Neil-Gaiman-Adaption : Was kostet die Katze?

Der US-Animationskünstler Christopher Salmon will Neil Gaimans Fantasy-Kurzgeschichte „Der Preis“, die es auch als Comic gibt, als Kurzfilm umsetzen. Mit Hilfe einer Online-Plattform sucht er private Investoren. Nachdem Gaiman über das Vorhaben gebloggt und getwittert hat, überschlugen sich die Ereignisse. Gaiman-Enthusiast Christian Endres sprach mit Salmon über sein ehrgeiziges Projekt.

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Nachtschwärmer: Die geplante Adaption basiert auf einer 8-seitigen Kurzgeschichte.
Nachtschwärmer: Die geplante Adaption basiert auf einer 8-seitigen Kurzgeschichte.

Was kostet eine Katze? Im großstädtischen Tierheim belaufen sich die Kosten auf maximal 100,- Euro Vermittlungsgebühr, wenn überhaupt. Ein Tier vom Züchter kostet schon etwas mehr. Doch selbst erstklassige Rassekatzen sind „günstig“ im Vergleich zum schwarzem Kater aus der Kurzgeschichte „Der Preis“ von Comic- und Fantastik-Virtuose Neil Gaiman („Das Graveyard-Buch“, „America Gods“, „Sandman“). Gaimans Kater soll nämlich satte 150.000 Dollar kosten – jedenfalls ist das die Summe, die Christopher Salmon für seine geplante Animationsfilm-Adaption bräuchte und demzufolge als Ziel auf der Internet-Sponsoring-Plattform kickstarter.com veranschlagt hat, wo er sich um Hosentaschen-Produzenten und Kleinbetrags-Investoren für seinen knapp 20-minütigen Kurzfilm zwischen 2D-Comic und 3D-Animation bemüht.

Katzen und Engel

Ursprünglich erschien die 8-seitige Story in Gaimans hochqualitativer Kurzgeschichtensammlung „Die Messerkönigin“ („Smoke and Mirrors“, 1998). Den Anstoß zur Geschichte lieferte Gaimans langjährige Agentin Merrilee Heifetz, die die Trends zu Büchern über Katzen und Engel gerne in einem Roman vereint gesehen hätte. Gaiman dachte allerdings etwas zu lange über die Idee nach. Am Ende reichte es immerhin noch für eine großartige, mit vielen persönlichen Elementen gespickte Kurzgeschichte über einen Kater, der plötzlich im Leben seiner Besitzer auftaucht, wie Katzen das eben von Zeit zu Zeit tun. Doch am Schwarzen Kater – einen anderen Namen hat er nicht – ist mehr dran, wie schnell klar wird, selbst nach Katzenpersönlichkeitsmaßstäben. Denn jede Nacht scheint der Kater gegen etwas oder jemanden zu kämpfen, bis er schließlich von Narben und Wunden nur so übersät ist. Als sich der Ich-Erzähler (zufälligerweise ein Autor, der seine Bücher – so wie Gaiman selbst – gern in anderer Leuten Heimen zu Ende schreibt und eine Vorliebe für die fast vergessene Feen-Autorin Hope Mirlees hat) mit einem Nachtsichtgerät auf die Lauer legt, sieht er in der dunkelsten Stunden der Nacht, wie der Teufel persönlich in der Auffahrt seines Hauses erscheint – und wie der Schwarze Kater die gefährliche Kreatur trotz seiner Blessuren abermals tapfer bekämpft und nicht zum ersten Mal in die Flucht schlägt. Dafür zahlt der gar nicht so samtpfötige Schutzengel der Familie jedoch einen hohen Preis, und am Ende fragt sich der Erzähler, womit er und seine Familie das verdient haben – und wie lange der Kater den Preis noch entrichten kann ...

Multitalent

Vor vier Jahren las Christopher Salmon die Geschichte und fasste daraufhin den Entschluss zu einer Adaption der Prosastory, was seither sein Lieblingsprojekt ist, in das er „viel Zeit und Energie steckt“, wie er im Trailer sagt, mit dem er seine Vision bei kickstarter.com vorstellt.

Salmon lebt in Utah (so wie der in Großbritannien geborene Gaiman inzwischen ebenfalls in den USA lebt) und hat sich schon von klein auf mit allen möglichen Formen der Kunst und des Kreativseins beschäftigt, um heute das zu tun, was er schon immer tun wollte: Geschichten mit Hilfe von Filmen erzählen, da dabei all seine Talente als Autor, Bildhauer, Zeichner, Musiker und Fotograf zusammenfließen. Seine Brötchen verdient sich der sympathische Blondschopf seit 2005 mit seiner Firma Silver Fish Creative und hier als Animations- und Effekt-Künstler, Art Director und Designer für Videospiele und Filme. Im Moment lebt er aber vor allem für die Adaption von „Der Preis“.

„Nachdem ich die Geschichte gelesen habe, war mein Kopf voller Ideen, wie man daraus einen Film machen könnte, und ich wusste, dass ein computeranimierter Film perfekt dafür wäre. Die Geschichte hat mich wirklich inspiriert, und ich möchte meine Vision mit so vielen Menschen wie möglich teilen“, beschreibt Salmon seinen künstlerischen Wunsch im Trailer. „Ich verwende eine Vielzahl verschiedener Techniken, um einen computergenerierten Kurzfilm zu schaffen, der das Feeling einer Graphic Novel zum Leben erweckt ... mehr 2½- statt 3D-Animation.“

Leidenschaftlich: Animationskünstler Christopher Salmon.
Leidenschaftlich: Animationskünstler Christopher Salmon.

Was genau das heißt, davon geben die im Video gezeigten Impressionen bereits einen guten Eindruck – auch wenn es sich bei den Bildern lediglich um die Animatic handelt, also ein mit einigem Aufwand animiertes, mit Ton und Musik hinterlegtes Storyboard, in dem auch schon mit Kamerafahrten und dergleichen gespielt wird, um die Stimmung und den Charakter der angedachten Filmversion zu verdeutlichen. Das animierte Storyboard ist bisher 17 Minuten lang und liefert alles in allem eine imposante Grundlage – und ist ein wichtiger Wegweiser für interessierte Investoren, die dabei helfen wollen, den Filmtraum Wirklichkeit werden zu lassen.

So weit, so gut. Für die finale Umsetzung seines 20-Minuten-Films – für alle Detail-Animationen der Figuren und Hintergründe und einen echten Soundtrack – braucht Salmon nun aber die Hilfe anderer, fremder Menschen. Und eben 150.000 Dollar.

Kreativer Kickstart

Die Gelder sitzen seit der Wirtschaftskrise auch in Hollywood nicht mehr so locker, wenn man nicht gerade James Cameron heißt – warum sonst sollten designiert-erfolgreiche Franchise-Fortführungen wie der dritte „James Bond“ mit Daniel Craig oder Peter Jacksons „Hobbit“ sonst aktuell solche eklatanten Finanzierungsprobleme haben?

Christopher Salmon backt da lieber von Haus aus kleinere Brötchen für seinen CG-Kurzfilmtraum – und sucht mit Hilfe von kickstarter.com viele Hobby-Bäcker, die ihm bei seinem Vorhaben helfen.

Die im April 2009 an den Start gegangene US-Plattform sieht sich als eine Art Spendenportal und ermöglicht es Künstlern, Abenteurern und allen Freigeistern dazwischen, ihre ausgefallenen Träume und Lebenswünsche in die Tat umzusetzen – mit Hilfe vornehmlich fremder Menschen. Denen müssen sie ihr Projekt auf der Kickstarter-Website allerdings schmackhaft machen, damit andere sie mit Geldversprechen unterstützen und im Ernstfall dann eben auch fördern. Denn nur wenn ein vorher festgelegter Betrag innerhalb einer bestimmten Zeit erreicht wird, fließen die versprochenen Gelder an den Initiator des Aufrufs.

Die Sache hat also auch einen entscheidenden Haken: Mit 130.000 Dollar ließe sich Salmons Verfilmung mit einigen Abstrichen vermutlich durchaus umsetzen – doch das versprochene Geld wird nur bewegt, wenn das festgelegte Ziel erreicht ist. Und 150.000 Dollar sind alles, aber kein Pappenstiel. Es ist sogar das höchste Ziel, das bisher jemals bei Kickstarter gesetzt wurde.

Prämien und Produzenten

Schon mit zehn Dollar kann man Salmons Vision unterstützen – dafür kriegt man später, falls die Zielsumme erreicht wird, immerhin einen Online-Credit. 25 Dollar bescheren einem im Falle eines Falles einen kostenlosen Download des fertigen Films, 50 Dollar eine DVD, 65 Dollar eine signierte DVD mit Poster, 85 Dollar eine BlueRay-Variante, und so weiter – bei einem Input von 1000 Dollar wird man als Associate Producer im Film erwähnt und erscheint somit neben Gaiman und Salmon, während man für 5000 Dollar gar nach Boston eingeladen wird und dort eine spezielle Kino-Vorführung von „The Price“ besuchen kann, Seite an Seite mit Neil Gaiman. Die 5000 wurden bisher einmal zugesagt, die 1000 immerhin schon sieben Mal.

Autor Gaiman setzt sich stark für das Projekt ein und hat sein Geldversprechen geleistet, obwohl er zuletzt eigentliche andere Kaliber gewohnt war, wenn es um Leinwand-Adaptionen seiner Werke („Der Sternwanderer“, „Coraline“) oder seine Mitarbeit an Drehbüchern („Prinzessin Mononoke“ oder „Beowulf“) ging.

Kampfkatze: Mit diesem Motiv wirbt Salmon für seine Umsetzung.
Kampfkatze: Mit diesem Motiv wirbt Salmon für seine Umsetzung.

Gaiman war von Anfang an von Salmons Idee angetan, wie sich der schwärmerische Filmemacher aus Utah erinnert: „Ich habe Mr. Gaiman eine E-Mail geschrieben, als ich die Idee zum ersten Mal hatte, und ihn gefragt, ob die Filmrechte an der Geschichte frei wären und wie ich sie mir sichern könnte. Das hat eine Weile gedauert, doch als ich das OK hatte, musste ich einen Weg finden, für die Produktion zu zahlen – das ist es auch, was vier Jahre gedauert hat!“ Bis sich Kickstarter als Lösung aufgetan hat. „Als ich Kickstarter entdeckt habe, wusste ich, dass das der Weg ist, um den Film produziert zu sehen – es ist wirklich ein Film von Fans für Fans. Neil unterstützt mich toll, aber das Projekt, das bin ich allein, wenn es darum geht, wie ich es mache. In seinen Augen ist es eine großartige Idee, und so versucht er dabei zu helfen, dass die anderen Fans mich ›finden‹“. Und so liest Gaiman u. a. im für das Erreichen des Ziels so wichtigen Trailer selbst die verwendeten Passagen aus seiner modernen Fabel.

Als der Bestseller-Autor Anfang November dann auch noch über das Projekt bloggte, gab es kein Halten mehr. Nach acht Tagen hat das Projekt bei Kickstarter gut 600 Unterstützer, und von den benötigten 150.000 Dollar sind bereits mehr als 50.000 zugesagt worden. 20 Tage hat „The Price“ nun noch Zeit, um sein Ziel zu erreichen.

Nichts Neues

Dass sich „Der Preis“ wunderbar für eine Adaption in ein anderes Medium eignet, hat Comic-Künstler Michael Zulli schon 2004 bewiesen, als er die Geschichte zusammen mit „Tochter der Eulen“ als künstlerischen Comic in „Geschöpfe der Nacht“ visualisierte. Christopher Salmon entdeckte die Comic-Fassung allerdings erst, nachdem er bereits mit der Arbeit an seiner eigenen Version begonnen hatte: „Ich hatte schon mit Storyboard und Design angefangen, als ich die Graphic Novel zum ersten Mal sah. Michael Zulli hat da wundervolle Arbeit geleistet. Aber ich war froh, als ich gesehen habe, dass wir mit unseren Interpretationen zwei völlig verschiedene Richtungen eingeschlagen haben.“

Doch auch so sprechen genügend Faktoren für die Qualität von Salmons „The Price“, wenn mit dem in homöopathischen Dosen zugeschossenen Geld aus dem Animatic-Rohdiamant erst einmal ein animiertes Juwel mit Comic-Optik und Gaiman-Magie geworden sein sollte. Der Trailer verspricht in der Hinsicht viel.

Und selbst wenn die größtenteils private Finanzierung des Kurzfilms über Kickstater nun nicht gelingen sollte: Das Ganze ist dennoch ein faszinierendes Beispiel dafür, wie sich Künstler ohne große Verträge im Rücken innerhalb des Medienzirkus zu behaupten, zu etablieren und zu verwirklichen versuchen. Und natürlich zeigt es eine weitere, positive Facette des ewig aktuellen Themas um digitales Marketing und Social Networks. Denn natürlich ist Salmon mittlerweile auch bei Facebook und Twitter mit seiner Idee vertreten. Der Buschfunk im Internet ist einfach stark und wichtig, auch wenn über Zuckerbergs Datensammelstelle und den zwitschernden Zeitfresser nicht zu unrecht gerne und viel gelästert wird. Aber ohne die Vernetzung, ohne die digitale Mund-zu-Mund-Propaganda und das Networking, wäre ein Projekt wie „The Price“ nur schwer bis gar nicht möglich. Wie allein sollte Gaiman seine Fans rund um den Globus in so kurzer Zeit erreichen und mobilisieren? Und könnte Salmon es sich etwa leisten, seinen schicken kleinen Werbefilm international im Fernsehen ausstrahlen zu lassen? Wohl kaum.

Wir sind solche Dinge inzwischen gewohnt: die Findigkeit hinter Initiativen dieser Art, die rasch entflammende und schnell verglühende Begeisterung, den eintretenden Schneeball-Effekt. Aber wenn wir uns einen Moment Zeit nehmen, um wirklich darüber nachzudenken und die Sache zu verinnerlichen, sehen wir, wie erstaunlich das Ganze eigentlich noch immer ist. Wer hätte so ein Unterfangen und eine solche Herangehensweise an ein Filmprojekt dieser Qualität und Ambition vor zehn, fünfzehn Jahren für möglich gehalten? Vom Gemeinschaftssinn unter Fremden, ausgelöst durch eine Kurzgeschichte, gar nicht erst zu reden. Neil Gaiman, als er Ende der 90er seine Story über einen Katzenschutzengel schrieb, mit Sicherheit nicht. 

How much is the cat?

Die Begeisterung und das Interesse sind seit Gaimans Wortmeldung gigantisch. Der Trailer sieht ohne Frage super aus. Und der bis in die Haarspitzen motivierte Salmon scheint auch zu wissen, was er da tut, und würde mit Sicherheit einen in mehrerlei Hinsicht fantastischen Kurzfilm produzieren.

Ob das Projekt bei Kickstarter sein Ziel erreicht und die Gelder damit in die Stadt der Bäume fließen, hängt nun wohl vor allem davon ab, wie viel Energie Gaimans Intervention wirklich freigesetzt hat – und wie locker den vielen Fans des Erfolgs-Autors in den verbleibenden 20 Tagen das Geld sitzt. „Zehn Dollar sind nicht viel“, schreibt Gaiman in seinem Blog-Eintrag, und ganz unrecht hat er damit nicht. Andererseits müssten es verflucht viele Zehn-Dollar-Happen sein, damit so ein computeranimierter Kater satt wird und alle Ressourcen verschlingenden Arbeiten am Kurzfilmprojekt abgeschlossen werden können, bis am Ende – wenn alles gut geht, voraussichtlich 2011 – der Download und die DVD fertig sind.

Haus und Hüter. Ein Standbild aus der Umsetzung.
Haus und Hüter. Ein Standbild aus der Umsetzung.

Und der Teufel steckt ja bekanntlich nicht nur im Körper einer Frau, wie uns „Der Preis“ zeigt, sondern generell eher im Detail – also just den kleinen Happen, auf die es nun ankommt. Auch in denen, die nur 10 oder 25 Dollar in die Waagschale werfen. Denn selbst für diese muss man bei aller Begeisterung und Faszination erst einmal klicken und einem fremden Menschen Geld zusagen, und das kostet schlicht und ergreifend Überwindung. Trotz aller Vertrautheit mit dem Internet und seinen Möglichkeiten ist die Skepsis eben doch noch unser ständiger Begleiter.

Am 1. Dezember wissen wir, ob sich genügend Gaiman-Fans überwinden konnten, um Salmon und dem Schwarzen Kater zu helfen. „Ich habe ein gutes Gefühl bezüglich meiner Chancen mit Kickstarter“, sagt Salmon zum Abschluss unseres Gesprächs. „Die Fans sind äußerst leidenschaftlich in ihrer Unterstützung, und die Sache verbreitet sich langsam aber sicher im Netz.“ Was er tun würde, wenn die 150.000 Dollar nicht zusammenkommen sollten? „Selbst wenn das Projekt sein Ziel nicht erreicht, werde ich weiter nach anderen Wegen suchen, um es realisiert zu kriegen. Wenn es einmal in deinem Kopf ist, gibt es nur noch einen Weg, es wieder rauszukriegen: Du musst den Film machen!“ Das haben Gaimans Schwarzer Kater und Christopher Salmon also gemeinsam: Sie machen immer weiter. 

Zum Produktions-Blog geht es unter diesem Link: http://www.theprice-movie.com/production-blog, Christopher Salmons Firmenwebsite steht unter diesem Link: http://silverfishcreative.com/. Und den Blog unseres Autors Christian Endres findet man hier: www.christianendres.de

 

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