Thrillersatire : Morbide Kost

Die mehrfach prämierte Thrillersatire „Chew“ vermischt Leichenschmaus mit absurdem Humor, Verantwortungsethik mit spannender Unterhaltung und tolle Charaktere mit leichtfüßigen Bildern.

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Schmeckt's? Tony Chu erfährt beim Essen mehr, als ihm lieb ist.
Schmeckt's? Tony Chu erfährt beim Essen mehr, als ihm lieb ist.Foto: Cross Cult

Man stelle sich einmal vor, dass man bei jedem Bissen über die Herkunft seines Essens aufgeklärt wird. Dazu erfährt man durch eine assoziative Empfindungs-Kette alles über die „biographischen“ Merkmale der jeweiligen Nahrung - nicht nur in Zeiten von Gen-Manipulation, Pestizid-Einsatz und industrieller Massentierhaltung der blanke Horror.

Der Held der jetzt auf Deutsch erscheinenden US-Serie „Chew“, Tony Chu, ist ein Cibopath, also ein Mensch, der genau das beim Essen empfindet. Deswegen isst der Gesetzhüter fast nie und wenn, dann nur Rote Beete. Denn mit dem Rotkraut verhält es sich wie bei Superman mit Kryptonit: Die Kräfte setzen aus. Ansonsten wird der Detektiv immer von mentalen, oft quälenden, Visionen beim Essen heimgesucht.

In Zeiten der Hühner-Prohibition, wie sie in der Erzählung besteht, vielleicht gar nicht mal so hinderlich. Durch die Vogelgrippe-Epidemie sind weltweit und in den USA Millionen von Menschen dahingerafft worden, weswegen das dennoch weiterhin begehrte Geflügel nur noch illegal auf dem Schwarzmarkt zu erwerben ist.

Der Autor schwört auf Fast Food

Nach einem mehr oder weniger erfolgreichen Einsatz wird die FDA – Abteilung für Sonderermittlungen der Lebensmittelaufsicht der USA – auf Chus Fähigkeiten aufmerksam und stellt diesen prompt als Agent ein. Doch damit beginnen nur schauderhafte Fälle, die es zu lösen gilt.

Mahlzeit! Eine Szene aus dem ersten Sammelband.
Mahlzeit! Eine Szene aus dem ersten Sammelband.Foto: Cross Cult

„Chew“-Autor John Layman hat seine Comic-Karriere zunächst als Redakteur in Jim Lees Wildstorm-Label begonnen, wo er sich für erfolgreiche Serien wie „Planetary“, „Authority“ oder „Astro City“ verantwortlich zeigte. Nach der Jahrtausendwende, als das Independent-Label von DC geschluckt wurde, begann Layman seine Karriere als freier Autor. Nach Auftragsarbeiten für Marvel und anderen Verlagen konnte er mit eigenständigen Arbeiten wie der Fantasy-Blaxploitation „Big City Jive“ oder der surrealen Komödie „Puffed!“ erste Duftmarken setzen. Mit „Chew“ gelang ihm schließlich 2009 der endgültige Durchbruch.

In seiner Thriller-Satire, die mit dem Eisner und Harvey Award ausgezeichnet wurde, vermischt der Autor auf unterhaltsame Weise kritische Inhalte mit absurdem Humor. Von Verlagshäusern wie Vertigo abgelehnt, besticht die jetzt bei Image Comics erscheinende Serie mit sympathischen Charakteren und einer spannenden Erzählweise, die Layman durch Zeitsprünge, Vorwegnahmen und Rückblenden erzielt.

Der Zeichner und Kolorist Rob Guillory liefert die passenden Illustrationen zur absurden Story. Sein karikierender und leichtfüßiger Strich erzeugt humorvolle Bilder im Semi-Funny-Stil. Die Figuren sind witzig - vor allem der FDA-Agent Mason Savoy erscheint beispielsweise als völlig hünenhafter Schrank-Typ, der schon einmal mit seinen überdimensionalen Pranken Chu zur Hilfe eilt.

Dem Gespann Layman/Guillory ist ein amüsanter, genreübergreifender Überraschungserfolg gelungen, auch wenn das der Autor im dem ersten Sammelband angehängten Interview von Marc-Oliver Frisch immer wieder herunterspielt. Auch die zahlreichen Denkanstöße der Comicserie relativiert Layman immer wieder und betont im Gegenzug die unterhaltenden Aspekte. Er ist übrigens selbst kein Vegetarier oder gar Veganer, sondern fühlt sich widersprüchlicherweise mit Fast Food wohl.

John Layman (Text) und Rob Guillory (Zeichnungen): Chew 1 – Leichenschmaus, Cross Cult, Seiten, 16,80 Euro. Mehr unter diesem Link.

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