Stadtbilder - neue Comics aus Berlin : Tödliche Schönheit

In unserer neuen Serie stellen wir aktuelle Comics aus Berlin vor. Heute: Kolja Wilckes Variation der Loreley-Ballade.

von

Eine verführerische Melodie, ein Blick nach oben, ein lauter Knall – da liegt der Lkw-Fahrer tot auf der Straße. Die Nixe namens Loreley hat ein weiteres Opfer gefordert. Nur diesmal nicht am malerischen Rheinufer, sondern mitten in Berlin. Hierhin hat der Zeichner Kolja Wilcke Heinrich Heines Lied von der Loreley verlegt – in einem sechsseitigen Kurz-Comic, der kürzlich im Eigenverlag erschienen und in ausgesuchten Buch- und Comicläden Berlins für 3,50 Euro erhältlich ist.

„Das ist für mich ein Experiment“, sagt Wilcke zu seinem Comic-Debüt. Der Zeichner, der bereits seit zehn Jahren als professioneller Illustrator tätig ist und von der Repräsentanz „Die Illustratoren“ vertreten wird, will mit dem selbstverlegten Werk testen, wie eine sequentielle Erzählung aus seinem Atelier bei den Lesern ankommt – und dann für künftige Projekte auf Verlage zutreten. So arbeitet er derzeit an einer Comic-Fassung von Schillers „Bürgschaft“, deren Handlung sich ebenfalls in Berlin zuträgt.

Wilckes Variation der „Loreley“-Ballade, von der wir hier eine Auswahl von Szenen zeigen, ist ein makaber-schönes Meisterwerk: Helle, pastellfarbene, von Sommerstimmung durchzogene Bilder und eine geschickt auf ihren Kern verdichtete, hoch dramatische Geschichte. Der Zeichner lässt die legendäre Schönheit statt auf einem Felsen auf einem Balkon ihre Haare kämmen, ihr Gesang schwebt wie ein Zauber durch die Straßen. Statt eines Rheinschiffers hört besagter Lastwagenfahrer den Gesang – mit tödlichen Folgen.

Kolja Wilcke und Heinrich Heine: Loreley (Auswahl)
Weitere Bilder anzeigen
1 von 10
06.07.2010 18:10

„Es ist zwar nur ein kurzer Comic – trotzdem gibt es eine kleine Geschichte, in die man als Leser versinken kann“, begründet Wilcke, der bislang nur vereinzelt Storyboards oder Comics ausgeführt hat, die Auswahl seines Themas. „Ich möchte weiter am Medium Comic arbeiten, ein Gespür dafür entwickeln, weil nichts motivierender ist als ein Leser, der erst wieder aufblickt, wenn er auf der letzen Seite angekommen ist“, sagt er. „So etwas gibt eine einzelne Illustration einfach nicht her.“

Seinen Lebensunterhalt verdient der Zeichner derweil weiter mit Illustrationen, oft für Zeitungen und Zeitschriften. So hat er vor kurzem das „Finanzmonster“ für das Handelsblatt gezeichnet, welches dort während der Subprime-Krise immer wieder auftauchte (unter diesem Link zu sehen).

Wilckes Loreley-Comic ist in gedruckter Form bislang nur in Berlin zu erhalten, und zwar bei folgenden Läden: Dussmann (Friedrichstraße 90), Guggenheim Museum (Unter den Linden 13/15), Comics & Graphics (Prenzlauer Allee 46), Grober Unfug (Zossener Straße 32-33) sowie Modern Graphics (Oranienstraße 22).

In unserer Reihe „Stadtbilder - neue Comics aus Berlin“ haben wir zuvor die autobiographische Erzählung „Paffy“ von Michael Schröter vorgestellt – hier geht es zu dem Artikel.

Wer weitere Comics kennt, die in unsere Reihe passen würden, kann uns eine Mail an comics@tagesspiegel.de schicken. Einsendungen per Post an Lars von Törne, Der Tagesspiegel, Askanischer Platz 3, 10963 Berlin.

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben