CTM Festival 2017 : Meine Stimmung, euer Tanz

Bao-Tran Tran alias Mobilegirl ist eine von Berlins spannendsten Newcomerinnen als DJ und Produzentin. Jetzt legt sie beim Festival Club Transmediale auf.

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Ironiefrei. Mobilegirl, 23, wuchs in München auf und lebt seit knapp anderthalb Jahren in Berlin.
Ironiefrei. Mobilegirl, 23, wuchs in München auf und lebt seit knapp anderthalb Jahren in Berlin.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Es ist einer dieser Januartage. Grau, kalt, schmuddelig. Bao-Tran Tran, 23 Jahre alt, schlank und ganz in Schwarz gekleidet, kommt durchgefroren aus Kreuzberg zum Treffpunkt in Prenzlauer Berg. Die Kälte macht ihr so sehr zu schaffen, dass man als mitfühlender Mensch überlegt, ob man ihre schmalen Hände wärmen sollte.

Aber der Gedanke verfliegt so schnell, wie er gekommen ist: Bao-Tran Tran, Künstlername Mobilegirl, ist sicher kein Mensch, der einem so etwas erlauben würde. Und sie würde sich wohl auch selbst so einen Moment der Schwäche verbieten. Sie spricht zwar ziemlich leise, aber sehr selbstsicher und ironiefrei.

„Ich hatte nie das Gefühl, dass ich sehr musikalisch bin“, sagt sie am Anfang des Gesprächs, aber es sei dann doch alles anders gekommen als geplant: mit 17 Abitur in München, anschließend Medieninformatik-Studium und Jobs im Designbereich. Ein Freund fragte sie, ob sie nicht mal auflegen wolle. Wenig später habe sie dann auch schon den ersten Track produziert. Seit knapp anderthalb Jahren wohnt Mobilegirl in Berlin und verdient ihr Geld mit Musik. Remix-Aufträge und vor allem Auftritte machen es möglich.

London, Stockholm, Krakau - Mobilegirl kommt rum

Für Außenstehende ist das ein bisschen verwunderlich: Wie kann es sein, dass eine junge Frau, von der außerhalb einer kleinen Nische noch niemand gehört hat, von der es keine Platten oder CDs zu kaufen gibt, die ganz wenige eigene Songs veröffentlicht und nur ein paar Remixe für andere Künstler angefertigt hat, von ihrer Musik leben kann? Es hat damit zu tun, dass Mobilegirl in ihrer Nische alles richtig macht. Gleich drei Mal ist sie letztes Jahr bei der für die Clubkultur so wichtigen Online-Boiler-Room-Plattform aufgetreten, so oft wie niemand sonst 2016. Sie hat zudem erstmals eine kleine Asientour gemacht, stand in den USA, London, Stockholm und Krakau auf der Bühne.

Auch nicht unwichtig: Ihre DJ-Sets sind alles andere als herkömmlich, sie entwickeln sich von Reggaeton über R’n’B bis hin zu House und Techno. Und alles wird permanent verändert, das Tempo zieht an und bremst wieder ab, Gesangsparts werden verhackstückt, Rihanna, TLC, Jennifer Lopez und andere große Namen mutieren bei Mobilegirl zu hochdramatischen, aber unbekannten Stimmen. „Meine DJ-Sets sind sehr eklektisch“, beschreibt Bao-Tran Tran ihre Herangehensweise, „Ich fange sehr langsam an, mein innerer Leitfaden ist Stimmung. Mit der Musik, die ich auflege, reagiere ich auf meine eigene Stimmung. Ärgere ich mich zum Beispiel über den Veranstalter, dann läuft auch gleich ein harter Track. Ich mag Brüche und versuche, es tanzbar und spannend zu halten. So einfach.“

Ihr Sound ist melancholisch-melodisch

So einfach, wie Mobilegirl tut, ist das aber gar nicht. Unzählige versuchen sich an der DJ-Karriere, viele scheitern, weil sie es nicht schaffen, etwas Einzigartiges abzuliefern, sondern letztlich austauschbar bleiben. Sie aber will ihr Publikum nicht langweilen und auch nicht sich selbst: „Meine DJ-Sets haben nicht so viel mit der Musik zu tun, die ich produziere. Mein Producer-Ich und mein DJ-Ich sind sehr unterschiedlich, da bin ich im Konflikt mit mir."

Aber auch die selbst produzierten Stücke, die man zum Beispiel auf ihrem Soundcloud-Account hören kann, hören sich sehr eigen an, melancholisch-melodisch, voll mit glockenartigen, metallischen Synthesizer-Klängen und interessanten Beats. Sie entstehen bei ihr zu Hause, unter Kopfhörer, am Rechner mit der Produktionssoftware Ableton. Die hat zwar auch mindestens jeder zweite Produzent elektronischer Musik auf dem Laptop, aber entscheidend auch hier, was man daraus macht: „Ich kann überhaupt keine glücklichen Songs spielen oder hören, das hat für mich etwas Flaches.“

Ihre Eltern hätten lieber gesehen, dass sie Anwältin oder Ärztin wird

Wo kommt sie her, diese Ernsthaftigkeit? Bao-Tran Tran spricht nur vorsichtig über persönliche Dinge, aber ganz so einfach scheint es nicht gewesen zu sein mit ihren Eltern. Vater und Mutter sind unabhängig voneinander in den siebziger Jahren aus Vietnam geflohen und haben sich in Deutschland kennengelernt. Bao-Tran Tran hat keine Geschwister, die Eltern legten sehr viel Wert auf Bildung und hätten es wohl am liebsten gesehen, wenn ihre Tochter Ärztin oder Anwältin geworden wäre: „Meine Eltern finden das nicht gut mit der Musik, die hätten sich gewünscht, dass ich auf Nummer sicher gehe.“ Ihnen sei in Vietnam Bildung verwehrt worden. Die Mutter zum Beispiel wollte eigentlich Lehrerin werden, was sie nicht durfte.

Der Umzug nach Berlin im September 2015 war für Mobilegirl auch eine Befreiung. Hier hat sie Gleichgesinnte getroffen, Musiker, hier hat sie zu schätzen gelernt, dass sie mit zwei Kulturen aufgewachsen ist und verstanden, dass sie ihr eigenes Leben leben muss, nicht das ihrer Eltern: „Ich hatte mit 17 Abitur gemacht, war eine gute Schülerin, aber hatte nicht viel Interesse an der Schule. Leistung war megawichtig. Das ist so dieses typisch Vietnamesische.“ Seit sie in Berlin ist, ist alles anders. Hier spricht sie meist Englisch, weil ihre Freunde aus aller Welt kommen, hier dreht sich vieles um die Musik, man beeinflusst und hilft sich gegenseitig.

Das Pseudonym stammt von einem Facebook-Sticker

Und wie ist das mit ihrem Namen? „Als es auf einmal losging mit der Musik, brauchte ich ein Soundcloud-Pseudonym. Damals gab es gerade neue Facebook-Sticker, Mobilegirl war ein asiatisches Kind mit Topfschnitt und weißer Katze. Sie hat mich an mich erinnert, als ich vier war.“ Bao-Tran Tran denkt aber, dass der Name nicht die beste Wahl war: „Man erkennt sofort, dass ich eine Frau bin. Und dieses ,girl’ ist auch verniedlichend, ich könnte mir vorstellen, dass ich damit nicht so ernst genommen werde“.

Fear, Anger und Love - Angst, Wut und Liebe, so lautet das Thema dieses Jahr beim CTM Festival. Die Emotionen treten in den Vordergrund. Wo findet sich Mobilegirl da wieder? „Fear würde ich musikalisch ausschließen – aber Anger und Love, damit kann ich was anfangen.“

Mobilegirl legt beim „Heat“-Abend, 2.2., ab 23 Uhr, in der Panorama Bar des Berghain auf. Ihr Set beginnt um 2.30 Uhr.

Weitere Musik-Highlights des CTM Festival 2017

Das Eröffnungskonzert mit der kroatischen Crossover-Künstlerin Nora Turato und der kanadischen Inuit-Sängerin Tanya Tagaq findet am 28.1., 19 Uhr im HAU 1 statt.

Genesis Breyer P-Orridge tritt am 31.1., 19 Uhr mit Aaron Dilloway im HAU 1 auf. Am 4.2., 21 Uhr spielt die Soundkünstlerin Elysia Crampton zusammen mit King Britt im Festsaal Kreuzberg.

Das CTM-Finale startet mit Stara Rzeka sowie The Bug vs Dylan Carlson of Earth am 5.2., 20 Uhr im Heimathafen Neukölln. Bei der Afterparty ab 22.30 Uhr treten im Schwuz u.a. Mike Q, Nils Bech und Toxe auf.

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