Science-Fiction-Comicserie „Waisen“ : Durch das Raue zu den Sternen

„Herr der Fliegen“ trifft „Alien“ trifft „Halo“: Die gelungene Science-Fiction-Comicserie „Waisen“ verbindet nachdenkliche Momente mit packender Action.

Marc Schmitz
Kinder-Killer: Ein Panel aus "Waisen". Foto: Cross Cult
Kinder-Killer: Ein Panel aus "Waisen".Foto: Cross Cult

Ein Angriff von Aliens löscht fast die gesamte Menschheit aus, woraufhin die Überlebenden eine Gegenoffensive einleiten. Diese wird angeführt von einer Gruppe von Waisen, die dazu eigens vom Militär zu Superkillern ausgebildet werden. Mit einem treffsicheren Gespür für Action und zwischenmenschliche Dynamik beschreibt Autor Roberto Recchioni faszinierende Protagonisten in einer Welt, die Platz für nachdenkliche Momente als auch knallharte Action bietet.

Die von einem Trupp talentierter, junger Zeichner unter der künstlerischen Leitung von Emiliano Mammucari gezeichnete Geschichte spielt zwar in einer fernen, fiktiven Zukunft, jedoch sind uns auch heute weder Krieg, noch Kindersoldaten, Fanatismus oder Massenmord fremd. „Waisen“ überzeugt mit einer glasklaren Optik, stimmigen und interessanten Dialogen, knallharter Action und einer Story, die zwischen den Zeitebenen militärischen Ausbildung der Waisen zu Elitesoldaten und der irdischen Offensive gegen den vermeintlichen Alienaggressor hin- und herspringt.

Befreit aus der Zwangsjacke der Sozialisation

Während der Ausbildungszeit der Waisen haben die traumatisierten Kinder einiges zu verarbeiten: der Verlust von Familie und Freunden, die ersten Anzeichen der aufkeimenden Pubertät, der Druck der militärischen Ausbildung, der Stress der genetischen Experimente, denen sie unterzogen werden und nicht zuletzt die Notwendigkeit, eine Hackordnung zu etablieren, wenn sie als Team überleben wollen.

Und Action! Eine Szene aus der Reihe. Foto: Cross Cult
Und Action! Eine Szene aus der Reihe.Foto: Cross Cult

Dafür haben sich Autor und Zeichner aus verschiedensten Quellen Inspirieren lassen. Ein eindeutiges Beispiel ist William Goldings „Herr der Fliegen“. Der Roman erzählt die Geschichte einer Gruppe von Kindern, die nach einem Flugzeugabsturz auf einer einsamen Insel stranden. Dort, abseits der Zwänge der Zivilisation, verfallen sie nach und nach der Anarchie.

Auch die Waisen werden seitens des Militärs aus der Zwangsjacke der Sozialisation befreit, um damit ihr volles Potenzial an Aggression und ungezügelter Gewaltbereitschaft zu entfesseln. Dieser ständige Drill und die Indoktrination militärischer Denkweise ist ebenso aus Robert A. Heinleins kontroversem Scifi-Roman „Starship Troopers“ (1997 verfilmt von Paul Verhoeven) bekannt. Desgleichen aus dem autobiografischen Kriegsroman „Höllenfeuer“ von Gustav Hasford (Buchvorlage für das Kriegsdrama „Full Metal Jacket“ von 1987). Besonders die Konflikte zwischen dem Ausbilder und Oberbefehlshaber Colonel Nakamura - der menschlichen Verkörperung des gefühllosen, eiskalten Militärs - und den immer stärker und gewalttätiger werdenden Kindern, erinnern an diese Werke. Beispielsweise kommt es auch bei den Waisen zu einer Situationen, ähnlich der in „Höllenfeuer“, in welcher der überforderte Private den verhassten Ausbilder erschießt, der diesen zuvor noch seines Stolzes versichert, da er sich letztlich doch zu einem echten Killer entwickelt hat.

Auf dieser Ebene der Geschichte, lernt der Leser die einzelnen Charaktere besser kennen, erlebt aber auch mit, wie sie Stück für Stück zu einem Team zusammenwachsen. Da die oben beschriebenen Zutaten allerdings ein explosives Gemisch ergeben, kommt es auch hier zu blutigen Auseinandersetzungen und teils schockierenden Gewalttaten.

Der Feind ist nicht das einzige Problem

Jahre später und kaum am Alien-Heimatplaneten angelangt, beginnt auch schon die Attacke auf den verhassten Feind. Auch hier erinnert der blindwütige Ansturm auf einen gesichtslosen Feind, stark an die Vorgehensweise der mobilen Infanterie aus „Starship Troopers“. Hingegen ist das anspoilern einzelner Aspekte des Antagonisten ein Stilelement, dass schon in Ridley Scotts Scifi-Horrorklassiker „Alien“ die Kinobesucher des Jahres 1979 in ihre Sitze trieb. Drohend liegt die Präsenz des Fremden über der ersten Expedition und kaum hat man ihm frustriert und verwirrt den Rücken gekehrt, taucht der leibhaftige Schrecken genau dort auf und greift an.

Fortsetzung folgt: Die Covermotive des ersten und des kürzlich erschienenen sechsten Bandes. Foto: Cross Cult
Fortsetzung folgt: Die Covermotive des ersten und des kürzlich erschienenen sechsten Bandes.Foto: Cross Cult

Zu guter Letzt, erkennt man insbesondere am Design der individuellen Rüstungen der Waisen und den eingesetzten Gerätschaften des Militärs, dass sowohl Autor Recchioni als auch Chefzeichner Mammucari, große Fans von Ego-Shootern wie „Halo“ und „Call of Duty“ sind.

Nun sollte man meinen, dass der Krieg gegen die Aliens schnell vorbei wäre, sobald die Menschheit ihren geballten Zorn über ihnen entlädt, doch weit gefehlt. Denn während jedes Aufeinandertreffen der Erdenkrieger mit dem Feind weitere Rätsel aufgibt, deutet sich schon bald an, dass auch in den eigenen Reihen nicht ganz mit offenen Karten gespielt wurde. Als schließlich einer der Waisen im Einsatz vermisst wird, droht ihre Vergangenheit sie einzuholen.

Roberto Recchioni, Emiliano Mammucari, Massimo Carnevale u.a. : Waisen, Cross Cult, je rund 200 Seiten, je 16,80 Euro, bislang sind sechs Bände erschienen, einen Überblick gibt es auf der Website des Verlages.

 

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