Satire-Comic : Zweifelhafte Delikatessen

Die skurrile Serie "Chew" um den vegetarischen Ermittler Tony Chu ist Action-Comic, Kritik an der Lebensmittelindustrie - und nichts für schwache Gemüter. In Kürze erscheint der vierte Sammelband auf Deutsch.

Thomas Hummitzsch
Mensch vs. Tier. In der Serie "Chew" geht es mitunter schwer blutig zu. Foto: promo
Mensch vs. Tier. In der Serie "Chew" geht es mitunter schwer blutig zu.Foto: promo

Tony Chu ist ein hartnäckiger Ermittler, den so schnell nichts von seinem Weg abbringen kann. Ein „Bulle mit Biss!“, wie es der Untertitel der amerikanischen Comic-Reihe, deren vierter Teil in kürze erscheinen wird, auf den Punkt bringt. Dies ist durchaus direkt zu verstehen, denn Tony Chu ist ein Cibopath. Der lateinische Wortstamm cibo (zu deutsch Tiere füttern) weist den Leser darauf hin, dass dieser Ermittler besondere Fähigkeiten besitzt: Was sich Tony Chu auch immer auf der Zunge zergehen lässt, er schmeckt, was damit in der Vergangenheit passiert ist. Einem Stück Pizza kann er entlocken, dass sein Belag aus den zusammengefegten Küchenresten besteht, dem Biss in einen Hamburger folgen Visionen der letzten Stunden der den Fleischbelag liefernden Kuh und ein zufälliger Blutstropfen auf seinen Lippen lässt Chu nacherleben, was seinem Besitzer in der nahen Vergangenheit widerfahren ist. Wenig verwunderlich, dass Tony Chu eine streng vegetarische Lebensweise vorzieht.

Im ersten Teil der Serie, der den unzweideutigen Titel „Leichenschmaus“ trägt, musste es Tony Chu mit einer ominösen Fleischmafia aufnehmen. Ein skurriles Netzwerk aus gewaltbereiten Fleischjunkies, geldsüchtigen Betreibern illegaler Restaurants und skrupelloser Schwarzhändler hinterging ohne Rücksicht auf Verluste ein weltweites Hühnerfleischverbot. Dieses wurde eingeführt, nachdem ein Nahrungsmittelskandal Millionen Todesopfer forderte. Mit Eifer boten sich in Band 1 Gesetzesbrecher und Gesetzeshüter einen heftigen Schlagabtausch. Tony Chu sollte mit seinen besonderen Fähigkeiten dieses Spiel für die Nahrungsmittelaufsicht (FDA) gewinnen – im Nacken seinen cholerischen Chef. Dabei verlor er einen guten Freund und Kollegen, musste einiges an Blut lecken und in manche Leiche beißen, um schließlich der FDA einen fadenscheinigen Sieg zu verschaffen. Ganz nebenher wurde im ersten Teil noch die Gourmetjournalistin Amelia Mintz entführt, die dann erst im zweiten Teil der Serie mit dem Titel „Reif für die Insel“ wieder auftauchte.

Geschmacklos? Ermittler Tony Chu bei der Arbeit. Foto: promo
Geschmacklos? Ermittler Tony Chu bei der Arbeit.Foto: promo

Der zweite Band wirkte nach dem ersten jedoch etwas holprig, besonders weil die personellen und narrativen Anschlüsse, das über die Serie greifende Gesamtbild, erst noch geformt werden mussten. Trotzdem fand die Erzählung eine spannende Fortsetzung. Chus ehemaliger Partner Mason Savoy, der am Ende von „Leichenschmaus“ die Seiten wechselte, verschwand und stattdessen tauchte Chus Ex-Kollege John Colby als eine Art Cyborg wieder auf.

Diese Schilderung der Lebensmittelindustrie als mafiöse Halbwelt erfuhr dann im dritten Teil mit dem Titel „Eiskalt serviert“ eine unappetitliche Fortsetzung. Den Auftakt bietet die exklusive Dinnerparty eines „Feinschmeckerclubs“, bei der außergewöhnliche Gaumenfreuden serviert werden. Zweimal im Jahr will dieser Club namens „Bonvivants“ seinen gut betuchten Mitgliedern ein Menü servieren, bei dem nur Waren von vom Aussterben bedrohter Tierarten auf den Tisch kommen. Tony Chu und die wieder befreite Amelia Mintz kommen zu der zweifelhaften Ehre, Mammut zu speisen. Dass das nicht lange gut geht, kann man sich denken.

Eine Schwachstelle der Serie bleibt, dass selbst nach drei Bänden das handelnde Personal immer noch nicht komplett, geschweige denn dem Leser vertraut ist. In jedem Band tauchen wie aus dem Nichts neue Personen mit vermeintlich tragender Bedeutung auf. Vor lauter kreativer Freude scheinen Layman und Guillory zuweilen den Gedanken aus den Augen zu verlieren, dass es ihrer Geschichte noch an einem Kern fehlt, um den sich die Nebengeschichten ranken können.

In den USA feierte die Serie trotzdem große Erfolge. "Chew" gewann mit dem Will-Eisner-Award den renommiertesten Comicpreis überhaupt, erhielt außerdem zwei Harvey-Kurtzman-Awards, wurde von der New York Times auf Platz 1 der Comicbestseller gesetzt und von MTV zu einem der besten zehn Comics in 2009 gekürt. Die kriminalistische Hack- & Slash-Vegetarier-Satire schlägt in den Staaten voll ein, weil sie thematisch und stilistisch vom Mainstream abweicht und neue Wege geht. Die originelle Geschichte wird in schnell geschnittenen Szenen erzählt, ist mit ausreichend skurrilem Personal ausgestattet und einem hohen Maß an Action ausgestattet und überzeugt in ihrem futuristischen Zeichenstil. Nur in diesem Setting ist diese Story zu verkaufen, denn wenngleich hier mit Massentierhaltung, Gammelfleisch, Vogelgrippe und Nahrungsmafia aktuelle Fragen um die Nahrungsmittel- und Fleischproduktion aufgegriffen werden, passen die Verhältnisse in "Chew" nicht in diese Welt.

Visuell ist die Serie nichts für schwache Gemüter. Die Serie fordert von ihren Lesern ein politisch-kritisches Bewusstsein wie auch die Fähigkeit, Ironie – auch in drastischen Strichen – zu verstehen. Layman und Guillory spielen mit den typischen Elementen der Action- und Superheldencomics, ohne dabei den Anspruch aus den Augen zu verlieren, auch Aufklärung zu betreiben. Diese Serie hat es in sich, wenngleich sie weiterhin Schwächen in der übergreifenden Erzählung aufweist. Aber wer erst einmal Blut geleckt hat, kommt davon nicht mehr los.

Das Cover des aktuellen Bandes Foto: promo
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John Layman & Rob Guillory: "Chew. Bulle mit Biss!" Zuletzt erschien Band 3: "Eiskalt serviert", Cross Cult, 128 Seiten, 16,80 Euro. Band vier soll Anfang Juni erscheinen.

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