Tiny Masters Mini Comic Abo : Experimentelles für die Hosentasche

Tiny Masters: Die Leipziger Zeichner Anna Haifisch und James Turek bieten kleinformatige Independent-Comics von sich und anderen Künstlern im Abonnement an.

Ute Friederich
Gedankenfutter: einige der bislang angebotenen Hefte.
Gedankenfutter: einige der bislang angebotenen Hefte.Foto: Tiny Masters

Die Graphic Novel boomt. Hochwertig eingebundene Comicbücher haben schon seit einiger Zeit Feuilletons, Buchhandlungen und Regale in Deutschland erobert. Dabei lässt sich bei den Neuerscheinungen ein Trend beobachten: Die Graphic Novels werden immer dicker. Ein Umfang von mehreren Hundert Seiten ist schon längst nicht mehr die Ausnahme. Kurzgeschichten in Comicform sind dagegen eher selten in den Programmen der deutschen Comicverlage anzutreffen. Wer kürzere Comics und Experimente publizieren möchte, der ist als Zeichner oft darauf angewiesen, sich selbst Alternativen zu schaffen. So wie Anna Haifisch und James Turek.

Die Idee stammt aus den USA

Die beiden Leipziger Comickünstler möchten mit ihrem Mini-Comic-Verlag dazu beitragen, diese Lücke zu schließen. „Tiny Masters ist ein Versuch, Comickurzgeschichten und Experimente populärer zu machen, weil es so viele tolle Sachen gibt, die gesehen und gelesen werden müssen“, erklären die beiden. Inspiriert von ähnlichen Modellen aus den USA bietet Tiny Masters ein Abo. Für 20 Euro bekommt man vier Mal pro Jahr drei kleine Comic-Hefte von unterschiedlichen Zeichnern und Zeichnerinnen nach Hause geschickt. Als Geschenk gibt es noch zwei Poster obendrauf. Auf der Homepage des Verlags sind die Hefte aber auch einzeln zu erwerben.

Die Initiatoren: Anna Haifisch und James Turek, wie sie sich selbst sehen.
Die Initiatoren: Anna Haifisch und James Turek, wie sie sich selbst sehen.Foto: Tiny Masters

Jeder der Minicomics hat die Größe einer Postkarte und einen Umfang von 16 Seiten. Ein optimales „Format für die Hosentasche“, wie es James Turek formuliert. In der Tat kann man die Hefte wunderbar mitnehmen. Vor allem natürlich, weil auf 16 Seiten eher kürzere Geschichten erzählt werden, die man gut zwischendurch, z.B. in der Bahn oder im Wartezimmer, lesen kann. Damit soll aber keineswegs gesagt sein, dass die Minicomics leichte Lesekost wären, die man mal eben zwischendurch konsumiert. Im Gegenteil: Oft stehen am Ende der Lektüre Fragezeichen, die einen dazu veranlassen, das Heft für die nächste Bahnfahrt erneut in die Tasche zu stecken.

Geschichten ohne Verlags-Vorgaben

Das hängt auch mit dem begrenzten Platz zusammen, der den Zeichnern für ihre Geschichte zur Verfügung steht. Denn wenn man sich auf nur 16 Seiten beschränken muss, dann erzählt man unter Umständen anders als wenn man an einer Graphic Novel arbeitet und es am Ende egal ist, ob diese 100 oder 150 Seiten hat. So sind die Panelfolgen zum Beispiel in einigen Heften durchaus sehr lose gestaltet. Die einzelnen Bilder verbinden nicht Momente sondern Szenen oder gar Aspekte der Geschichte miteinander. Die Lücke zwischen den Panels, die der Leser gedanklich füllen muss, ist also tendenziell größer.

Das ist zum Beispiel in Sascha Hommers „Wir haben nichts zu verbergen“, in dem eine zukünftige Gesellschaft, die von Überwachung und Unterdrückung geprägt ist, gezeigt wird. Auf die Spitze getrieben wird es jedoch in G.W. Duncansons „Weltanschauung“. Der amerikanische Zeichner arbeitet in seinem Heft ausschließlich mit ganzseitigen Panels. In der ersten Hälfte des Comics zeigt er einen Mord in einem scheinbar verlassenen Haus. In der zweiten Hälfte sieht man dann zunächst die Innen-, später die Außenansicht eines Raumschiffs. Ob und wie die in den einzelnen Panels gezeigten Szenen und der Titel „Weltanschauung“ sich zusammendenken lassen, das liegt ganz beim Leser. Duncanson eröffnet mit seinem Comic lediglich das Feld.

Bauchladen: So werden die Hefte auf der Website des Projekts präsentiert.
Bauchladen: So werden die Hefte auf der Website des Projekts präsentiert.Foto: Tiny Masters

Das aus praktischen Erwägungen heraus gewählte Format – die kleinen Hefte lassen sich problemlos als Brief versenden – ist also für die Zeichner weniger eine Einschränkung als vielmehr eine Ermunterung zum Experimentieren. „16 Seiten sind vom Umfang für Comiczeichner nicht zu Angst einflößend. Man kann eine ganze Geschichte erzählen oder sie in einem weiteren Minicomic fortsetzen“, erläutern die Gründer von Tiny Masters das gewählte Format. Die Hefte sind also vor allem auch eine Plattform für die Zeichner, um frei von sonstigen Vorgaben Comickurzgeschichten zu publizieren.

Anna Haifisch und James Turek haben bereits vor der Gründung von Tiny Masters Comics in Eigenregie produziert – in ihrem Atelier mit Drucker und Tacker. Genau so entstehen auch die Hefte für das Abo. Und auch den Vertrieb übernehmen die beiden komplett selbst. „Da müssen wir so ziemlich bei Null anfangen“, geben die beiden zu – ein Nachteil, wenn man nicht mit einem etablierten Verlag zusammen arbeitet, der jedoch durch die große Freiheit in der Gestaltung der Hefte wieder aufgewogen wird.

Natürlich ist Tiny Masters nicht der erste Versuch, in der deutschsprachigen Comiclandschaft Publikationsmöglichkeiten für kürzere Comics und Experimentelles zu schaffen. Zu denken wäre zum Beispiel an das SPRING-Magazin, das seit nunmehr elf Jahren ein Forum für Werke auf der Grenze zwischen Comic und Illustration bietet. Ein Abosystem gab es jedoch bisher in Deutschland nicht. Im Gegensatz zu einer Anthologie haben die vielen einzelnen Hefte für die Macher von Tiny Masters jedoch den Vorteil, dass jeder Zeichner mit seiner Geschichte für sich steht. Und die Idee, regelmäßig Comics im Briefkasten vorzufinden ist in der Tat mehr als verlockend.

Mehr über die Tiny Masters Comics findet sich auf der Website tinymasters.eu

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