Umwelt-Comic : Weltrettung in Schwarzweiß

Die Umweltberater der Bundesregierung haben aus 420 Seiten Bericht eine lesenswerte Bildergeschichte gemacht. Wissenschaftsredakteur Ralf Nestler nimmt sie genauer unter die Lupe.

von
Dürre und Überschwemmung: Das Buch arbeitet mit mahnenden Gegenüberstellungen.
Dürre und Überschwemmung: Das Buch arbeitet mit mahnenden Gegenüberstellungen.Foto: Jacoby & Stuart

Es steckt viel Arbeit drin, viele – durchaus auch streitbare – Thesen. Wer sie finden will, muss sich durch 420 Seiten arbeiten. So dick ist das letzte große Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen (WBGU). Die Zahl der Leser, selbst innerhalb der Regierung, dürfte nicht allzu groß sein. Das soll sich ändern: Wenigstens die Quintessenz soll nun einem größeren Publikum nahegebracht werden, in Gestalt eines Comicbuches. Vor kurzem wurde das Werk mit dem Titel „Die große Transformation“ in Berlin vorgestellt.

Die Mitglieder des WBGU, durchweg anerkannte Wissenschaftler aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, begegnen dem Leser als schlicht gezeichnete Charaktere. Jeder hat ein eigenes Kapitel bekommen, in dem er wichtige Orte aufsucht, um sein Thema zu erläutern: Der Geowissenschaftler Reinhold Leinfelder zum Beispiel tuckert im Schlauchboot zu einem Korallenriff. „Wenn die Veränderungen in der Umwelt zu groß werden, können Ökosysteme zusammenbrechen“, sagt er und taucht im nächsten Bild im Neoprenanzug durch einen Korallenwald. Diese einzigartigen Unterwasserlandschaften sind besonders vom Klimawandel bedroht. Die Erläuterungen, die Leinfelder durch die Tauchermaske gibt, sind schon anspruchsvoll. Es sei, wie er jetzt erzählt, auch nicht einfach gewesen, den langen Bericht in wenige Sprechblasen hineinzubringen.

Der Energieforscher Jürgen Schmid hingegen besucht einen Offshore-Windpark und erzählt, wie das Energiesystem verbessert werden kann und welche Wandel dabei vor allem in Sachen Mobilität erforderlich ist. Am Ende des Kapitels, wenn Schmids Schiff wieder in Bremerhaven festmacht, laufen ein paar Demonstranten durchs Bild, die gegen den geplanten Hafenausbau wegen der Offshore-Anlagen protestieren. Das Buch hätte mehr von solchen Szenen haben können. So entsteht der Eindruck, als sei die vom WBGU geforderte „große Transformation“, die unsere Gesellschaft grundlegend ändert, bereits ausgemachte Sache. Was natürlich nicht stimmt. Sobald es die Menschen direkt betrifft, etwa in Form höherer Strompreise, schwindet der Rückhalt.

Gut gemeint: Das Buchcover.
Gut gemeint: Das Buchcover.Foto: Promo

Umgekehrt kann das Buch aber gerade die Hintergründe liefern, die für die Diskussion wichtig sind. Um eine seriöse Ausstrahlung zu vermitteln, wurden die Bilder absichtlich in Schwarzweiß gehalten, sagt der WBGU-Forscher Leinfelder, der maßgeblich am Entstehen des Comics beteiligt war. „Man sieht das auch an der Sprache, auf WUMM!! Und PENG!!! haben wir verzichtet.“ Es sei gar nicht so schwer gewesen, die übrigen Wissenschaftler von dem Vorhaben zu überzeugen. Von den gezeichneten Bildern seien sie begeistert gewesen, nur bei den Darstellungen der Personen gab es anfangs Schwierigkeiten, sagt er. „Jeder hat gesagt: Also die anderen sind wirklich gut getroffen, aber bei mir ist das nicht so gelungen.“ Mittlerweile hätten sich alle daran gewöhnt und fühlten sich wie Comic-Helden, sagt Leinfelder.

Ob ihre Botschaft wirklich ankommt und wie die Leser diese moderne Form der Wissensvermittlung finden, das wollen die Wissenschaftler nun in einem zusätzlichen Forschungsprojekt herausfinden. Weitere Informationen dazu sowie eine Umfrage unter www.die-grosse-transformation.de.

Alexandra Hamann, Claudia Zea-Schmidt, Reinhold Leinfelder (Hrsg.): „Die große Transformation“, künstlerische Umsetzung und Zeichnungen von Jörg Hartmann, Jörg Hülsmann, Iris Ugurel, Robert Nippoldt, Christine Goppel und Astrid Nippoldt, Verlag Jacoby & Stuart, 140 Seiten, 14,95 Euro.

Ralf Nestler ist Wissenschaftsredakteur des Tagesspiegels. Mehr Artikel von ihm unter diesem Link.

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben