Zeitgeschichte im Comic : „Da prallen Welten aufeinander“  

Der Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan wird erstmals zum Thema einer Graphic Novel. Im Interview stellt der Berliner Autor und Zeichner Arne Jysch das Projekt jetzt öffentlich vor.

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Von der Realität inspiriert: Eine Szene aus „Wave and Smile“.
Von der Realität inspiriert: Eine Szene aus „Wave and Smile“.Illustration: Arne Jysch/Carlsen

Zehn Jahre nach Beginn des Afghanistan-Krieges nimmt sich jetzt ein deutscher Comicautor des Themas an. Der studierte Kommunikations- und Animationsdesigner Arne Jysch arbeitet derzeit an den Reinzeichnungen seiner Graphic Novel „Wave and Smile“, die den zunehmend umstrittenen Einsatz der Bundeswehr zum Thema hat. Im kommenden Sommer soll sie bei Carlsen erscheinen. Lars von Törne befragte den in Berlin lebenden Zeichner zu seinem Projekt.

Tagesspiegel: Wie kam es zu der Idee, den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan in einem Comic zu behandeln?
Arne Jysch: Seit über 10 Jahren bin Ich Storyboardzeichner für Kinofilme,  Fernsehfilme und Werbung. Als ich auf der Suche nach einem Stoff für meine eigene Graphic Novel war, habe ich mich gefragt, was mich selbst als Leser  interessieren würde. Entscheidend für die Idee war die Häufung der Nachrichten über Anschläge auf die Bundeswehr seit 2008, die schleichende Verwicklung der Bundeswehr in einen Krieg, der ab 2010 auch so genannt werden durfte und ein Gespräch mit einem Deutsch-Afghanen, bei dem ich gemerkt habe, dass ich eigentlich gar keine Ahnung von dem Einsatz hatte. So ergab sich für mich ein spannendes, aktuelles Thema mit genug Relevanz, um sich zwei Jahre damit zu beschäftigen.

Wie haben Sie sich dem Thema genähert?
Erstmal habe ich alles zu lesen versucht, was ich finden konnte. Das war Mitte 2009 noch weniger als jetzt. Viele Bücher handelten eher von der britischen Armee oder den US-Truppen, wie z.B. „A Million Bullets“ von James Ferguson oder „Descent into Chaos“ und „Taliban“ von Ahmed Rashid. Damals waren solche Bücher noch gar nicht auf Deutsch erschienen. Immerhin gab es schon Berichte von Bundeswehrsoldaten aus den ersten Jahren des Einsatzes. Mir war schnell klar, dass ich mich auf keine Seite schlagen will. Es soll kein Anti- oder Pro-Buch werden sondern ich versuche, verschiedene Sichtweisen unterzubringen. Das Buch wird „Wave and Smile“ heißen, was sich auf ein Schild bezieht, dass es an der Ausfahrt von ISAF-Camps gegeben hat. Es sollte die Soldaten daran erinnern, dass sie der einheimischen Bevölkerung immer freundlich begegnen. Wie so manch guter Vorsatz ist das Schild mit der Veränderung der Situation inzwischen verschwunden.

Wieweit haben Sie eigene Recherchen angestellt?
Ich war mir bewusst, dass ich den Comic nicht in der Qualität schreiben könnte, die mir vorschwebte, ohne mit Bundeswehrangehörigen und Journalisten zu sprechen. Also habe ich Kontakt zu entsprechenden Stellen aufgenommen. Leider konnte ich nicht an Originalschauplätzen in Afghanistan recherchieren. Meine Freundin und ich haben 2010 gerade unser erstes Kind erwartet, deshalb hat sie mir strengstens verboten dorthin zu reisen.

Storyboardzeichner, Animator und Drehbuchautor: Arne Jysch.
Storyboardzeichner, Animator und Drehbuchautor: Arne Jysch.Foto: privat

Was hat an der Arbeit besonders viel Spaß gemacht, was war besonders schwierig?
Spaß gemacht hat das Eintauchen in eine fremde Welt, um sich als Autor und Zeichner in ihr bewegen zu können. Afghanische Geschichte, Politik, Kultur und Geografie, die Aufgaben der Soldaten vor Ort, nicht zuletzt auch die „Hardware“ wie Fahrzeuge, Waffen und (Bart-) Haarschnitte zu recherchieren, war und ist sehr spannend. Genau diese Hardware ist leider auch der Fluch. Schließlich muss ich all das zeichnen. Schwierig finde ich auch, Klischees zu vermeiden, und gerade, weil die Geschichte erfunden ist, nicht andere Filme oder Comics zu kopieren.

Welche Botschaft über den politisch sehr umstrittenen Einsatz ist Ihnen wichtig?
Ich finde die Schwarzweißmalerei bei Diskussionen zum Einsatz am schwierigsten und falsch. Weder ist der Einsatz richtig, so wie er angegangen wurde, noch ist „Sofort raus aus Afghanistan“ eine verantwortungsvolle Option für die meisten Menschen dort. Ich hoffe, der Comic bietet einen Einblick in die Lage im afghanisch-pakistanischem Raum und weckt Interesse, sich mit der dortigen Situation näher zu befassen. Dort prallen wirklich Welten aufeinander. Auf der einen Seite die Deutschen, die versuchen, mit ihrer korrekten bürokratischen Art alles richtig zu machen und auf der anderen Seite dieses für uns rätselhaft erscheinende Geflecht aus Islam, Stammesgesellschaft, Extremismus und Partisanenkrieg.

Wie haben Sie Ihre Geschichte entwickelt?
Von Anfang an wollte ich eine spannende, fiktive Geschichte erzählen und keine Dokumentation machen. Zunächst hatte ich die Idee mit einer Journalistin und zwei Soldaten als Protagonisten, die gemeinsam extreme Situationen erleben, nachdem sie mit dem Hubschrauber notlanden mussten. Durch Gespräche mit einem Oberstleutnant und einer jungen Journalistin konnte ich meine Rahmenhandlung mit glaubwürdigen Details und Episoden anreichern. Beide waren unabhängig voneinander 2009 bzw. 2010 in Afghanistan und haben mir darüber hinaus mit eigenen Fotos sehr geholfen.

Winken und Lächeln: Das vorläufige Cover des Buches.
Winken und Lächeln: Das vorläufige Cover des Buches.Foto: Carlsen

Welche Bedeutung für Ihre Arbeit haben Comics von Autoren und Zeichnern aus anderen Ländern, die Themen wie den Afghanistan- und den Irakkrieg im Comic verarbeitet haben?
Ehrlich gesagt konnte ich gar nicht so viele Comics zu ähnlichen Themen finden. Allerdings haben Bücher wie „Der Fotograf“ oder Animationsfilme wie vor allem „Waltz with Bashir“ dazu beigetragen, dass man sich eine seriöse Umsetzung des Themas im Medium Comic vorstellen kann. Natürlich habe ich mir „Der Fotograf“ angeschaut, aber mir geht es vor allem um die aktuelle, deutsche Perspektive. Obwohl gewisse Inspiration durch die amerikanische Serie „DMZ“ von Brian Wood vorhanden ist, unterscheidet sich mein Stil klar von den computerkolorierten, teilweise sehr düsteren Comics der Amerikaner. 

In welchem Stadium ist das Projekt und wann soll das Buch voraussichtlich erscheinen?
Momentan bin ich bei der Reinzeichnung und Kolorierung der ca. 200 Seiten. Im Juni 2012 wird das Buch „Wave and Smile“ bei Carlsen erscheinen.

Arne Jysch, Jahrgang 1973, hat in Hamburg und Potsdam Kommunikationsdesign und Animation studiert. Seit Ende der 90er Jahre arbeitet er als Storyboardzeichner, Animator und Drehbuchautor. Er hat mit „Der Beste“ einen preisgekrönten Kurzfilm produziert und am „Filmmasters Program“ in Hollywood teilgenommen. „Wave and Smile“ ist sein erster Comic. Seine Website findet sich hier, einen Ausblick auf das Buch bei Carlsen gibt es hier.

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