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Porträt : Menschen, Tiere, Ambitionen

04.01.2013 22:21 Uhrvon
Schicksalsgemeinschaft: Die Hauptfigur von "Sweet Tooth", Gus, und sein künftiger Weggefährte Jepperd bei ihrer ersten Begegnung.Bild vergrößern
Schicksalsgemeinschaft: Die Hauptfigur von "Sweet Tooth", Gus, und sein künftiger Weggefährte Jepperd bei ihrer ersten Begegnung. - Foto: Panini

Wie kaum ein anderer ist der Zeichner und Autor Jeff Lemire mit Autorencomics und Mainstream-Genreserien gleichermaßen erfolgreich. Inzwischen erscheinen auch seine Dystopie „Sweet Tooth“ und die Horror-Reihe „Animal Man“ auf Deutsch, kommende Woche folgen zwei weitere Werke. Kunst und Kommerz in Einklang zu bringen, bereitet dem Kanadier allerdings zunehmend Probleme.

Der mit zahlreichen Auszeichnungen und Nominierungen bedachte Comicautor und -zeichner Jeff Lemire ist seit seinem Engagement im Jahr 2009/10 bei DC Comics neben Scott Snyder einer der Autoren, die vielfältig innerhalb der Produktionen des amerikanischen Verlagshauses eingesetzt werden. Bisweilen entsteht der Eindruck, DC suche nach dem Weggang seines prominenten Aushängeschildes Grant Morrison händeringend nach einem ähnlich populären Ersatz - mit entsprechendem Renommee bei einer größtmöglichen Schnittmenge an am Comic interessierten Lesern.

Als Verfasser von anspruchsvolleren Autorencomics wie auch populärer Genrestoffe weiß Lemire diese, wenn auch in jüngster Vergangenheit zunehmend eingeschränkt, zu bedienen.

Begonnen hat der kanadische Autor und Zeichner 2003 mit ersten Stilübungen in dem in Eigenregie herausgegebenen Anthologie-Magazin „Ashtray“. 2005 legt er dann mit „Lost Dogs“ sein erstes längeres Werk vor. Technisch noch etwas holprig wirkend, werden hier in dick getuschten Linien Lemires Kernthemen Familie und auseinandersetzungsfreudige Sportarten als Metapher für den Kampf des Einzelnen gegen widrige Umstände verhandelt.

Ein Jahr später stellt er als Gastzeichner in der Serie „Beowulf“, einer in die Gegenwart verlegten englischen Sage, frühzeitig seine vielseitige Einsatzbereitschaft unter Beweis. Und 2007 demonstriert Lemire an Hand des ersten Teils seiner autobiographisch geprägten „Essex County“-Trilogie – die inzwischen bei Edition 52 komplett auf Deutsch vorliegt - nicht nur sein Verständnis vom eskapistischen Potenzial der Figur des Superhelden, sondern empfiehlt sich damit auch gleichzeitig für das DC-Sublabel Vertigo.

Viel mehr als nur „Mad Max mit Geweih“

Dort erscheint im darauffolgenden Jahr, mit Beendigung der eben erwähnten Trilogie im Jahr 2008, der in sich abgeschlossene und von H. G. Wells´ „Der Unsichtbare“ inspirierte Einzeltitel „The Nobody“, eine Parabel über durch Stigmatisierung ausgelöste Ausgrenzung und Entfremdung, die Mitte Januar bei Panini auf Deutsch erscheint. Lemire experimentiert darin mit der Integration anderer Zeichentechniken wie beispielsweise Aquarellierungen innerhalb der bisher von ihm gewohnten Darstellungsweisen.

Im Anschluss daran startet er sein nächstes Vertigo-Projekt, die Dystopie „Sweet Tooth“. Die Serie wurde im Original soeben mit Heft 40 abgeschlossen, auf Deutsch hat Panini die ersten zwei Sammelbände vorgelegt. Kürzlich wurde die Reihe von einer vom Tagesspiegel zusammengestellten Jury von Comic-Journalisten zu einem der besten Comics des vergangenen Jahres gekürt.

Ausgezeichnet: "Sweet Tooth" - hier die Cover der ersten beiden deutsche Sammelbände - wurde kürzlich von einer Tagesspiegel-Jury als einer der besten Comics des vergangenen Jahres gekürt.Bild vergrößern
Ausgezeichnet: "Sweet Tooth" - hier die Cover der ersten beiden deutsche Sammelbände - wurde kürzlich von einer Tagesspiegel-Jury als einer der besten Comics des vergangenen Jahres... - Foto: Panini

Bereits 2006 beschäftigt sich Lemire erstmals mit einem post-apokalyptischen Szenario in der nie beendeten Fortsetzungsgeschichte „The Fortress“. Der zweite Versuch innerhalb dieses Genres wird allerdings durch plakative Bezeichnungen wie „Mad Max mit Geweih“, wie es USA Today werbewirksam und umschlagaufdruckkompatibel formulierten, nur mehr unzureichend beschrieben. Denn wo ein Film wie „Mad Max“ als auch thematisch verwandte und überaus erfolgreiche Comic-Serien à la „The Walking Dead“ die mit dem Zivilisationskollaps einsetzende Verrohung zelebrieren und Rollenbilder oftmals ins Archaische zurückentwickeln, setzt „Sweet Tooth“ auf differenzierte Charakterzeichnung in einem stets unfertig und skizzenhaft wirkenden Strich. Einer Welt, die zwischen Auseinanderbrechen und dem Versuch bescheidener Restrukturierung hin- und her wankt, wird durch derartige stilistische Kniffe – und mittels entschleunigter Abfolge der Bildsequenzen - eine zusätzliche dramaturgische Dimension verliehen. Erneut ist Dekompression eines der angewandten Mittel Lemires zur Handlungsintensivierung, ähnlich wie zuvor in „Essex County“ und „The Nobody“ erprobt. Der grobmotorische Strich, welcher eine entfernte Verwandtschaft zur Methodik des Holzschnitts aufweist, provoziert darüber hinaus neben dem von Hauptfigur Gus getragenen karierten Lumberjack-Hemd Assoziationen mit mühsamer Handarbeit und traditionellen Werten - ein Verfahren, von dem das agrikulturelle Setting in „Essex County“ gleichfalls profitierte.

Lemires Superhelden-Ausflüge sind zum Teil enttäuschend

Wohl gibt es auch in „Sweet Tooth“ die genreüblichen marodierenden Banden, kryptofaschistische oder sektiererische Gruppendynamik sowie Misogynie, doch nie beutet Lemire derartige Missstände sensationsheischend aus. Vor allem aber lässt er seinen Figuren immer die Option des Charakterwandels. Derartige im Realismus fußende Ambivalenz zeigt sich beispielsweise bei der Darstellung von Johnny oder Dr. Singh, Handlanger einer Wissenschaftsmiliz, welche Gus zu Forschungszwecken in einem Lager interniert. Ebenso erspart Lemire dem Leser sinnentleerte Gewaltdarstellungen ohne Handlungsrelevanz, wie erst kürzlich in der hundertsten Ausgabe von „The Walking Dead“ mit der Zertrümmerung eines menschlichen Kopfes über fünf Seiten hinweg geschehen.

Lemires praktizierte Humanität macht die „Sweet Tooth“-Saga um die von verschiedenen Interessengruppen verfolgten Kinder, die halb Tier und halb Mensch sind, zu einer der menschlicheren Anti-Utopien der letzten Zeit - obwohl auch hier dem Sujet geschuldete Grausamkeiten nicht ausbleiben. Wie auch das vom Autor erdachte Bestiarium einer aus den Fugen geratenen Natur weiß das Ideenreichtum der Erzählung trotz einiger Vorhersehbarkeiten zu begeistern. Gespannt steuert man unter gekonnter Plot-Führung die Auflösung der Frage „Was ist die Ursache?“ an, deren Antwort voraussichtlich irgendwo in den eisigen Landschaften Alaskas zu finden sein wird. Im Kern aber bleibt „Sweet Toth“ eine Erzählung über das Heranwachsen und den Versuch, verloren gegangene familiäre Strukturen aufzubauen. Nicht zufällig trägt die geweihbewehrte und naschwerkaffine Hauptfigur Gus denselben Namen wie Lemires eigener Sohn.

Jungstar: Lemire - hier auf dem Comicfestival von Toronto - ist noch keine 37 Jahre alt.Bild vergrößern
Jungstar: Lemire - hier auf dem Comicfestival von Toronto - ist noch keine 37 Jahre alt. - Foto: Lars von Törne

Eine ähnliche Mission der Familiengründung obliegt den Außenseitern des Städtchens Smallville in Lemires Version von „Superboy“, erschienen 2010. „Superboy“ ist neben „Atom“ einer von DCs weniger populären Titeln, in denen Lemire erste Gehversuche als Autor im Superhelden-Bereich des Verlages unternimmt. Bei der zeichnerischen Umsetzung durch Mahmud Asrar im Falle von „Atom“ und (überwiegend) Pier Gallo bei „Superboy“ regiert das Mittelmaß beziehungsweise der Standard US-amerikanischer Superheldenmassenware. Und zumindest „Atom“ ist nicht weiter der Rede wert, Lemire hat der Historie eines der kleinsten Superhelden der Welt nicht viel Neues hinzuzufügen. Anders bei „Superboy“: Vom bemerkenswerten „Essex County“-Selbstzitat in der ersten Ausgabe, dem aber leider bald triste Ereignisarmut folgt und die in den Heftnummern 6 und 7 zusätzlich durch ein lähmendes Crossover potenziert wird, begibt sich Lemire in den letzten drei Heften auf unerwartete Höhenflüge und sorgt so vor der Einstellung der Serie mit dem elften Heft noch einmal für eine Überraschung.

Das Hoch innerhalb seines Schaffens für reguläre DC-Titel setzt sich mit der dreiteiligen Mini-Serie „Frankenstein And The Creatures Of The Unknown“ innerhalb des verlagsinternen Flashpoint-Crossovers fort. Deren Weiterführung als laufende Serie, nun unter dem Titel „Frankenstein, Agent Of S.H.A.D.E.“ und ab Mitte Januar auch auf Deutsch bei Panini, erweist sich jedoch für eine halb im Horror-Genre verwurzelte Serie als geradezu blutarm. Weder kann Lemire an das große Vorbild „B.U.A.P.“ von Mike Mignola, Duncan Fegredo und Guy Davis anknüpfen, noch an die zeitgleich eine ähnliche Thematik beackernde Marvel-Mini-Serie „Legion Of Monsters“ von Dennis Hopeless und Juan Doe heranreichen.

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