Kultur : Das muss jetzt raus

Zwei Nachwuchsautoren bringen ostdeutsche Probleme auf die Bühne – und haben Erfolg

Constanze Weiske

Schorse, Paul und Boxer sind Zeitarbeiter irgendwo im sachsen-anhaltinischen Mansfelder Land. Früher blühte die Region südlich von Halle durch den Kupferabbau, heute sind 21,7 Prozent der Menschen dort ohne Job. In dieser strukturschwachen Region siedelt der junge Nachwuchsdramatiker Dirk Laucke sein Stück „alter ford escort dunkelblau“ an, für das er am gestrigen Mittwoch einen der wichtigsten Preise des deutschsprachigen Theaternachwuchses, den Kleistförderpreis für junge Dramatiker 2006, erhielt. Gemeinsam mit der Dramaturgischen Gesellschaft verleiht die Kleiststadt Frankfurt/Oder den mit 7650 Euro dotierten Preis mittlerweile zum elften Mal für noch nicht aufgeführte Stücke an junge Dramatiker bis 35 Jahre.

In einer verwilderten Gegend zwischen Schuttbergen und verdorrten Feldern stapeln die drei Protagonisten tagtäglich Bierkästen in einem riesigen Getränkelager. Eines Tages reicht es dem verträumten Boxer, und er überredet seine Zeitarbeiter-Kumpels zum Abhauen. „paul hat gesagt zeitarbeit ist moderne sklaverei“ – „wenn du deim jungen mal was bieten willst, kanns nich hier sein. kuck dich mal um, schorse. kuck dich mal an. Was solln hier zu finden sein?“ – „wer jetzt nicht geht, versumpft hier, wie in treibsand“.

Mit AC/DC im Ohr und Bildern von der Route 66 im Kopf wollen sie in den Westen, denn dort vermuten sie die große Freiheit. Schnell wird ihnen allerdings bewusst, dass sie einer Illusion hinterherjagen. Ernüchtert kehren sie daraufhin in ihre vertraute Welt zwischen Plattenbau und Getränkelager zurück. „Die ostdeutsche Wirklichkeit ist noch desillusionierender“, meint der Hallenser. Deshalb will er sie zeigen – authentisch und ohne sie zu idealisieren.

Dies gelingt ihm vor allem dadurch, dass er seine Figuren durch die Zusammensetzung mehrerer Biografien entwickelt, die der UdK-Student bei Nebenjobs selbst kennengelernt hat: „Armut ist nicht geil. Sie macht Menschen zu Wölfen, das hat schon Marx erkannt.“

Im Vergleich zum 33-jährigen Vorjahrespreisträger Reto Finger geht der Kleistförderpreis mit dem 24-jährigen Dirk Laucke in diesem Jahr an einen deutlich jüngeren Nachwuchsautor. Geehrt wird mit dem Hallenser außerdem ein Vertreter jener ostdeutschen Generation, die allgemein als „verlorene Generation“ oder „Generation ohne Perspektive“ bezeichnet wird.

Gemeint sind damit diejenigen Nachwende-Kinder, die vor dem politischen Umbruch schon die Schule besuchten, doch ihren weiteren beruflichen Weg allein gehen mussten. Eine Stimme im Theater bekommt diese Generation in den Stücken Thomas Freyers. „Bei der Nachwendegeneration brennt was unter den Nägeln und genau das muss jetzt raus“, sagt der zurückhaltende Geraer. In seinem ersten Stück „Amoklauf, mein Kinderspiel“, womit der 25-Jährige im Mai beim Theatertreffen-Stückemarkt gewann, kommt dem Zuschauer dann auch die geballte Wut der gesamten Generation entgegen. Fast schon verstörend wirken die Handlungen der Protagonisten E, T und C: „Headshot“, und dann wird abgedrückt.

Seine drei Figuren besitzen keine Identität, sondern funktionieren als reine Textlieferanten, die während des Stückes beständig ihre Rollen tauschen. Sie begehren auf: einerseits gegen die Lehrer, deren Köpfe noch tief in der Stasi-Vergangenheit stecken, und andererseits gegen die resignierte Haltung ihrer Eltern während der Wendezeit. Deren Revolution habe gerade mal bis zur Einführung der D-Mark gereicht, sagt Freyer. Doch es klingt nicht nach einem Vorwurf, sondern eher nach dem Wunsch, sich im Gespräch mit den Eltern mit der gemeinsamen Vergangenheit auseinanderzusetzen. „Ich begreife es eher als Spurensuche der Nachwendegeneration“, sagt der Träger des BDI- Dramatikerpreises.

Diese Suche setzt Freyer auch in seinem zweiten Stück „Separatisten“ fort, welches im kommenden April im Gorki Studio uraufgeführt werden soll. In diesem Stück besetzen die Protagonisten eine vom Abriss bedrohte Plattenbausiedlung. „Die Bewohner wehren sich gegen die Wegnahme eines Teils ihrer Biografie“, erklärt der Geraer, der ebenso wie sein ehemaliger UdK-Kommilitone Dirk Laucke im Plattenbau aufgewachsen ist. Auch in dessen Stücken spielt die Plattenbausiedlung eine wichtige Rolle: „Für mich ist die Platte ein prägnantes Bild für eine aussterbende Gegend, in der die Leute keine Hoffnung mehr haben.“

Die Zukunft der beiden ostdeutschen Dramatiker ist hingegen alles andere als hoffnungslos. Denn sowohl Freyers Dramatikerpreis des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) als auch Lauckes Kleistförderpreis sind verbunden mit der Aufführung eines ihrer Stücke. „Ich sehe die nächsten zwei Jahre rosig, bin mir aber bewusst, dass es schnell zu Ende sein kann“, sagt Freyer. Ebenso skeptisch ist Förderpreisträger Laucke. „Das ich jetzt eine zumindest finanzielle Perspektive habe, ist erst mal gut, ob das etwas Längerfristiges ist, weiß ich jetzt noch nicht“, so der UdK-Student.

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