Neue deutsche Comics : Die Szene zeigen

Wo steht der deutsche Autorencomic im Jahr 2016, fast eine Dekade nach der breitenwirksamen Propagierung der Bezeichnung „Graphic Novel“? Drei Künstler, fünf Beispiele.  

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Knallbunt statt kullerrund: Eine Szene aus Aisha Franz' Kurzcomic "Eyez".
Knallbunt statt kullerrund: Eine Szene aus Aisha Franz' Kurzcomic "Eyez".Foto: kuš

In der zweiten Hälfte der 2000er Jahre veränderte sich der hiesige Comic-Markt: Neben der Renaissance frankobelgischer Alben in Folge der Neugründung des Splitter-Verlages im Jahr 2006 wurde zwei Jahre später in Allianz der Verlage Reprodukt, Carlsen, Edition 52, Avant und Edition Moderne „graphicnovel.info“ gegründet, ein Portal zur öffentlichen Meinungspflege für „anspruchsvolle und bewegende Werke mit literarischem Anspruch“, so eine der vielen auf der Website zu findenden Definitionen.

Die von anderen Fraktionen der Comic-Szene zum Teil als ausgrenzend empfundenene Selbstdarstellung der Initiatoren führten zu dieser Erwiderung und mündeten schließlich 2012 in einem Statement im Sinne großzügiger Inklusion seitens der Betreiber der Seite.

Dazu kann man stehen, wie man mag, man muss der konzertierten Agitation aber bescheinigen, dass zumindest alles, was unter diesem Label vermarktet wird und als „anspruchsvoll“ oder „bewegend“ wahrgenommen wird, mittlerweile im deutschen Feuilleton durchgewunken wird; aufschlussreiche Zahlen zu dieser Entwicklung an Hand der Nennung des Schlagworts „Graphic Novel“ findet man in diesem Artikel: „Von 2003 bis 2013 aber stieg die Zahl der „Graphic Novel“-Erwähnungen in deutschsprachigen Zeitungen auf 1036, der Großteil (935 Nennungen) entfiel dabei auf die Jahre 2008 bis 2013.“

Die interessantere Frage aber, die sich bei der Beobachtung dieser Zahlen stellt, ist, ob diese Entwicklung den deutschen Comic mit selbst auferlegtem Anspruch nicht nur in Feuilleton und Buchhandel, sondern auch inhaltlich befördern konnte.

Als populäre Beispiele und von dieser Entwicklung profitierende Werke wären sicherlich die im Jahr 2014 veröffentlichten Autorencomics „Kinderland“ von Mawil und Barbara Yelins „Irmina“ zu nennen; beide heimsten diverse Auszeichnungen ein und waren für das Mikrogeschäftssegment „Graphic Novel“ innerhalb des nur moderat profitablen Geschäftsfeldes „Comic“ sogar relativ erfolgreich, wenn man den Auflagenzahlen glauben schenken darf.

Geschenkt, dass hier wieder einmal die als sichere Absatz- und Feuilletonbrandbeschleuniger bekannten Themen DDR und Nationalsozialismus beackert wurden, die im Wechselspiel mit irgendwelchen zum Anlass passenden Jubiläen oder Gedenktagen die bei der Vermarktung so wichtigen und viel beschworenen Synergieeffekte bewirken.

Was aber nichts über die inhaltliche Qualität derartiger Werke aussagt; auch derart stark strapazierte Themen können mit einem künstlerischem Mehrwert versehen durchaus eine gewinnbringende Lektüre darstellen. Wie aber stellt sich die Lage im Jahr 2016 dar? 

Schwarz ist alles was ich habe: Hommers China-Depression.
Schwarz ist alles was ich habe: Hommers China-Depression.Foto: Reprodukt

Das China-Syndrom

 Nehmen wir das rührige Urgestein der deutschen DIY-Comicszene, Sascha Hommer, dessen aktueller Abstecher ins Fach der Reiseliteratur, betitelt „In China“, gegenwärtig einiges an Lob für seine hochkulturellen Bezüge zu sinologischer Fachliteratur und Artverwandtem einfährt, jedoch im gleichen Atemzug kritisiert wird, weil es einigen Rezensenten an der Darstellung des persönlichen Bezugs Hommers zu seinen vermeintlich autobiographischen Aufzeichnungen zu fehlen scheint. Und: Der Autor sei nicht kritisch genug gegenüber seinem Gastland. Ob das wirklich einer Bequemlichkeitshaltung geschuldet ist, lässt sich schwer beurteilen, vielleicht ist Hommer ja Kommunist. Was sich hingegen recht gut beurteilen lässt, ist die Form der Reiseliteratur, auch so ein Subgenre wie die Graphic Novel und grob unterteilbar in Reiseführer sowie wissenschaftliche und literarische Berichte. Letztere umfassen wiederum ebenfalls viele Subkategorien, zu denen unter anderem die Lügendichtung gezählt werden kann.

Nicht, dass der für ein Vierteljahr in China verweilende Hommer der Lüge bezichtigt werden soll, aber was er hier tatsächlich abliefert, ist eine ziemlich morbide Reisemoritat. Man möchte wegen des permanenten Maskentragens der Hauptfigur fast schon von einem Michael Myers der literarischen Kartographie sprechen, hätte Hommer diesen Kunstgriff nicht schon unter anderem in seinem für den US-amerikanischen Markt entstandenen „Frontier“-Heft angewandt.

Down in the Maschinenpark - Jack Kirby lässt grüßen. Eine Szene aus Sascha Hommers „Frontier“-Heft.
Down in the Maschinenpark - Jack Kirby lässt grüßen. Eine Szene aus Sascha Hommers „Frontier“-Heft.Foto: Hommer / Frontier

Die wiederkehrenden Exkurse in die Welt des Ungeziefers bewirken Momente flirrenden Unwohlseins, insbesondere, wenn der Besitzer des Restaurants, in dem Hommer mit seinen Freunden speisen will, unerquickliche Anekdoten über seine Selbstekeldesensibilisierung gegenüber Kakerlaken oder von latentem Sadismus durchwirkte Methoden der Rattenabschreckung schildert, wie man es seit Roald Dahls Rattenfängervignette in „Der krumme Hund“ nicht mehr erlebt hat. Derlei düstere Sequenzen durchziehen den gesamten Comic, in dem Hommer die überladenste Rasterfolien-Ästhetik jenseits von Howard Chaykins „American Flagg!“ etabliert.

Aber das hätte man vorher ahnen können, denn in Frontier #3 gibt es einen Ausschnitt aus „Transit“ zu bestaunen, der von der Koloration bis hin zu den an Collagen aus Foto und Zeichnungen erinnernden Bildern einen anderen Großmeister der US-Comics heraufbeschwört, nämlich Jack Kirby.

Was Hommer hier schafft, ist ein Portrait der alltäglichen Psychopathologie in von schwarzen Tuscheclustern bedrängten Bildern, die den gegen Ende von ihm geäußerten Wunsch nach dem vorzeitigen Verlassen des Gastlandes nachvollziehbar erscheinen lassen. Die Frage ist bloß, ob es da, wo er herkam, besser ist, denn das Gefühl der Entfremdung endet nicht an Landesgrenzen. „In China“ hat eine sehr eigene und unbequeme Note, und hebt sich daher wohltuend von dem üblichen deutschen Graphic-Novel-Brei ab.

Wenn man keine Perspektiven mehr hat, wird der Shit real: Eine Szene aus Aisha Franz' Buch.
Wenn man keine Perspektiven mehr hat, wird der Shit real: Eine Szene aus Aisha Franz' Buch.Foto: Reprodukt

 Ich habe Dir nie einen Neurosengarten versprochen

 Aisha Franz, als Shooting Star der deutschen Nachwuchsszene gehandelt, hat fast zeitgleich mit Hommer ihren neuesten Comic „Shit Is Real“ vorgelegt, der „irgendwie“ mit Science Fiction zu tun haben soll. Prompt wird der Kardinalfehler begangen, schon auf der ersten Umschlagsinnenseite fröhlich Schlagworte zu hashtaggen, was sich dann unter anderem so liest: #stalking #comic #sciencefiction #identität

Das machen sie in der Printversion des ewig jungen und substanzlos Konsum mit Pop vermählenden Magazins Intro ebenso, und es ist ja schön, wenn die jungen Leute was zu lachen haben. Es hat schon immer gut funktioniert, wenn ein Medium zur Frischzellenkur Merkmale anderer Medien kopiert, auch wenn diese im Print gar nicht funktionieren. Aber zurück zur Autorin, die hier ein Beziehungsende als Anlass zu einer Reise zu sich selbst nimmt.

Es entfaltet sich ein Drama in dem bereits aus ihren Vorgängerwerken bekannten Stil von auf simpel getrimmter Zeichentechnik, die in ihrer naiven Kugelrundigkeit an erste Gehversuche im Kunstunterricht der Sekundarstufe I erinnern, und bei dem am Ende wahre Freundschaft und Liebe triumphieren. Das Ganze erinnert in seiner Belanglosigkeit an „Venustransit“ von Hamid Eshrat, der eine ähnliche akribisch schraffierte Bleistiftwelt offeriert und unter derselben inhaltlichen Berlin-Mitte-Selbstbezogenheit leidet. Wobei Eshrat grafisch etwas besser aussieht; wenngleich er in seinen besten Momenten schwer an Manuele Fiors „Die Übertragung“ denken lässt, aber bei weitem nicht dessen erzählerisches Potenzial freizusetzen vermag. Ein Problem, mit dem Franz ebenfalls zu kämpfen hat. Erschwerend kommen bei ihr im Rahmen der Erzählung neben durchaus ansehnlichen Seitenkompositionen unvermittelt verwirrende perspektivische Ansichten zum Einsatz, über deren Sinn und Zweck man ins Grübeln kommt. Noch verwunderlicher aber ist, dass simultan bei den im lettischen Riga ansässigen Kleinverlag kuš ein Mini-Comic von Franz mit dem Titel „Eyez“ erschien, der alles das einlöst, was „Shit Is Real“ lediglich verspricht: Science Fiction in bildgestützter Erzählweise, die lieber Onomatopoesie anstelle von Worten einsetzt, und eine an den nötigen Stellen grelle und damit passende Akzente setzende Kolorierung minus kugelartiger Physiognomie.

Räder laufen aus dem Ruder- Röhner macht's schöner: Eine Szene aus dem besprochenen Band.
Räder laufen aus dem Ruder- Röhner macht's schöner: Eine Szene aus dem besprochenen Band.Foto: Rotopolpress

Im Beziehungsgeodreieck

Max Baitingers zweites längeres Werk in Buchform, „Röhner“, widmet sich gleichfalls großstädtischen Befindlichkeiten, Stichwort zwanghafte Kaffeezubereitungsrituale. Dabei kommt aber keine Larmoyanz zum Tragen, sondern es wird dem Leser ein präziser Zugang über knappe Texte ermöglicht, welche einen in dieser wie mit Zirkel und Lineal entworfenen Bilderwelt herumführen und perspektivische Verschiebungen wahrnehmen lassen, die man in diesem zunächst recht banal erscheinenden Beziehungsgeodreieck gar nicht vermutet hätte. Aber innerhalb der pedantisch festgelegten Flächen und Räume brodeln die Gefühle ganz gewaltig. Das alles handhabt Baitinger souverän und mit unterkühlten Punchlines. Verfremdungseffekte wie das aus dem Ruder Laufen vertrauter Formen und das Spiel mit Leerstellen zwischen den Räumen und um diese herum machen das Lesen des Comics um den ungebetenen Gast, der nicht wieder von dannen ziehen will und zudem der bis dahin auf angenehme Distanz gehaltenen Nachbarin Avancen macht, zu einem ästhetisch-humoristischen Vergnügen.

Der deutsche Autorencomic hat mittlerweile einiges an Boden gut gemacht, auch Dank solcher Werke wie „Von Spatz“ von Anna Haifisch, noch Verlagskollegin Baitingers und schon bald von Franz und Hommer, die als Künstlerin eben nicht in die erprobte Gedenktag-Vermarktungsschablone passen will. Es wäre daher an den Verlagen, von einer gleichgeschalteten Auf-Nummer-Sicher-Veröffentlichungspolitik abzurücken und sich mehr dem Risiko des Betretens von Neuland zu widmen. Was zumindest in zaghafter Form abseits von feuilletonkompatiblen Formaten ja inzwischen auch ab und zu passiert.

 Sascha Hommer: In China, Reprodukt 2016, 20, 00 €, 176 Seiten
Sascha Hommer: Frontier #3, Youth In Decline 2014, ca. 7, 10 €, 32 Seiten
Aisha Franz: Shit Is Real, Reprodukt 2016, 24, 00 €, 288 Seiten
Aisha Franz: Eyez, kuš 2016, ca. 5, 35 €, 24 Seiten
Max Baitinger: Röhner, Rotopolpress 2016, 22, 00 €, 216 Seiten

Veranstaltungshinweis: Aisha Franz und Sascha Hommer lesen an diesem Donnerstag aus ihren Büchern: 19.30 Uhr, Bibliothek am Luisenbad, Travemünder Str. 2, Berlin-Gesundbrunnen, Eintritt frei

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