Neuauflage : Familiengeschichte mit Brüchen

Wenn „Evil Germans“ auf "diese Amerikaner" treffen: Line Hovens „Liebe schaut weg“ erzählt von den Schwierigkeiten einer transatlantischen Annäherung.

Katja Schmitz-Dräger
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Wieder da. Line Hovens Debüt gibt es jetzt in zweiter Auflage.Illustration: Hoven/Reprodukt

Seit Anfang des Jahres ist Line Hovens Langcomic-Debüt „Liebe schaut weg“ wieder erhältlich. Die aufwändig aus Schabkarton gekratzte Familiengeschichte war im Herbst 2007 erstmals bei Reprodukt erschienen und hatte einige Beachtung gefunden – die Auszeichnung mit dem ICOM Independent Comic Preis 2008 als "Bester Independent Comic" und die Nominierung für den Max-und-Moritz-Preis, dazu eine recht breite Rezeption in der Presse und beim Publikum: Nicht selbstverständlich für einen Alternative-Comic-Erstling. Nun liegt das Werk, entstanden als Hovens Diplomarbeit an der Hamburger Hochschule für angewandte Wissenschaft, in der zweiten Auflage vor.

Die neue Ausgabe ist im Format ein wenig größer und fasst sich auf schwarzen Karton gedruckt fast noch besser an als die erste. Vorne auf dem Titel der Blick durchs Fenster in einen Raum, an dessen Wand Familienfotos; das erste Bild innen zeigt wohl denselben Raum: nunmehr mit gepackten Kisten, abgedeckten Möbeln und den Rändern der abgenommenen Bilder an der Wand ein Sinnbild des Abschieds. Dass vor allem die ungewöhnliche Schabkarton-Technik Aufmerksamkeit erregt, ist sowohl ihrem Seltenheitswert geschuldet – eine mühevolle Arbeit, die mit einem falschen Strich wieder zunichte gemacht sein kann –, als auch ihrem eigentümlichen optischen Reiz, der sich irgendwo zwischen Holzschnitt und Fotonegativ verorten lässt. Jedes Panel lässt sich ausführlich bestaunen, und Hoven hat immer wieder Details eingebaut, die erst beim zweiten Hinsehen auffallen.

Dazu die Thematik: Vergangenheit und Erinnerung, Lieblingsthemen hierzulande, wen wundert’s? Doch „Liebe schaut weg“ ist weder Geschichtsdrama noch Vergangenheitsanalyse mit großer Geste. Als Familienalbum kommt die Geschichte daher und macht in sehr persönlichem Ton große Themen klein, indem sie auf intime Szenen und Momentaufnahmen setzt. Line Hoven erzählt von zwei Familien, einer deutschen und einer amerikanischen, die über die Generationen und über die historischen Gräben hinweg zu ihrer eigenen werden. Dafür muss in der Tat über einiges hinweggeschaut werden, wie der Titel ankündigt. Denn zu Beginn des Buches, in der Generation der Großeltern, sind die Hovens und die Loreys so weit entfernt voneinander, wie sie nur sein können: Hier Hitlerjunge Erich Hoven, der sein in langer Arbeit selbstgebautes Radio erschrocken abschaltet, als er feststellt, dass er nicht nur einen englischsprachigen Sender erwischt hat, sondern die eben noch begeistert genossene Musik zu allem Überfluss auch noch von einem jüdischen Komponisten stammt. Auf der anderen Seite des Atlantiks brennt Harold Lorey darauf, in den Krieg gegen die Deutschen ziehen zu können, und es wurmt ihn, dass er für untauglich erklärt wird. Immerhin kann er so 1945 Catherine heiraten, die er beim Schlittschuhlaufen kennengelernt hat – die zwei Tickets für die Eisbahn sind ebenso detailgetreu und liebevoll nachempfunden wie Familienfotos samt in unterschiedlichen Handschriften verfassten Kommentaren. Hier hat die zweite Auflage übrigens ein wenig nachgebessert: die amerikanischen Großeltern bekommen in den Dialogen etwas mehr Kontur.

Sehr privat scheint die Geschichte erzählt, und Hoven sieht tatsächlich davon ab, explizit den Bogen zum großen Ganzen zu schlagen. Doch das ist auch nicht nötig: Das Zeitgeschehen spiegelt sich auch in den kleinen Episoden, den Äußerungen der Figuren – politisch oder nicht –, den eingestreuten Dokumenten, und in den Lücken. Das Foto „Erich und Irmgard im Sommerlager der Hitlerjugend“ fehlt – an seiner Stelle vielsagend leere Fotoecken. Der Lieferschein für Hovens neue Waschmaschine von 1958 genügt, um die Wirtschaftswunderzeit zusammenzufassen. Und während Irmgard Hoven sich verärgert fragt, woher ihr Science-Fiction-begeisterter Sohn Reinhard stets diesen „Schund“ habe, blättert sie in der „Constanze“, der Frauenzeitschrift der Fünfziger, voll mit Werbung für Haushaltsgeräte. Die nicht weiter kommentierten Beobachtungen tun der Sache gut, und mit den Lücken wird zugleich der fragmentarische und unvollständige Charakter von Erinnerung thematisiert. Die Autorin hat eine vielschichtige Annäherung an ihr Thema vorgelegt, auch wenn die Brüche und Auslassungen die Episoden gelegentlich sperrig erscheinen lassen: eben so, als hätte man einen etwas bärbeißigen Großvater vor sich, dem man jeden Satz einzeln aus der Nase zu ziehen versucht. „Sie reden nicht über diese Zeit. Ist schon lange her“, sagt Reinhard zu seiner neuen Freundin, der jungen Amerikanerin Charlotte, als diese ihn nach der Liebesgeschichte seiner Eltern Erich und Irmgard fragt, und trifft damit die Stimmung der 1950er und frühen 1960er Jahre auf den Punkt.

Es sind Reinhard und Charlotte, die nächste Generation, die mit ihrer Liebesgeschichte die deutsch-amerikanischen Vorurteile zu überwinden haben. Die Voraussetzungen sind mit der Zeit besser geworden: SciFi-Fan Reinhard erfährt in seiner Jugend begeistert von der amerikanischen Mondlandung, während seine Mutter für „diese Amerikaner“ nichts als Verständnislosigkeit übrig hat. Charlotte Lorey studiert deutsche Literatur bei den „Evil Germans“, wo ihr Vater sie am liebsten gar nicht erst hinlassen würde. Ganz reibungslos geht die Zusammenführung der beiden Familien bei all den Diskrepanzen in Sprache, Kultur und Geschichte freilich nicht vonstatten, und Hoven versteht es, peinlich berührende Momente durch gezieltes Wegschauen zugleich gnädig zu umgehen und verstärkend in Szene zu setzen: Wieder liegt die maximale Wirkung in der Lücke.

Der letzte Teil der Geschichte ist eher ein Epilog und ebenso elliptisch erzählt: Die junge Familie Lorey-Hoven lebt erst in Amerika, zieht dann nach Deutschland – Reinhard war schon immer schlecht in Englisch. Es folgt die nächste Generation, die Kinder von Reinhard und Charlotte, die in Deutschland zu Hause sind. Das letzte Bild: wieder ein Haus, zwei Fenster. Dahinter, vielleicht, geht die Geschichte weiter.

Line Hoven: Liebe schaut weg, Reprodukt, 96 Seiten, schwarzweiß, 24 x 21 cm, Klappenbroschur, 14 Euro. Leseprobe hier.

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