Kultur : Das Geisterhaus

Rittersitz, NS-Forschungsstelle, Kaderschmiede der SED: Wer einmal in der Hakeburg in Kleinmachnow war, den macht sie heute noch nervös.

Stefanie Flamm

Sie hatten mit großen Emotionen gerechnet, mit guten oder schlechten Gefühlen, vielleicht sogar mit Tränen. Doch als Gerda und Hermann Weber 1991, genau 40 Jahre, nachdem sie der SED den Rücken gekehrt hatten, wieder vor ihrer alten, mittlerweile geschlossenen Parteihochschule in Kleinmachnow standen, passierte zuerst einmal gar nichts. Sie erkannten das Gelände am Teltowkanal, die Wege, die Schulgebäude, und doch schien alles anders. Die Bäume waren größer geworden, die Auffahrten nicht mehr gekehrt. In der Aula, wo zu ihrer Zeit ein großes Stalin-Bild gehangen hatte, betrieb ein Fünfkampfweltmeister der DDR ein Fitness-Center, nebenan gab es einen Nachtclub. Es war eine merkwürdige Zeit, so kurz nach der Wende. Die Hakeburg, dieser pseudomittealterliche Rittersitz vom Anfang des 20. Jahrhunderts, in dem die so genannten „Kursanten“ der Parteihochschule bis in die 80er Jahre ihre Mahlzeiten eingenommen hatten, war verpachtet. Als die Webers an die schwere Eichentür klopften, wurde dort gerade eine Hochzeit gefeiert.

Passt doch, dachten sie. Schließlich hatten auch sie sich hier bei einem Sommerfest zum ersten Mal geküsst. Aber der Kellner hatte wenig Verständnis für die Sentimentalitäten dieses alten Ehepaars aus Mannheim. Für ihn waren die ehemalige Neulehrerin und der Mitbegründer der FDJ, der nach seinem Bruch mit dem Stalinismus einer der bedeutendsten linken DDR-Forscher der Bundesrepublik wurde, bloß neugierige Wessis. „Er ließ uns nicht einmal in die Vorhalle“, sagt Gerda Weber heute.

Die Bundeszentrale für politische Bildung hat ehemalige Bewohner der Hakeburg und ihre Nachfahren nach Kleinmachnow geladen. Gerda Webers dunkle Augen wandern prüfend durch das holzvertäfelte Vestibül, während ihre Hand ihrem um zwei Köpfe größeren Mann mütterlich den Arm streichelt. Hat sich etwas verändert? Hermann Weber richtet sich die Brille. Die neogotischen Rundbögen waren schon immer da. Aber das Hirschgeweih an der Wand?

Bei den Webers steht ihr ehemaliger Lehrer und langjähriger Freund Wolfgang Leonhard. Er ist Ende 80 und sehr klein. Auf dem Büchertisch hinter seinem Rücken liegt sein Bestseller „Die Revolution entlässt ihre Kinder“, daneben stapeln sich mehrere Exemplare von „Damals, als ich Wunderlich hieß“, Hermann Webers Bericht über seine Zeit auf der Kaderschmiede, und Carola Sterns politische Autobiografie „Doppelleben“. Auch die Publizistin Stern, die als junge Frau auf der Parteihochschule von Kleinmachnow für den amerikanischen Geheimdienst spionierte, ist der Einladung auf die Hakeburg gefolgt. Sie trinkt einen Kaffee im Stehen, hält sich ein bisschen abseits. „Ich lernte, wie sie zu denken, aber mir fehlte ihre Inbrunst“, schreibt sie in „Doppelleben“ über ihre Zeit als Undercover-Agentin. Sie wirkt, als wüsste sie nicht genau, was sie hier soll. Aber das weiß bei diesem „informellen Brainstorming“ niemand.

Es gibt kein Thema, nicht einmal einen Anlass. Die Menschen, die aus Berlin, Dortmund, München, Mannheim und Manderscheid nach Kleinmachnow gekommen sind, wollen vor allem das Haus noch einmal sehen. Seine Geschichte handelt von den Eliten dreier deutscher Systeme, von Menschen, die das Schicksal zu Westdeutschen gemacht hat, die unter anderen Bedingungen wohl nie miteinander ins Gespräch gekommen wären. Wenn man so will, ist die Geschichte der Hakeburg eine besonders komplexe Episode des Kleinmachnower Grundstückstreits, das in Wirklichkeit ein Ost-West-Drama war. Nur geht es hier nicht nur um Besitz, es geht um Erinnerungen, von denen man sich nicht freikaufen kann.

Wie das benachbarte Zehlendorf war Kleinmachnow bis zum Zweiten Weltkrieg ein Ort, wo die „besseren Leute“ wohnten. Höhere Angestellte, Ärzte und Professoren bauten sich um die Jahrhundertwende an den Teltowkanal hübsche Villen mit Blick aufs Wasser. Viele von ihnen gingen in den Westen, als die Rote Armee im Mai 1945 vor Berlin stand, ihre Häuser wurden später enteignet. Nach der Wende wurde erbittert darüber gestritten, wer die rechtmäßigen Eigentümer dieser Vorstadtvillen seien, jene, denen man sie bei der Bodenreform genommen hatte, oder die, die 40 Jahre darin gewohnt hatten. Dass die Besitzverhältnisse des ehemaligen Parteischulgeländes rund um die Hakeburg ebenfalls ungeklärt waren, fiel in der Aufregung gar nicht mehr auf. Zuerst hatte die PDS das Waldgrundstück mitsamt Schulungsgebäuden und Hakeburg von der SED geerbt. Ende 1995 wurde es von der Treuhand an die Telekom übertragen. Sie trat damit die Rechtsnachfolge der Reichspost an.

Es gab den Plan, dort ein gläsernes Bürohaus hinzubauen, auch über eine Campus-Universität wurde nachgedacht. Passiert ist bislang wenig. In einem Teil der Parteihochschulhäuser sitzt eine Waldorfschule, die Hakeburg ist wieder verpachtet. Zwischen 1997 eröffnete ein Hotel, das 1998 wieder in Konkurs ging. Der Betreiber Klaus W. Rösch wurde im Oktober wegen Betrugs zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und neun Monaten verurteilt. Seither finden hier an Wochenenden wieder Hochzeiten statt, Oldtimer-Treffen, eine Zeitlang wurden hier Life-Krimis instzeniert. Doch für Menschen, die hier einmal gelebt haben, bleibt die Hakeburg ein prekärer Erinnerungsort. „Rittersitz, NS-Forschungsstelle, Kaderschmiede. Hier wurde Geschichte von oben geschrieben“, sagt Claudia Sobirey, die Initiatorin dieses Hakeburg-Ehemaligentreffens. Ihre Gäste sind nervös.

Hans Ulrich von Zimmermann, der Neffe des Erbauers Dietloff von Hake, hält seine zierliche, ganz in Grün gekleidete Frau Irma an der Hand. Lotti Ohnesorge, die Tochter des NS-Postministers, sucht nach einem Aschenbecher. Sie sieht das Gebäude, in dem ihre Mutter die glücklichste Zeit ihres Lebens verbracht hat, zum ersten Mal. „Ich habe es mir schlimmer vorgestellt, düsterer“, sagt die Rundfunkjournalisten. Sie wirkt erleichtert. Der alte Herr von Zimmermann wirkt eher enttäuscht. Er dachte, das Anwesen seines Onkels sei größer und wirft einen trüben Blick aus dem Fenster des weiß gekalkten Kaminzimmers auf den Teltowkanal, der sich vor der Burg zu einem See staut. Es regnet. Über dem Wasser hängt der Nebel wie ein verstaubter Trauerflor. Am anderen Ufer lag bis 1944 die „Alte Hakeburg“, von Zimmermanns Elternhaus, es hat den Bombenkrieg nicht überlebt. Als Kinder sind sie oft durch den See zum Onkel geschwommen, ein ehemaliger Regierungsreferendar, der sich dort seinen Traum von der „guten, alten Ritterzeit“ erfüllte. Doch ab Mitte der 30er Jahre war der anachronistische Pomp der Neuen Hakeburg nur noch Fassade.

Dietloff von Hake konnte sich den Lebensstil eines späten Burggrafen schon lange nicht mehr leisten. 1937 verkaufte er das Anwesen an die Reichspost. Wilhelm Ohnesorge, damals noch Staatsekretär im Postministerium, ließ auf dem riesigen Areal am Teltowkanal eine Forschungsstelle zur Optimierung der Funk- und Fernsehtechnik des Dritten Reiches errichten. Die Hakeburg betrachtete er nach seiner Ernennung zum Postminister als Privatresidenz. Gobelins, schwere Möbel, dunkle Wandverschalungen und Jagdtrophäen wanderten auf den Sperrmüll. Ohnesorge liebte es sachlich: weiß verputzte Wände, grazile Möbel, Eichenparkett mit Hakenkreuzmuster. Für den Fassadenschmuck der backsteinernen Forschungsanlage beschäftigte der Ästhet den als verfemt geltenden Künstler Carl Crodel.

„Es war nicht dieser übliche Nazistil“, erinnert sich Augusta Ohnesorge in einem Dokumentarfilm über die Hakeburg. Die Postangestellte hatte sich Ende der 30er Jahre in ihren Minister und sein Anwesen verliebt. „Für meine Mutter liegt in Kleinmachnow noch immer das Paradies“, sagt ihre jüngste Tochter Lotti. Hier bekam man wenig mit vom alltäglichen Terror, auch der Krieg blieb lange abstrakt. Die Ohnesorges führten das Leben später Feudalherren, sie hatten viel Personal und einen malerischen Landsitz am Wasser, auf den Verwandte und Freunde gerne vor der Wirklichkeit flohen. Als Privatmann muss Wilhelm Ohnesorge charmant und ein großartiger Gastgeber gewesen sein, in seiner Freizeit schrieb er romantische Gedichte. Als Postminister, begnadeter Ingenieur und überzeugter Nazi – auf die Parteinummer 42 war er besonders stolz – träumte er von einer Wunderwaffenschmiede. 1200 Wissenschaftler und Angestellte arbeiteten in den entlang der Staufenstraße wie eine Ziehharmonika aufgereihten Labors an der Entwicklung einer „intelligenten Bombe“, die durch eine integrierte Fernbildkamera den Feind erkennen und sicher treffen sollte. Einem Gerücht zufolge hat Manfred von Ardenne unter seiner Ägide erste Versuche für eine deutsche Atombombe unternommen. Beide Projekte sind gescheitert, Ohnesorge hat bis zu seinem Tod Ende der 60er Jahre mit niemandem mehr darüber gesprochen.

„Für mich war er ein stummer, fremder Mann, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass er nicht gewusst hat, was damals in Deutschland los war“, sagt seine Tochter. Bei den Nürnberger Prozessen wurde er nur als „Belasteter“ eingestuft. Als er 1948 aus der Kriegsgefangenschaft zurückkam, lebte seine Familie auf einem Bauernhof in Bayern. Die Hakeburg war „Feindesland“, ein düsteres, von den Sowjets besetztes Familienreich, das Geheimnisse barg, über die man nicht mehr sprach. Erst in der Schule erfuhr Lotti Ohnesorge, wer ihr Vater gewesen war. Danach sei es schwierig mit ihm gewesen, sagt sie. Schwierig ist es für nächste Generation Hakeburg-Bewohner geblieben.

Der Berliner Magistrat hätte das bizarre Schlösschen, dessen Burgturm sich bei gutem Wetter im Kleinmachnower See spiegelt, gerne als Casino vermietet. 4000 Jetons waren schon in Auftrag gegeben, als der Bezirkskommandant 1946 das gesamte Gelände der soeben gegründeten SED übereignete. Wo die Nazis Bomben gebastelt hatten, sollte die Elite des neuen Deutschland geformt werden. Der Bauhausschüler Selman Selmanagic wurde mit dem Umbau betraut. Und selbst Carola Stern, die in „Doppelleben“ kein gutes Haar an dieser „Klippschule“ von Kaderschmiede lässt, erinnert sich an modern eingerichtete, Licht durchflutete Wohn- und Lehrräume. Im 1948 zogen die Schüler der Parteihochschule „Karl Marx“ dort ein. Otto Grotewohl, der spätere Ministerpräsident der DDR, sang in seiner Eröffnungsrede ein Loblied auf Stalin. Das Protokoll verzeichnet stehende Ovationen und 600 geladene Gäste, 300 Sozialdemokraten und 300 KPD-Leute.

Kurz nach der Zwangsvereinigung der beiden Parteien habe man noch auf Parität geachtet, sagt Hermann Weber. Auch die „Kursanten“ entstammten beiden Fraktionen. Seine Frau Gerda, die mit Mädchennamen Röder hieß, war eine Sozialdemokratin aus dem Brandenburgischen, er selbst war ein Kommunist aus Mannheim, den die KPD zum Studium in die sowjetische Besatzungszone geschickt hatte. Für Weber sprach sein „antifaschistischer“ Familienhintergrund. Sein Vater, ebenfalls ein Kommunist, hatte während der Nazizeit im Gefängnis gesessen.

Als Hermann Weber knapp drei Jahre nach dem Krieg durch die Zonengrenze geschleust wurde, erschien ihm das als Reise ins bessere Deutschland, wo Krieg, Gewaltherrschaft und Ungleichheit keine Chance mehr haben würden. Als er zwei Jahre später wieder in die umgekehrte Richtung fuhr, um im Westen zusammen mit seiner Frau den Sozialismus voranzutreiben, war er sich da schon nicht mehr ganz so sicher. Hermann Weber hatte gesehen, wie die Werke von Lenins Zeitgenossen aus der Bibliothek verschwanden, wie ihre Bilder retuschiert wurden. Er hatte erlebt, wie sich sein Vorbild und Lehrer Wolfgang Leonhard im März 1949 nach Jugoslawien absetzte und danach in der Hochschule eine Hatz auf vermeintliche Trotzkisten und Titoisten begann, die der Form nach an die Schauprozesse der 30er Jahre erinnerte. „Wolfgangs Flucht hat die Parteihochschule zur Kaderschmiede gemacht“, sagt er heute. Hier wurden Soldaten für eine „Partei neuen Typs“ gedrillt, die sämtlichen Ansagen aus Moskau willfuhr.

„Wir droschen immer die gleichen abrufbereiten, bequem zu handhabenden Leerwörter und Phrasen. Gemeinsam übten wir den Funktionärsjargon und gewannen immer größere Fertigkeit darin. Wir stellten ,die Frage konkret’, das war ,Fakt’, wie der Genosse Ulbricht sagte. ,Konterrevolutionäre, proimperialistische Kräfte’ wurden von uns jedenfalls in der Theorie ,entlarvt’, und unsere Wachsamkeit gegen ,Kriegsbrandstifter, Mörder Saboteure’ festigte sich mit jedem Tag.“ Während Carola Stern vorliest, verfinstern sich die Minen der Webers. Wolfgang Leonhards Gesicht versteinert.

„Alles, was Carola schreibt, stimmt, aber es ist trotzdem nur die halbe Wahrheit“, sagt er. Die Webers nicken. Sie kennen die Stelle und fühlen sich und ihren Jugendtraum vom besseren Deutschland dennoch von neuem denunziert. „Es ist keine Schande, kein Kommunist gewesen zu sein“, sagt Hermann Weber. Es sei auch keine Schande, für einen Geheimdienst gearbeitet zu haben. „Aber dass sie uns all die Jahre im Glauben gelassen hat, sie sei eine von uns!“ In den 70er Jahren, als Weber schon lange SPD-Mitglied war und an der Uni Mannheim lehrte, und Leonhard einen Lehrauftrag in Yale hatte, haben sie ein Buch herausgegeben. „Ende einer Utopie“ lautete der Titel. Stern, damals scharfzüngige, linke Kommentatorin beim WDR, schrieb das Nachwort. Erst 2001, mit „Doppelleben“ hat sie sich als Mitarbeiterin des Geheimdienstes offenbart. „Ich war ein sehr unglückliches junges Mädchen“, heißt es darin. Mehr will sie dazu nicht mehr sagen.

Auch Irma von Zimmermann hält sich schweigend an ihrem Weinglas fest. Sie ist nur eine angeheiratete Verwandte der Hakeburg-Erbauer. Ihre Familie stammt aus der Prignitz. „Ich bin durch die Elbe geschwommen, als die Sowjets kamen“, flüstert sie. Es kostet sie Überwindung, mit Menschen an einem Tisch zu stehen, deren Wunsch und Ziel es einmal war, das sowjetische System in Deutschland zu etablieren. Sie mustert die Decke, an die der Pächter einen silbernen Baldachin gehängt hat. Ihr Mann schaut auf die billigen Ölschinken an der Wand. Sie gefallen ihm gar nicht. „Man streift seine eigene Geschichte nicht ab wie ein Hemd“, hat Gerda Weber schon am Anfang gesagt. Das gilt an diesem Nachmittag für alle.

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