Will Eisners „Ich bin Fagin“ : Fagin, der Jude

Mit „Ich bin Fagin“ erscheint ein Spätwerk des Comic-Pioniers Will Eisner erstmals auf Deutsch. Eisner wollte den Schurken aus „Oliver Twist“ rehabilitieren, bei Charles Dickens kaum mehr als eine antisemitische Karikatur. Leider vereitelt die Übersetzung dieses Anliegen bereits im Titel.

Marc-Oliver Frisch
Der Autor trifft seine Figur: Eine Szene aus dem besprochenen Buch.
Der Autor trifft seine Figur: Eine Szene aus dem besprochenen Buch.Foto: Egmont

Im Gesamtwerk des amerikanischen Comic-Pioniers William Erwin Eisner (1917-2005) spielt „Fagin the Jew“, das nun unter dem Titel „Ich bin Fagin“ erstmals auf Deutsch erschienen ist, eine eher nachrangige Rolle.

In den 1940er Jahren setzte Eisner mit seinem Comicstrip „The Spirit“ erzählerische Maßstäbe. Mit dem Geschichtenzyklus „Ein Vertrag mit Gott“ prägte er 1978 den Begriff der „Graphic Novel“, Mitte der 1980er publizierte er eines der einflussreichsten Standardwerke über Comics. Eisners letzter Comic in Buchlänge, der 2005 postum erschienene Band „Das Komplott“, befasst sich mit den sogenannten „Protokollen der Weisen von Zion“, dem gefälschten Dokument einer angeblichen jüdischen Weltverschwörung.

Die Auseinandersetzung mit dem Judenhass schien Eisner, selbst jüdischer Herkunft, mit zunehmendem Alter ein immer dringlicheres Anliegen zu werden. Diesem entsprang 2003 auch „Fagin the Jew“, das den gleichnamigen Schurken aus Charles Dickens’ „Oliver Twist“ rehabilitieren soll—als Mensch, aber vor allem auch: als Juden. 

Ansammlung antisemitischer Klischees

Denn in Dickens’ Roman, der seit seinem Erscheinen in den 1830er Jahren bis heute gelesen, als Jugendbuch geschätzt, übersetzt und immer wieder verfilmt wird, ist die Figur des Bösewichts Fagin selbst nach damaligen Maßstäben kaum mehr als eine Ansammlung antisemitischer Klischees. Dickens’ Fagin haust im Dreck, erzieht Waisenkinder zu Dieben und Betrügern und ist mit Zuhältern und Mördern im Bund.

Neben seiner Herkunft hatte Eisner einen weiteren persönlichen Grund, an Fagin Anstoß zu nehmen. In „The Spirit“ hatte er einst als Sidekick des Helden die Figur Ebony White geschaffen: einen tollpatschigen jungen Afroamerikaner mit schwülstigen roten Lippen, dessen verballhorntes Englisch die Sprache der Schwarzen widerspiegeln sollte.

Ebony White war ein ähnlich böses Klischee wie Fagin, welches Eisner später nach und nach abschwächte, ehe er die Figur ganz ausmusterte. Es sei ihm im Krieg bewusst geworden, so Eisner in seiner Einleitung zu „Fagin the Jew“, welche Folgen derartige Darstellungen haben können, und dies habe ihn schließlich auch auf Fagin aufmerksam gemacht.

 Die perfekte German Graphic Novel

 Dass „Fagin the Jew“ nun auf Deutsch erscheint, ist in mehrerlei Hinsicht symptomatisch für den hiesigen Comicbetrieb. Denn eine „Graphic Novel“ muss nach deutschem Verständnis strengen Maßstäben genügen, um bei ihrem Zielpublikum—dem Feuilleton—Gefallen zu finden. Im Idealfall braucht sie dazu zunächst eine anerkannte literarische Vorlage oder ein pädagogisch gehaltvolles Thema. „Ich bin Fagin“ bringt gleich beides mit.

Ist diese Voraussetzung erfüllt, kommt es auf die Vermittlung des Stoffes an: Eine German Graphic Novel soll weder Pop noch Avantgarde sein, sondern seriös. Auch hier brilliert „Fagin“. Der Altmeister Eisner wäre an Seriosität wohl nur zu überbieten gewesen, wenn Charles Dickens aus seinem Grabe zu Westminster empor gestiegen wäre, um ihm den Text persönlich zu diktieren. Und immerhin war es ja Eisner, der die Idee des „graphischen Romans“ überhaupt erst wirksam in Umlauf gebracht hat; er ist damit so etwas wie der geistige Vater der aktuellen deutschen Comic-Marktstrategen.

Subtile Comic-Streitschrift: Eine weitere Szene aus dem besprochenen Buch.
Subtile Comic-Streitschrift: Eine weitere Szene aus dem besprochenen Buch.Foto: Egmont

Erzählerisch legt Eisner, der Jahrzehnte lang Lehrcomics für die US-Streitkräfte zeichnete, in „Fagin the Jew“ mehr Wert auf Didaktik als auf überraschende Wendungen. Schwindelt oder hadert eine Figur etwa, wird dies mit „Ähs“ und „Ähms“ signalisiert, um den Leser nicht zu verunsichern. Wäre es kein Comic, hätte das Buch—rein dramaturgisch—auch gut im Jahr 1838 erschienen sein können, so seriös ist es. Mit anderen Worten: „Ich bin Fagin“ reiht sich im Regal perfekt ein neben ähnlich seriösen graphischen Romanen erfolgreicher deutscher Künstler wie Reinhard Kleist, Isabel Kreitz oder Simon Schwartz.

 Bühnenhaftigkeit und Theatralik

 Das ist ein nicht zu unterschätzender Faktor, denn gerade die Riesen der Branche können es sich nicht leisten, mit ihrem Programm unnötige Risiken einzugehen—etwa, indem sie bedeutende englischsprachige Stimmen der Gegenwart wie Sammy Harkham, Michael DeForge, Julia Gfrörer, Brandon Graham, Sophie Goldstein, Sam Alden, Cole Closser, Josh Simmons, Benjamin Marra oder Katie Skelly verlegen würden. Bei kleineren Verlagen mag ab und zu eine Übersetzung eigenwilliger Autoren wie Kate Beaton (Zwerchfell), Jesse Jacobs (Rotopolpress) oder Simon Hanselmann (Avant) möglich sein. Größere Häuser hingegen müssen, wie das Beispiel Carlsen zeigt, aufgrund ihrer prekären Situation oft mit Crowdfunding-Aktionen für ihre erfolgreichsten deutschen Künstler vorliebnehmen. Oder, im Fall von Egmont, eben mit Büchern wie „Ich bin Fagin“.

Jene Umstände sind bedauerlich, denn seiner altbackenen Dramaturgie und augenscheinlichen Graphicnovelhaftigkeit zum Trotz, hat „Fagin the Jew“ einen zweiten Blick verdient. Eisner lässt in seinem Spätwerk eine handwerkliche Fertigkeit und Reife erkennen, die nur die wenigsten Comic-Autoren erreichen. Es gelingt ihm, eine Art jüdischen Gesellschaftsroman im London des 19. Jahrhunderts anzureißen. Zwar bleibt die Erzählung skizzenhaft, doch die einzelnen Bilder, Szenen und Dialoge, die Eisner entwirft, verfügen über große Ausdrucksstärke.

Überhaupt zeichnet „Fagin“ eine stilistische Bühnenhaftigkeit und Theatralik aus, die man im modernen Comic selten findet. Die Figuren scheinen weniger auf Authentizität angelegt als darauf, eine Rolle zu spielen, sich immer auch mit einem Auge ans Auditorium zu richten. Das Buch will etwas von seinem Publikum.

 „Abstoßendes Schurkengesicht“

 Was es will, lässt sich anhand von Fagins Darstellung in Dickens’ Roman erahnen. Er wird dort eingeführt als „sehr alter, runzliger Jude, dessen abstoßendes Schurkengesicht hinter einem Gewirr verfilzter roter Haare verschwand.“

 An einer weiteren Stelle heißt es: „Der Matsch lag dick auf dem Pflaster, und ein schwarzer Dunst hing über der Straße. Der Regen fiel träge herab, und alles fühlte sich kalt und klamm an. Es schien gerade die rechte Nacht, in der es sich für ein Geschöpf wie den Juden geziemte auszugehen. Wie er so verstohlen dahinglitt, im Schutze der Mauern und Hauseingänge, glich der grässliche alte Mann einem abscheulichen Reptil, hervorgegangen aus dem Schlamm und dem Dunkel, durch die er sich bewegte, das in der Nacht vorankriecht, auf der Suche nach einem üppigen Mahl von Innereien.“ (Zitiert aus dem in „Fagin“ enthaltenen Nachwort des kanadischen Kritikers und Kulturwissenschaftlers Jeet Heer, übersetzt von Axel Monte.)

Hunderte Male wird Fagin in „Oliver Twist“ einfach nur als „der Jude“ bezeichnet, als genügte das, all die Eigenschaften und Taten zu erklären, die Dickens ihm auf den Leib schreibt. Die von 1837 bis 1839 monatlich im Magazin „Bentley’s Miscellany“ erschienenen Kapitel des Romans waren mit Zeichnungen des Karikaturisten George Cruikshank illustriert, welche die antisemitischen Beschreibungen Dickens’ oft noch verstärkten. Neben Shylock, dem skrupellosen Geldhai aus Shakespeares „Kaufmann von Venedig“, wurde Fagin so zum berüchtigtsten Klischeejuden der englischen Literatur.

Eingedeutscht: Das Cover des besprochenen Bandes.
Eingedeutscht: Das Cover des besprochenen Bandes.Foto: Egmont

Dieser wüsten antisemitischen Karikatur also tritt Eisner in „Fagin the Jew“ entgegen. Hier erhält Fagin von Eisner—anders als in „Oliver Twist“—eine Lebensgeschichte, die seinen Werdegang als Krimineller nachvollzieht und ihn als tragisches Spiegelbild des jungen Oliver Twist positioniert. Außerdem fällt auf, dass Fagin bei Eisner—im Gegensatz zu den düsteren, hakennasigen Darstellungen Cruikshanks—„gutmütig und großväterlich, beinahe wie der Weihnachtsmann aussieht“, wie Jeet Heer in seinem Nachwort schreibt. Bei Eisner ist Fagin weit weniger bedrohlich als bei Dickens; die Missetaten, die er begeht, ergeben sich aus seiner Geschichte heraus und scheinen weniger unverzeihlich.

Angewandte Literaturkritik in Comicform

Wiederkehrendes Thema ist dabei das Streben der jüdischen Bevölkerung Londons nach Bildung, Anerkennung und Würde. Dieser Konflikt—ebenso wie Eisners Comic gewordenes Bühnenstück—erreicht seinen Höhepunkt, als Fagin, im Gefängnis seiner Hinrichtung durch den Strang harrend, seinem Schöpfer Charles Dickens begegnet.

Dickens versucht sich daraufhin für seine Darstellung zu rechtfertigen, doch das bringt Fagin nur in Rage. „Ich bin Fagin, Angehöriger eines verstreuten, aber edlen Volkes!“, wirft er ihm entgegen. Und, um auch keinen Zweifel daran zu lassen, was Dickens und andere mit ihren Darstellungen über die Jahrhunderte angerichtet haben: „Ihr und euresgleichen seid verantwortlich für die langlebigen Vorurteile gegen die Juden!“

„Fagin the Jew“ ist also vor allem ein Stück angewandte Literaturkritik in Comicform. Eisner fordert eine stärkere Auseinandersetzung mit Klischees—und nimmt sich dabei auch selbst nicht aus, wie seine einleitenden Worte über Ebony White erkennen lassen. Doch er belässt es auch nicht bei einer bloßen Forderung. Indem er Fagin mit einer betont Dickens’schen Lebensgeschichte ausstattet, zeigt er zugleich, dass es auch anders geht.

 Von der Übersetzung im Stich gelassen

 Die deutsche Ausgabe von „Fagin the Jew“ folgt ihm in diesem Anliegen leider nur sehr bedingt. Geht man etwa davon aus, dass das Lettering einen prägenden und essenziellen Anteil an der ästhetischen Gesamtwirkung eines Comics hat, dann ist „Ich bin Fagin“ bereits auf den ersten Blick eine Enttäuschung. Es wird nicht einmal der Versuch unternommen, die krude und fahrige Hand Eisners nachzuempfinden.

Die Sprechblasen füllt ein glatter, anonymer Standardfont, der—insbesondere, wenn Größenvariationen, Fettungen oder Asymmetrien ins Spiel kommen—den visuellen Sound des Originals kampflos verloren gibt. Schwer nachvollziehbar ist auch, warum man sich entschloss, trotz gleicher Seitenanzahl eine andere Zählweise als im Original anzuwenden. Eisners handgezeichnete und ins Layout integrierte Seitenzahlen wurden so ohne Not entfernt und durch standardisierte Ziffern ersetzt. „Ich bin Fagin“ ist von seiner Gestaltung her ein deprimierend seelenloses Buch.

Auch die Übersetzung Axel Montes lässt Eisner im Stich, zunächst durch eine Reihe inhaltlicher Ungenauigkeiten. Befindet sich der Erzähler „in my seventeenth year“, ist also sechzehn Jahre alt, heißt es „mit siebzehn“. Wächst Oliver im „workhouse“ auf, einem Arbeitshaus, wird daraus ein „Armenhaus“. Als der böse Sikes seinen Hund tritt, ist im Original ein schwarz unterlegtes weißes „Yeeaah“ zu sehen, das offen lässt, ob es sich um das Wimmern des getroffenen Hundes, einen unmenschlichen Wutschrei Sikes’ oder eine Mischung aus beidem handelt; Monte nimmt der Szene viel von ihrer Brisanz, indem er das „Yeeaah“ mit „Verflucht!“ übersetzt und so den Deutungsraum verengt.

Sinnentstellende Unschärfe

Im Anhang erwähnt Jeet Heer „Santa Claus“, in der deutschen Übersetzung wird daraus der „Nikolaus“; was nicht passt, denn Heer hat recht: Eisners Darstellung von Fagin erinnert stark an einen typisch amerikanischen Weihnachtsmann, wie er vom Coca-Cola-Laster herablächelt; mit dem in Deutschland gefeierten Nikolaus von Myra hat sie wenig gemein. Blinzelt man, ist Montes Übersetzung oft beinahe korrekt.

Problematischer wird diese Unschärfe, wenn sie den Sinn entstellt. Das passiert etwa im Nachwort. Dort weist Heer darauf hin, dass die Argumente, mit denen sich Dickens gegen den Vorwurf des Antisemitismus zu verteidigen suchte, „disingenuous“ gewesen seien. Das englische Wort lässt wenig Spielraum für Deutungen: Heer unterstellt Dickens, er habe „unredlich“ oder „unaufrichtig“ argumentiert.

Bei Monte hingegen wird diese klare Aussage verfälscht und abgeschwächt: Dickens’ Argumente seien „nicht stimmig“ gewesen, legt er Heer in den Mund.

Ähnliches findet sich gegen Ende Geschichte, wenn Fagin im Original proklamiert: „A Jew is not Fagin any more than a Gentile is Sikes!“ Der Begriff des „Gentile“ kommt häufig vor in „Fagin the Jew“. Er bezeichnet aus jüdischer Sicht Menschen, die nicht jüdischen Glaubens sind, was—wie auch im Fall von „Fagin the Jew“—oft synonym zu „Christen“ zu verstehen ist. Monte will sich diesbezüglich aber nicht festlegen und übersetzt „Gentile“ durchgängig mit „Nichtjude“, was nicht elegant ist, aber berechtigt.

An jener Stelle am Schluss allerdings schwenkt er unvermittelt um, sie lautet bei ihm: „Aber Fagin steht genauso wenig für den Juden, wie Sikes für den Heiden steht!“

Nun kann „Gentile“ aus Sicht eines gläubigen Juden auch „Heide“ bedeuten—und schließt dann auch Christen mit ein. Ob eine konsequente Anwendung dieser Variante im Kontext von „Fagin the Jew“ angemessen wäre, darüber ließe sich streiten—sie wäre zumindest denkbar. Darüberhinaus ist nicht klar, welcher Religion Sikes angehört. Ist er Christ? Ist er—wie der Begriff üblicherweise verstanden wird—„Heide“ im Sinne eines Menschen, der nicht an Gott glaubt? Ist er „Heide“ im Sinne eines Nichtjuden? Wir wissen es nicht.

Indem er „Gentile“ erst konsequent mit „Nichtjude“ übersetzt und dann ausnahmsweise mit „Heide“, bringt Monte also den gesamten Kontext durcheinander. Nach gängiger Lesart des Begriffs suggeriert er schlechtestenfalls, dass ein übler Zeitgenosse wie Sikes kein Christ sein kann—was nicht nur Eisner vollends konterkarieren würde, sondern auch Dickens. Die christliche Gesellschaft und Verwaltung, die bei beiden Autoren eine nicht unerhebliche Rolle spielen, sind hier in Montes Übersetzung plötzlich außen vor.

Und das widerspricht Dickens’ und Eisners Texten nicht bloß thematisch—es kappt auch den direkten, von Eisner hergestellten Bezug. Denn natürlich meint Eisner, wenn er hier das Wort „Gentile“ verwendet, genau die gleichen Menschen nichtjüdischen Glaubens, die er auch überall sonst in seinem Buch meint, wenn er das Wort „Gentile“ verwendet.

Wo also sollen plötzlich die „Heiden“ als Bezugsgröße herkommen?

Interpretationsspielraum

Axel Monte hat vor fünf Jahren bereits Dickens’ „Oliver Twist“ neu ins Deutsche übersetzt, was—ganz im Sinne des von der German Graphic Novel reklamierten Seriositätsgedankens—wohl auch seine Beteiligung an „Ich bin Fagin“ erklärt. In der „Wiener Zeitung“ wurde ihm damals übertriebene „politische Korrektheit“ vorgeworfen, weil er—weit über Dickens’ eigene Korrekturen hinaus—den Roman von der Bezeichnung Fagins als „Jude“ gesäubert habe. „Solches Werk zu tun,“ kritisierte Rezensent Edwin Baumgartner, „steht einem Übersetzer, auch nach Auschwitz, nicht zu.“

Darüber lässt sich selbstverständlich streiten. Fest steht, dass wir uns, gerade bei Jugendbuchklassikern wie „Oliver Twist“, darüber Gedanken machen sollten, wie wir mit einem blanken Antisemitismus umgehen, der vor 200 Jahren salonfähig gewesen sein mag. Fest steht ebenso, dass dem Übersetzer ein beträchtlicher Entscheidungs- und Interpretationsspielraum zukommt. Jede Übersetzung ist notwendigerweise eine individuelle Schöpfung. Ein Übersetzer trifft ständig Entscheidungen, ein anderer träfe viele davon anders. Das liegt in der Natur der Sache.

Wenn wir also anerkennen, dass sich die Grenzen dessen, was akzeptabel ist, in den letzten 50 Jahren verschoben haben und sich auch in den nächsten 50 Jahren verschieben werden, wieso soll eine Monte-Übersetzung aus dem Jahr 2011 dann nicht ebenso Dokument ihrer Zeit sein dürfen wie ein Dickens-Text aus dem Jahr 1838? Ansätze, Autoren in der Übersetzung zu „korrigieren“, hat es immer schon gegeben, und es wäre auch falsch, sie kategorisch abzulehnen. Es sollten eben triftige Gründe dafür vorliegen.

Gegendarstellung ohne Gegenstand

Im Fall von „Ich bin Fagin“ scheint es vor dem Hintergrund der Pogrome und des Holocaust gerade in Deutschland leicht nachzuvollziehen, warum man sich bei Egmont dagegen entschieden hat, den Titel „Fagin the Jew“ wörtlich ins Deutsche zu übernehmen. Andreas Platthaus von der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ hält den gewählten Ersatztitel für „eine exzellente Lösung“, wie er im Oktober schrieb.

Die interessante Frage lautet aber doch, was es denn heißt, dass man sich „auch heute noch scheut“ (Platthaus), auf ein Buch wie dieses „der Jude“ zu schreiben.

Es ist ja nicht so, dass Eisner den Titel zufällig gewählt hätte. Er ist ein Statement. Denn anders, als man dank der deutschen Ausgabe annehmen könnte, ist es nicht erst der Zusatz „Jude“ der Fagin in „Oliver Twist“ zur fragwürdigen Figur macht. Die wirren roten Haare, das „Schurkengesicht“, die Reptilienhaftigkeit und vieles mehr: All diese Attribute sind keine neutralen Beschreibungen, sondern weit verbreitete Chiffren eines tief verwurzelten Antisemitismus—Klischees, derer Dickens sich konsequent bedient, und die in ihrer Ballung auch ohne expliziten Hinweis deutlich als solche erkennbar bleiben.

Eisner hat das erkannt. Sein „Fagin the Jew“ soll bereits im Titel demonstrieren: Das Verwerfliche an der Figur in „Oliver Twist“ ist nicht ihre Herkunft, sondern nahezu alles andere. Das ist es, was Eisner zu korrigieren versucht. Wer nun den Titel ändert, entkernt dieses Anliegen und führt es ad absurdum: Das Buch traut seiner eigenen Botschaft nicht mehr, es wird zur Gegendarstellung ohne Gegenstand.

Schwülstige Lippen, lustige Sprachfehler

Und überhaupt, wer genau ist es, der sich da „auch heute noch scheut“, Eisners Comic mit seinem intendierten Titel in Umlauf zu bringen?

Immerhin handelt es sich bei Egmont um den Verlag, der seit Jahrzehnten keinerlei Skrupel hat, etwa die atemberaubend rassistische Karikatur des Piratenausgucks in „Asterix“ unkommentiert zu reproduzieren. Auch im jüngsten, im Oktober 2015 erschienenen Band nicht. Schwülstige rote Lippen, ein lustiger Sprachfehler—der Ausguck bewegt sich auf dem gleichen indiskutablen Niveau wie Ebony White aus der Anfangszeit von Eisners „Spirit“-Strips. Der Unterschied ist, dass bei Eisner bereits vor 70 Jahren ein Umdenken einsetzte, das ihn zur Korrektur veranlasste—und schließlich zu „Fagin the Jew“.

Ob nun eben jener Egmont-Verlag zu seiner exzellenten Sensibilität in solchen Fragen zu beglückwünschen ist, darf also bezweifelt werden.

Dass man—ausgerechnet in Deutschland, ausgerechnet bei Egmont—sich „auch heute noch scheut“, ein Buch mit dem Wort Jude im Titel zu veröffentlichen, dessen jüdischer Autor ja gerade darauf hinweist, dass diese Bezeichnung weder verwerflich ist noch für etwas Verwerfliches steht, das kann man auch für sehr unglücklich halten.

Wer auf der Welt, wenn nicht wir deutsche Leser, sollte denn Anlass haben, bei der bloßen Nennung des Begriffes „Jude“ vor Scham zu erröten? Hätte nicht gerade dieses Unbehagen einen Erkenntnisgewinn fördern können, der höher einzustufen gewesen wäre als eine geheuchelte Pietät, die sich letztlich vielleicht doch nur aus der Angst speist, versehentlich einmal eine „Graphic Novel“ zu veröffentlichen, die wahrgenommen und einem kritischen Blick ausgesetzt wird, weil sie tatsächlich etwas zu sagen hat?

„Fagin the Jew“. „Fagin le Juif“. „Fagin el Judío“. „Fagin l’ebreo“. „Fagin, o Judeu“. Der Originaltitel dieser kaum subtilen Comic-Streitschrift ist nichts weniger als eine Kampfansage: Der 86-jährige jüdische Autor Will Eisner will einen der bekanntesten Juden der Weltliteratur zurückerobern, um ihn nicht den Antisemiten zu überlassen.

„Schaut her“, sagt Eisner mit seinem Buch. „Hier kommt Fagin, der Jude, und seine Herkunft ist das einzige in seinem Leben, wofür er sich nicht im Geringsten zu schämen braucht.“ Und die Deutschen gehen hin und streichen ihm den Juden vom Deckel.

Will Eisner: Fagin the Jew, erweiterte Neuauflage, Dark Horse Comics, englisch, 130 Seiten, etwa 20 Euro

Will Eisner: Ich bin Fagin—Die unerzählte Geschichte aus „Oliver Twist“, 2015, aus dem amerikanischen Englisch von Axel Monte, Egmont, 130 Seiten, 19,99 Euro

Offenlegung: Der Autor dieser Rezension hat schon als Übersetzer für Egmont gearbeitet.

 Marc-Oliver Frisch ist freier Comic-Kritiker und -Übersetzer und promoviert über Comics an der Universität des Saarlandes. Man kann ihm bei Twitter folgen.

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