Michael Kichkas „Zweite Generation“ : Geerbte Geschichte

Bestürzend, kritisch, heiter: Michel Kichka bricht mit seinem tief beeindruckenden Buch „Zweite Generation. Was ich meinem Vater nie erzählt habe“ manches Tabu im Umgang mit dem Holocaust. Auf dem Comicsalon stellt er es vor.

Walther Fekl
Wechselbad der Gefühle: Eine Seite aus dem besprochenen Buch.
Wechselbad der Gefühle: Eine Seite aus dem besprochenen Buch.Foto: Egmont

Der Titel stellt implizit gleich die Frage: Wer war oder ist eigentlich die erste Generation? Es ist die von Kichkas Vater, die der Shoah lebend, aber auch fürs Leben gezeichnet, entronnen ist. Und die in aller Regel unfähig war, von ihren Erfahrungen zu sprechen. Für den Vater, einen belgischen Juden, der Auschwitz, den Todesmarsch und Buchenwald überlebte, musste die zweite Generation als Revanche an Hitler tüchtig sein und gute Noten nach Hause bringen; sie musste funktionieren, durfte aber nichts Konkretes erfahren.

Dem Vater wird einiges zugemutet

Man muss wohl nicht Psychoanalytiker sein, um zu begreifen, dass ein allgegenwärtiges, aber ominös bleibendes Unausgesprochenes, dass ein so  starkes Familientabu die Entstehung von psychologischen Problemen in der zweiten Generation befördert. Es ist die weithin geteilte Erfahrung eben dieser Gruppe, die Michel Kichka in seinem bewegenden Buch zu Text und Bild werden lässt. Auch die zweite Generation hat lange geschwiegen, sie hat die unheimlich schweigenden Väter nicht zum Dialog gebracht. Man konnte sie, die Opfer, ja schwerlich zur Rede stellen – zu tief verankert war der Respekt vor ihnen.

Kichka konnte und wollte dabei nicht stehen bleiben. Als grafischer Künstler konnte er, der nach Israel ausgewandert war, einfach nicht mehr anders, als sich mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln am Vater und – da sein Schicksal keineswegs nur ein individuelles ist – an der Väter-Generation abzuarbeiten. Er musste endlich seine Last an der Vergangenheit abtragen, eine Last aus zweiter Hand gewissermaßen und doch eine Belastung ganz eigener Art. „Was ich meinem Vater nie gesagt habe“ wurde so zum Inhalt eines beeindruckenden Werks.

In schnörkelloser, stellenweise schonungsloser Sprache und klaren, kontrastreichen Schwarzweiß-Bildern wird hier Selbstbespiegelung zum Spiegel einer Generation und Autobiografie zu Kunst. Wirksam eingesetzte Bilder aus der politischen Ikonografie der NS-Zeit beschwören die Vergangenheit der ersten Generation herauf. Mit mancher direkten Referenz erweist der Autor auch dem großen Art Spiegelman („Maus“) seine Reverenz, beweist aber zugleich stets seine grafische und narrative Eigenständigkeit.

Revanche an Hitler. Eine Seite aus dem besprochenen Buch.
Revanche an Hitler. Eine Seite aus dem besprochenen Buch.Foto: Egmont

Dem Vater, der im Unterschied zu „Maus“ noch am Leben ist, wird in diesem Buch einiges zugemutet. Die Darstellung seiner Mutation vom Opfer der Shoah und Beschweiger der Vergangenheit zum gesprächigen KZ-Reiseführer und Helden der Shoah ist in ihrer Radikalität gewagt und gerade dadurch tief beeindruckend. Ein halber Tabubruch kommt für Kichka nicht in Frage; der macht nur Sinn als ganzer, ohne jeden Kompromiss.  

Witze über das Konzentrationslager

Als Tabubruch wird es mancher Leser auch empfinden, dass in diesem Buch über Völker- und Selbstmord dem komischen Element so breiter Raum gelassen, nein: erkämpft wird. Das versteht sich in der Tat nicht von selbst, es ist aber so unabdingbar wie es für den Vater – wie wir im Buch erfahren – überlebensnotwendig war, in Auschwitz seine Lust am Wortspiel zu kultivieren und später Hitler zu karikieren. Das sicherte ihm, dem Textilhändler, nicht den Lebensunterhalt, wohl aber den Lebenswillen, ja sogar die Lebenslust. Im Erzählen von Witzen über die Lager im Familienkreis gipfelt schließlich das Buch, Kichkas Beitrag zur Bewältigung dieser jüdischen Geschichte.

Eine Lösung für den Umgang mit dieser Vergangenheit aus deutscher Sicht ist das sicher nicht. Aber dass wir dank der trefflichen Übersetzung von Ulrich Pröfrock an der Vergangenheitsbewältigung dieser „zweiten Generation“ in einem Wechselbad der Gefühle und Gedanken teilhaben dürfen – bestürzt und bewegt, aber auch kritisch und heiter, ja lachend – ist ein Geschenk an den deutschen Leser, gleichviel ob er nun seinerseits der zweiten, dritten oder vierten Generation angehört. Danke, Michel Kichka.

Als biografisches Detail sei angemerkt, dass es Michel Kichka mit seinem Buch gelungen ist, den Vater-Sohn-Dialog in Gang zu setzen. Beide und ihre wechselseitigen Beziehungen haben sich dadurch verändert. Bei Vorstellungen des Buches ist mitunter ein sichtlich stolzer Vater neben seinem Sohn zu sehen. Hier wirkte Literatur, wie Kafka es verlangte, als Axt, die Eis aufbricht – in uns und in unserem Verhältnis zu anderen. Die Lektüre dieses Buchs wird auch seine Leser und Betrachter nicht unverändert lassen.

Gesprächsangebot: Der Autor als junger Mann auf dem Buchcover.
Gesprächsangebot: Der Autor als junger Mann auf dem Buchcover.Foto: Egmont

Michel Kichka: Zweite Generation. Was ich meinem Vater nie erzählt habe, Egmont, 102 Seiten, Übersetzung Ulrich Pröfrock, 19,99 Euro.

Veranstaltungshinweis: Beim Comic-Salon Erlangen gibt es am Donnerstag, dem 19. Juni um 15 Uhr ein Künstlergespräch mit Michel Kichka. Ab 15 Uhr unterhält sich Tagesspiegel-Redakteur Lars von Törne mit ihm und Ausstellungsmacher Jürgen Kaumkötter über das hier besprochenen Buch und die Behandlung des Holocaust im Comic. Das Gespräch findet im Großen Ratssaal des Rathauses Erlangen statt. Das komplette Veranstaltungsprogramm des Comic-Salons finden Sie hier.

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