Sexuelle Orientierung im Comic : Mit Humor gegen alltägliche Spitzen

Martina Schradi verarbeitet in ihren Strips Erfahrungen von Lesben, Schwulen und anderen Menschen mit sexuellen Identitäten jenseits des Mainstreams. Regelmäßig kommen neue Episoden hinzu – gefördert auch von der Bundesregierung.

Björn Bischoff
Vom echten Leben inspiriert: Ein Strip aus der Reihe. Foto: Schradi
Vom echten Leben inspiriert: Ein Strip aus der Reihe.Foto: Schradi

„Das sind so kleine Spitzen und Anekdoten, die tagtäglich passieren“, sagt Martina Schradi. „Und da haben wir uns gedacht: Das sind eigentlich so gute Geschichten. Warum das nicht mal als Comic aufzeichnen?“ Die 42-jährige Comiczeichnerin aus Nürnberg stellte im Rahmen des diesjährigen LSBTI-Herbstes (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender und Intersexuelle) in der fränkischen Metropole ihr Projekt „Ach, so ist das?!“ vor. Dies besteht aus diversen Kurzcomics über Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender, Transidente, Intersexuelle und Queers, also Menschen mit anderer sexueller Identität als die Mehrheit. Die Strips werden im Internet auf der Seite www.achsoistdas.com veröffentlicht.

Eine Geschichte daraus handelt von zwei Müttern und ihrem Sohn. Über den Gartenzaun wundert sich deren ältere Nachbarin, wessen Kind Felix nun sei. „Ach wissen Sie… Wir sagen immer, wir sind beide die Mütter. Welche von uns beiden das Kind bekommen hat, ist doch letztendlich egal“, sagen sie darauf. „Naja, Hauptsache es ist gesund“, sagt die Nachbarin dazu. Eine der kleinen Spitzen, wie sie tagtäglich passieren.

Bis zu 40 Geschichten sollen es werden

Für „Ach, so ist das?!“ hat sich Martina Schradi bewusst für den Comic als Medium entschieden. „Ich habe eine Form gesucht, die nicht so mit dem Zeigefinger ist, sondern humorvoll und niederschwellig vor allem, sodass man viele Leute damit erreichen und interessieren kann.“ Über die humorvolle Art der Geschichten sinkt die Hemmschwelle für Themen, die Leuten sonst fremd sind. „Der biografische Comic ist inzwischen ja ein etabliertes Format.“

In ihren Comics verarbeitet Schradi Geschichten, die so passiert sind. „Am Anfang habe ich viel im Freundeskreis rumgefragt, ob jemand eine interessante Geschichte zu erzählen hat. Dann haben wir eine Pressemittelung verschickt. Und von da an gab es kein Halten mehr.“ Schradi erreichten zahlreiche Zuschriften aus dem deutschsprachigen Raum, die sie in diesem Projekt mit den Erlebnissen ihrer Bekannten zu Kurzcomics verarbeitete. Ungefähr 30 bis 40 Geschichten will Schradi insgesamt umsetzen, 20 Kurzcomics hat sie bereits fertiggestellt.

„Ich habe mir dafür ein System überlegt, das ganz stark im engen Dialog mit den Teilnehmern ist“, so Schradi. In verschiedenen Phasen entsteht aus der Anekdote ein Dialog, den sie in Comicform bringt. Danach setzt sie die Bilder um. „Jeder Schritt läuft in Absprache mit den Einsendern, weil mir ganz wichtig ist, dass sie sich in ihrer Geschichte verstanden fühlen. Und dass es so erzählt wird, wie sie es möchten. Das ist eigentlich die größte Herausforderung an der Sache gewesen.“

Inspiriert von Flix, Schlogger und Alison Bechdel

Aus diesen bisher gesammelten Comics ist nun eine Ausstellung entstanden, die sie in einer Auflage von 20 Stück hat drucken lassen. Daneben gibt es die Homepage, auf der die Comics erscheinen. Die Ausstellung können Einrichtungen kaufen und zeigen – erste Anfragen aus fünf Städten gibt es bereits. Kommende Woche ist die Schau unter anderem vom 4. bis 7. November in der Universität Freiburg zu sehen. Pädagogisches Material gibt es ebenfalls dazu. „In Kombination mit der Ausstellung erhoffen wir uns, dass wir damit die meisten Leute erreichen können“, so Schradi. „Über einen Verlag würden wir uns natürlich freuen, aber so weit bin ich noch nicht“

Mit ihrem einfachen Stil trifft Schradi genau den richtigen Ton, um nicht zu moralisieren, sondern wirklich einfach zu erzählen. Mit viel Mühe und Feingefühl geht sie an die Geschichten heran. Schradi hat in wenigen Panels teilweise sehr persönliche Dinge festgehalten, die an die Substanz gehen, aber manchmal einfach nur komisch sind. „Ich wollte den Facettenreichtum und viele verschiedene Personen zeigen. Bei einem längeren Comic hätte ich mich auf einige Personen konzentrieren müssen. Die Vielfalt der Lebensweise war mir aber ein Anliegen.“

Öfter mal was Neues: Nach und nach stellt Schradi die Strips auf ihrer Website ein. Foto: Tsp
Öfter mal was Neues: Nach und nach stellt Schradi die Strips auf ihrer Website ein.Foto: Tsp

Seit Jahrzehnten ist Martina Schradi Comicfan. Im Selbstverlag veröffentlichte sie bereits ein paar kleinere Geschichten. Beeinflusst haben sie die deutschen Zeichner Flix und Schlogger sowie die Amerikanerin Alison Bechdel, Autorin der vielfach ausgezeichneten Graphic Novel „Fun Home“. „Sie hat jahrzehntelang eine Reihe über eine LGBTI-Community rausgebracht und zwei autobiografische Bücher geschrieben. Mich hat sie sehr inspiriert.“

Unterstützung bekommt Schradis Projekt „Ach, so ist das?!“ vom Programm „Toleranz fördern - Kompetenz stärken“ des Bundesministeriums für Familie. Die Stadt Nürnberg unterstützt „Ach, so ist das!?“ ebenfalls, obwohl Martina Schradi die Comics auch ohne die Förderungen gezeichnet hätte.  „Ich wollte zeigen, dass dieses Thema keine Angst machen muss, sondern dass da ganz normale Menschen dahinterstecken und dass es eine sehr vielfältige Welt ist“, so Schradi. „Es ist eine Einladung, sich überhaupt mit dem Thema auseinanderzusetzen.“

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