Weltkriegs-Comic : Über Kreuz mit der Geschichte

Was, wenn Hitler früher gestorben wäre? Das ist der Ausgangspunkt der neuen Comicreihe „WW 2.2“. Deren Umgang mit der NS-Vergangenheit und ihren Symbolen ist wie oft im Comic eine Gratwanderung.

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Auf Rosen gebettet: Eine Seite aus "WW 2.2".
Auf Rosen gebettet: Eine Seite aus "WW 2.2".Foto: Promo

Mit der Reihe „WW 2.2“, die den Zweiten Weltkrieg als Ausgangspunkt für spekulative Abenteuer inmitten eines veränderten Ablaufs der Zeitgeschichte wählt, präsentiert sich der spanische Verlag Diábolo Ediciones auf dem deutschen Comicmarkt. Er nutzt dazu eine Alternativwelt-Serie des französischen Verlegers Dargaud. Der erste Hardcover-Band, betitelt „Die Schlacht um Paris“, kommt am 16. April in den Handel und wird vom Verlag als Auftakt für die „wahrscheinlich beste Serie des Jahres“ beworben. Weiterhin stellt man „Spektakuläres“ in Aussicht, und zwar „von einigen der besten Autoren des Bande Dessinée“.

In dem vorliegenden Fall sind dies Szenarist David Chauvel, die beiden Zeichner Hervé Boivin und Éric Henninnot sowie der Kolorist Delf. Die Geschichte selbst, von der Fortführung des Krieges unter Kanzler Hermann Göring nach der Ermordung Adolf Hitlers durch Georg Elser handelnd, bleibt überraschungsarm. Zu viel Text vor eher illustrativem Hintergrund ohne jegliche Interaktion, weder die Panelarrangements noch die Seitenstrukturen werden überzeugend genutzt. Überdies leiden die blass bleibenden Figuren innerhalb der französischen Truppen, die in einem nach Plan der Alliierten evakuierten Paris dem deutschen Feind auflauern sollen, unter einem verminderten Wiedererkennungswert – die einzelnen Protagonisten sind in ihrer mittelprächtig gezeichneten Qualität schlicht nicht gut wiederzuerkennen, eine obendrein nachlässige Charakterisierung von Seiten der Autoren trägt leider genauso dazu bei.

Spektakulär wird es aber zumindest auf Seite 9, einer opulenten Splash Page, die den toten Adolf Hitler zeigt. Aufgebahrt inmitten eines Meeres aus roten Rosen, bilden einige weiße und dunkelrot gefärbte Blüten ein schwarzes Hakenkreuz auf weißem Grund. In diesem zentralen Punkt des Bildes ruht der Kopf Hitlers. Durch den auf dem Album prangenden Aufkleber „Was, wenn Hitler 1939 tot gewesen wäre?“ schon vorbereitet, überrascht einen eher die unretuschierte Abbildung und Größe des in Deutschland nur unter gewissen Vorgaben erlaubten Symbols an einer derartig exponierten Stelle.

Kriegsfantasien: Die Cover der ersten beiden Bände von "WW 2.2.".
Kriegsfantasien: Die Cover der ersten beiden Bände von "WW 2.2.".Foto: Promo

Das macht nicht jeder Verlag – insbesondere nicht jene, welche das Segment „leichte Unterhaltung“ bespielen. Panini und Cross Cult retuschieren seit Jahren in ihren Ausgaben Hakenkreuze entweder zu Viereckkästchen um, was die Nazischurken dann ein wenig wie Angestellte von Microsoft wirken lässt, oder entfernen sie insgesamt aus den weißen Kreisen.

Unretuschierte Hakenkreuze findet man dagegen in Comics von vermeintlich anspruchsvoller Natur wie Art Spiegelmans „Maus“ (D, 1989/1992), Jasons „Ich habe Adolf Hitler getötet“ (D, 2012) oder in den „Spirou und Fantasio“-Spezialausgaben „Porträt eines Helden als junger Tor“ (D, 2009) von Émile Bravo und „Operation Fledermaus“ (D, 2010) von Yann und Olivier Schwartz. Wobei der Carlsen-Verlag bei Letzterem zumindest das Originalcover, das ebenfalls ein Hakenkreuz zierte, durch eines ohne derartig problematische Emblematik ersetzte. Nicht anders verfuhr Reprodukt bei Jasons „Ich habe Adolf Hitler getötet“.

Aber weshalb ist das in Deutschland so? Ein Blick in das Strafgesetzbuch hilft weiter, denn unter § 86 a über das „Verbreiten von Propagandamitteln verfassungswidriger Organisationen“ findet sich folgende Ausdifferenzierung, die auch die Darstellung von Hakenkreuzen einschließt: „Absatz 1 gilt nicht, wenn das Propagandamittel oder die Handlung der staatsbürgerlichen Aufklärung, der Abwehr verfassungswidriger Bestrebungen, der Kunst oder der Wissenschaft, der Forschung oder der Lehre, der Berichterstattung über Vorgänge des Zeitgeschehens oder der Geschichte oder ähnlichen Zwecken dient.“

Entschärft: Das deutsche und das Originalcover von Jasons Zeitreise-Geschichte.
Entschärft: Das deutsche und das Originalcover von Jasons Zeitreise-Geschichte.Foto: Promo

Mustergültig durchdekliniert wurde diese Grauzone zwischen Kunst, zeitgeschichtlicher Berichterstattung und ähnlichen Zwecken, beispielsweise Satire, an dem ebenfalls in einer alternativen Realität spielenden Science Fiction-Roman „Der stählerne Traum“ (D, 1981) von Norman Spinrad. In diesem entlarvte Spinrad mit den Mitteln der Trivialliteratur den faschistoiden Gehalt vieler Fantasy-Werke anhand eines scheinbar von Adolf Hitler verfassten Fantasy-Romans. Nach der 1981 beantragten Indizierung, die vergeblichen Gutachten von Seiten des Heyne Verlags zum Trotz 1982 durchgeführt wurde, erfolgte eine Aufhebung erst 1985. Zitat aus der Begründung: „Eindeutig satirische Züge eines Romans mögen auf Kunst hindeuten, ihr Fehlen lässt aber noch nicht auf mangelnde Kunstqualität schließen.“

Solcherlei Verfahren sind langwierig und kostspielig, sodass die meisten Verlage, die sich in mit dem Ruch des Trivialen behafteten, „kunstfernen“ Gefilden tummeln, durch vorauseilenden Gehorsam derartigen verkaufsvermindernden Umständlichkeiten verständlicherweise aus dem Weg gehen.

Wie absurd dieses Vorgehen mitunter allerdings für den Inhalt sein kann, zeigt sich in der Anthologie „Captain America: Rot, Weiß und Blau“ (2003): In einem zweiseitigen Strip von Peter Kuper verwandelt sich der auf Schild und Brust befindliche Stern eines im Kampf mit dem Nazi-Superschurken Red Skull verstrickten und dabei zunehmend irritierten Captain America in ein Hakenkreuz. Währenddessen wird das ‚A‘ für ‚America‘ auf der Kopfhaube des patriotischen Streiters zu einem ‚N‘ für ‚Nazi‘, unter der daraufhin schleunigst entfernten Haube verbirgt sich statt Captain America Hitler selbst, welcher so dann zu innigen Liebkosungen mit dem Nazi-Superschurken Red Skull übergeht. Der amerikanischste aller Helden des Marvel-Universums erwacht verstört und erklärt den verwirrenden Albtraum durch Käsetoastverzehr.

Unretuschiert: Das deutsche Cover von Art Spiegelmans "Maus".
Unretuschiert: Das deutsche Cover von Art Spiegelmans "Maus".Foto: Promo

Diese clevere Reflektion über die psychologischen und politischen Komponenten von mit der Vermittlung und Identitätsbildung durch Nationalität behafteten historischen und/oder fiktiven Figuren mittels der bei Panini üblichen Retusche zu sinnentstellen, ist natürlich kontraproduktiv. Aufgrund der nationalsozialistischen Vergangenheit in Deutschland ist der vorherrschenden Praxis im Umgang mit dieser rechtlichen Grauzone jedoch nicht nur mit Unverständnis zu begegnen.

„WW 2.2“ wird vermutlich nicht solchen Scherereien ausgesetzt sein, denn es ist, wenn auch kein großer künstlerischer Wurf, der Verherrlichung des Nationalsozialismus auf Grund seines Inhaltes gänzlich unverdächtig. Aber genau wissen kann man das natürlich nie. Selbst ein Werbeplakat mit Hakenkreuz für Art Spiegelmans „Maus“ wurde 1990 in Erlangen beschlagnahmt, Grundlage dafür war der bereits erwähnte § 86 a.

Dass es Comics in Deutschland besonders schwer haben, liegt an der ihnen hier in der Vergangenheit oftmals unterstellten Trivialität respektive Kunstunfähigkeit. Eine Folge der Geschichte, an der nicht nur Adolf Hitler einen Anteil hat. Im Roman „Der eiserne Traum“ ist Hitler zu Beginn seiner Illustratorenkarriere ebenfalls kurzzeitig als Comiczeichner tätig, sattelt dann aber lieber ganz auf Illustrator um. Mit großem Erfolg übrigens.