Neue Comics über den Zweiten Weltkrieg : Das Leid der Väter

Was passierte in deutschen Kriegsgefangenenlagern? Zwei französische Zeichner, Newcomer Florent Silloray und Altmeister Jacques Tardi, erforschen ihre Familiengeschichte.

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Dialog mit dem Vater: Zwei Panels aus dem Buch von Jacques Tardi.
Dialog mit dem Vater: Zwei Panels aus dem Buch von Jacques Tardi.Foto: Edition Moderne

Das Bild deutscher Kriegsgefangenenlager während des 2. Weltkrieges ist vor allem durch Hollywood geprägt. Man erinnere sich etwa an den Film „Gesprengte Ketten“, der vor 40 Jahren in die Kinos kam, und die Bande cooler alliierter Offiziere, die die steifen, hackenschlagenden Deutschen mit tollkühnen Ausbruchsplänen zum Narren hielten - allen voran Steve McQueen mit seinen waghalsigen Motorradstunts.

Obwohl dieser Film wahre Begebenheiten verarbeitete, sah die Wirklichkeit der Millionen Kriegsgefangenen, die in 222 Stalags (Stammlagern) zusammengepfercht wurden, meist anders aus. Sie verbrachten oft Jahre hinter Stacheldraht, viele von ihnen wurden als Zwangsarbeiter für schwerste körperliche Arbeiten eingesetzt. Die Betroffenen schämten sich für die erlittenen Erniedrigungen, was häufig die Ursache für das Schweigen gegenüber ihren Familien war. Zudem schien nach dem Krieg das Leid der rückkehrenden Soldaten angesichts der gerade publik gewordenen Holocaust-Verbrechen kaum der Rede wert.

O-Töne aus dem Krieg - ein Schatz

Zwei französische Künstler stellen nun in halbdokumentarischen Graphic-Novels die Verhältnisse in den Stalags dar, aus der Sicht einfacher französischer Soldaten. Beide schöpfen aus familiären Quellen und decken bislang vernachlässigte Seiten des Krieges auf.

Der Comic-Debütant Florent Silloray stieß 2007, vier Jahre nach dem Tod seines Großvaters Roger, auf dessen Tagebuch, verfasst 1939-41 an der Front, im Stalag IV B in Mühlberg/Elbe in Südbrandenburg und während des Einsatzes in Arbeitskommandos. O-Töne aus dem Krieg - ein einmaliger Schatz, erkannte der Ilustrator Silloray. Er vertiefte sich in die Dokumente und beschloss, daraus einen Comic zu machen: „Auf den Spuren Rogers“. Die berührende Geschichte beginnt mit der Einberufung, erzählt von der Gefangennahme durch die Deutschen, vom Gewaltmarsch gen Osten bis zum Eintreffen im Stalag. Die dortige Versorgung war so schlecht, dass Roger lieber in einer Kohlegrube arbeitete. Sillorays Sepia-Bilder erinnern an alte Fotografien und sind unterlegt mit Rogers eigenen Worten. Die Recherchereise des 1971 geborenen Zeichners wird als persönliche Aufarbeitung parallel erzählt, farblich abgesetzt durch Pastellfarben.

Erst nach dem Tod des Vaters arbeitete Tardi die Erinnerungen auf

Comic-Altmeister Jacques Tardi, Jahrgang 1946, beschäftigte sich bislang in vielen herausragenden Erzählungen (unter anderem „Grabenkrieg“, „Elender Krieg“) mit dem 1. Weltkrieg, inspiriert durch Erlebnisse seines Großvaters, der das Grauen des Schützengrabenkriegs als Soldat miterlebt hat. Geradezu besessen von der Thematik, recherchierte der Enkel jedes Detail und schuf so grafische Erzählungen von dokumentarischem Wert.

Auf Leben und Tod: Eine Szene aus "auf den Spuren Rogers".
Auf Leben und Tod: Eine Szene aus "auf den Spuren Rogers".Foto: Avant

Doch auch der 2. Weltkrieg hatte Spuren in Tardis Familie hinterlassen. Sein Vater verpflichtete sich 1935 als Berufssoldat und wurde zu Kriegsbeginn gleich eingesetzt. Bereits 1980 bat Jacques Tardi seinen Vater – der wie Sillorays Großvater lange über seine Gefangenschaft schwieg -, seine Erlebnisse aus dem 2. Weltkrieg aufzuschreiben, den er vor allem im Stalag II B in Pommern verbrachte. Und der tat es, penibel füllte er drei Schulhefte damit. Der Zeichner zögerte lange, diesen Stoff in Comicform zu verarbeiten, 1986 starb René Tardi.

Für Anfang 2014 ist eine große Tardi-Schau in Berlin geplant

Nun liegt der erste Teil eines zweibändigen Werkes vor, „Ich, René Tardi, Kriegsgefangener im Stalag II B“. Das Warten hat sich gelohnt. In seiner Adaption bedient sich Jacques Tardi eines originellen Kunstgriffs: er inszeniert sich selbst als jungen Bengel, der den Vater in seine Erinnerungen begleitet, aufs Kriegsfeld und ins Lager, um ihn immer wieder in der Erzählung zu unterbrechen, insistierende Fragen zu stellen oder naseweis zu kommentieren. Tardi erzählt detailversessen, in realistischen und zugleich expressiven, bis auf wenige Ausnahmen schwarz-weiß-grauen Bildern, von einem traumatischen Panzereinsatz, der Gefangennahme durch die Deutschen über die Zeit im Stalag bis zur Evakuierung des Lagers Ende 1944. Noch schonungsloser als bei Florent Silloray werden der Lageralltag beschrieben, die Hoffnungslosigkeit, der Hunger, die sanitären Verhältnisse, die Ungleichbehandlung der verschiedenen Nationalitäten. Es muss eine zermürbende Zeit gewesen sein für René Tardi, der fast fünf Jahre in diesem Lager zubrachte, was ihn für den Rest seines Lebens prägte. Der zweite Band wird den langen, entbehrungsreichen Gefangenenmarsch nach der Räumung des Stalags von Januar bis Mai 1945 beschreiben.

Familiengeschichten: Die Titelbilder der beiden Bücher.
Familiengeschichten: Die Titelbilder der beiden Bücher.Foto: Promo

Die Geschichte der deutschen Kriegsgefangenenlager ist bislang weitgehend unbeachtet geblieben, selbst in der Literatur gibt es nur wenige Erwähnungen am Rande. Über zwei Jahrzehnte nach Art Spiegelmans „Maus“ belegen beide Werke aufs Neue, dass sich die Kunstform Comic für historisch komplexe Stoffe anbietet, zumal, wenn authentische Quellen benutzt werden wie hier. „Inglourious Basterds“-Fans könnte die Lektüre irritieren - Geschichte wird hier nicht schwarz-weiß vermittelt, sondern mit allen nur erdenklichen Grautönen dazwischen.

 Florent Silloray: „Auf den Spuren Rogers“, avant Verlag, 112 S., 24,95 €
Jacques Tardi: „Ich, René Tardi, Kriegsgefangener im Stalag II B“, edition moderne, 200 S., 35,- €
„Elender Krieg“ und „Grabenkrieg“ sind ebenfalls bei der edition moderne erschienen

Mehr zum Thema: Das Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit in Berlin-Schöneweide, Britzer Str. 5, bietet eine sehenswerte Dauerausstellung am historischen Ort eines ehemaligen Zwangsarbeiterlagers, „Alltag Zwangsarbeit 1938-1945“, geöffnet Dienstag-Sonntag 10-18 Uhr.

Ausblick: Für Mitte Januar 2014 ist eine umfangreiche Ausstellung zu Jacques Tardis Comicschaffen zum 1. und 2. Weltkrieg im Literarischen Colloquium am Wannsee angekündigt worden.

Unser Autor Ralph Trommer ist Dipl.-Animator, Autor von Fachartikeln über Comics, Prosatexten und Drehbüchern. Weiter Tagesspiegel-Artikel von ihm unter diesem Link.

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