Kultur : Das dicke B

Zündstoff: Auf der Kulturpolitik-Tagung in Loccum stellt das Auswärtige Amt neue Leitlinien vor.

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Im vergangenen September veranstaltete das Außenministerium ein „Bildungsfest“ in Berlin – eine etwas eigentümliche Bezeichnung für eine Veranstaltung, bei der immerhin die Neukonzeptionierung der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik (AKBP) vorgestellt wurde. Minister Westerwelle hielt den Hauptvortrag unter dem Titel „Partner gewinnen, Werte vermitteln, Interessen vertreten“, der womöglich ein wenig unterging auf der bunten Veranstaltung – und im Nachhinein noch mehr. Wie wäre es sonst zu erklären, dass Vertreter der sogenannten Mittlerorganisationen wie Goethe-Institut (München) oder Institut für Auslandsbeziehungen (ifa, Stuttgart) sich jetzt überrascht zeigten von der Akzentverschiebung, die Westerwelle und seine Staatsministerin Cornelia Pieper (beide FDP) längst vorgenommen haben?

Genauso aber war es auf der alljährlichen kulturpolitischen Tagung der Evangelischen Akademie Loccum (Niedersachsen) am zurückliegenden Wochenende zu erleben, die diesmal der Außenkulturpolitik gewidmet war. Andreas Meitzner, Leiter des Referats „Strategie und Planung AKBP“ im Auswärtigen Amt, hatte einen schweren Stand, nachdem er die neuen Leitlinien verlesen hatte. Deutlich wurde, dass die Führung des AA eine stärkere Ausrichtung der auswärtigen Kulturaktivitäten auf eine klassische Interessenpolitik im Sinn hat, was als „Instrumentalisierung“ beklagt wurde. Die Mittlerorganisationen, nach dem Zweiten Weltkrieg als privatrechtliche Vereine gegründet, um nur ja keine Staatsnähe vermuten zu lassen – wiewohl sie doch jeher aus dem Topf des AA finanziert werden –, haben sich einen nahezu vollständigen Freiraum erkämpft und stets zu erhalten gewusst. Im Vergleich zu den entsprechenden Organisationen anderer Länder wie dem Institut français oder dem British Council stehen sie einzigartig da.

Neu in der AKBP ist vor allem das „B“, oder besser gesagt, die Betonung der Bildung. Denn Wissenschaftleraustausch gibt es gleichfalls seit vielen Jahrzehnten. Er wird, auf dem Hintergrund wachsender internationaler Konkurrenz um geistige Ressourcen, um human capital, nur stärker „strategisch“ verstanden. So wird nunmehr im AA-Konzept als Ziel genannt, „Menschen nach Deutschland“ zu bringen, „die temporär oder dauerhaft hier bleiben wollen“. Wäre da im Augenblick nicht an Spanien oder Griechenland zu denken, wo gut ausgebildete Hochschulabsolventen ohne Perspektive in ihren Heimatländern auf dem Sprung nach Deutschland (oder die USA) stehen?

Gleichzeitig vollzieht sich in Europa, auch darüber wurde auf dem „57. Loccumer Kulturpolitischen Kolloquium“ gesprochen, die Etablierung einer gemeinsamen EU-Außenpolitik, zunächst auf der Ebene der Brüsseler Bürokratie, die für diesen Bereich 7000 Planstellen zählt. Die Kultur ist dabei ausdrücklich nicht mit von der Partie, da sei Frankreich vor mit seiner sinngemäß anzuwendenden exception culturelle.

Die Vision gemeinsamer europäischer Kulturinstitute im außereuropäischen Ausland, vor einigen Jahren gern ausgemalt, hat in der Praxis nicht oder noch nicht funktioniert, von Ausnahmen wie der deutsch-französischen „Kollokation“ im palästinensischen Ramallah abgesehen. Der junge Leiter der Goethe-Instituts-Hälfte in Rammallah, Jörg Schumacher, berichtete jedenfalls, dass die französischen Partner am liebsten „Präsentationen“ machen, dies aber mit Erfolg: „Die Veranstaltungen sind gerammelt voll, wenn der französische Generalkonsul auf Büttenpapier zu den ,Tagen der Francophonie’ einlädt. Da fühlt sich die palästinensische Kulturszene geehrt.“

Wer also sind die Adressaten? In der Regel sind es die nationalen Bildungseliten, und historische Glücksfälle wie in Kairo, wo das Goethe-Institut zu einer Schaltzentrale der ägyptischen Revolution wurde, lassen sich nicht planen oder auch nur erhoffen. Überhaupt, so wurde in Loccum auch gewarnt, dürfe die AKBP nicht mit Erwartungen wie „Frühwarnsystem“ oder gar „Friedenssicherung“ befrachtet werden. Kultur, so formulierte es ifa-Generalsekretär Ronald Grätz, sei „vielleicht ein Weg, Konflikte zu lösen“. Sie sei allerdings „in vielen Fällen selbst die Ursache von Konflikten“. Gut, wenn dann ein Kulturinstitut vor Ort ist, in dem solche Konflikte zumindest thematisiert und vielleicht gar entschärft werden können. Aber erst einmal wollen die Mittlerorganisationen, aber auch die Kommunen, die zwar die Hauptlast des nationalen Kulturbetriebs schultern, aber bislang in der AKBP nicht einmal dem Begriff nach auftauchen, zu den neuen Leitlinien gehört werden. Loccum könnte dazu den Auftakt geboten haben.

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