„Tyler Cross“ von Fabien Nury und Brüno : Erst schießen, dann fragen

Gangster-Noir vom Feinsten: „Tyler Cross“ von Fabien Nury und Brüno überzeugt mit trockener, erfreulich klassischer Krimi-Kost.

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Schuss, Gegenschuss: Eine Szene aus dem besprochenen Album.
Schuss, Gegenschuss: Eine Szene aus dem besprochenen Album.Foto: Carlsen

Hierzulande kennt man den 1976 geborenen Franzosen Fabien Nury in erster Linie für seine unterschiedlich aufgebauten Kriegs-Comics „Es war einmal in Frankreich“ und „Ich bin Legion“ – und für den historischen Comic „Atar Gull“, in dem Szenarist Nury und Zeichner Brüno vom Schicksal eines Sklaven im frühen 19. Jahrhundert erzählen. Bei Carlsen ist unter dem Titel „Black Rock“ nun kürzlich das erste Album der Krimi-Serie „Tyler Cross“ von Nury und Brüno erschienen, die im heißen, staubigen Texas der 50er-Jahre einsetzt.  

Cross ist ein knallharter Gangster und eiskalter Killer, der sich mit jedem anlegt und auf jeden schießt, der ihm in die Quere kommt. Als ein Überfall auf eine Heroin-Lieferung aus Mexiko schief geht, strandet er im texanischen Wüstenkaff Black Rock. Die Kleinstadt im dürren Nirgendwo wird von Mr. Pragg und seinen drei Söhnen beherrscht. Letztere gehorchen ihrem alten Herrn aufs Wort und bekleiden das Amt des Bürgermeisters, des Bankiers und des Sheriffs von Black Rock – und verbiegen die Gesetze und Regeln nach ihren Bedürfnissen und dem Willen des tyrannischen, brutalen Familienoberhaupts.

Auf diese Weise herrschen die Praggs unangefochten über die texanischen Hinterwäldler, und wenn zum Beispiel eine künftige Braut nicht spurt, bekommt sie eine saftige Abreibung. So läuft das eben in Black Rock, und alle wissen es und ziehen die Köpfte ein. Mit einem Killer wie Tyler Cross, den es in das Paradies der Praggs und die Hölle aller anderen verschlägt, hat der Clan jedoch nicht gerechnet. Oder mit einer Frau, die nicht zu brechen ist und zurückschlägt, wenn die Zeit gekommen ist ...

Noir-Krimi und Neo-Western

Die Story des ersten Albums ist straighte, richtig starke Noir-Kost, die textlich aufs Wesentliche konzentriert ist. Handlung und ‚Held’ kommen genauso trocken rüber, wie das sein muss. Nury weiß, wie man eine Story in diesem letztlich mindestens so französischen wie amerikanischen Genre erzählen muss. Darüber hinaus ist er sich der Verbindung zum Western mehr als nur bewusst, weshalb „Tyler Cross Bd. 1: Black Rock“ am Ende gleichermaßen Noir-Krimi und Neo-Western ist und das beste aus beiden Welten vereint. Eine Szene aus der Sicht einer Schlange zu schildern und mit den Begriffen und Gedanken des Reptils zu unterlegen, ist außerdem ein wirklich schräger, nichtsdestotrotz cooler Einfall, der wohl nirgends so gut zu realisieren ist wie im Comic.

Fortsetzung folgt: Das Cover des besprochenen Albums.
Fortsetzung folgt: Das Cover des besprochenen Albums.Foto: Carlsen

Zeichnerisch setzt Brüno, der 1975 als Bruno Thielleux und ferner als Sohn eines französischen Soldaten in Deutschland geboren wurde, auf extrem stilisierte Panels, deren Wirkung durch die flache Kolorierung von Laurence Croix zusätzlich verstärkt wird. Was auf den ersten Blick manchmal etwas hölzern wirkt und beim oberflächlichen Durchblättern nicht unbedingt begeistert, entpuppt sich beim Lesen dann aber als große Storytelling-Kunst und passt bestens zum Metier und der Geschichte. Tatsächlich ist die durch Worte, Bilder und Farben erzeugte Stimmung Seite für Seite tadellos und ein echter Genuss.

Der erste Band von „Tyler Cross“ darf als Gangster-Noir vom Feinsten bezeichnet werden – und ist eine abgeschlossene Geschichte, was diesen modernen französischen Krimi-Comic als Auftakt der Serie umso sympathischer macht. Im November erscheint mit „Angola“ das zweite Album, und auf das dürfen sich Genre-Fans und Noir-Liebhaber nach diesem überzeugenden Einstand allemal freuen.

Fabien Nury, Brüno: Tyler Cross Bd. 1: Black Rock. Carlsen, Softcover, 96 Seiten, 14,99 Euro

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