Kultur : Das süße Gift des Untergangs

„Roman mit Kokain“: ein Geniestreich des lange unerkannten russischen Schriftstellers M. Agejew.

Gisa Funck

Geben wir es ruhig zu: Wir lieben den glorreich scheiternden Helden. Glück haben und gewinnen kann schließlich jeder. Aber grandios zugrunde gehen? Das kriegen nur die Besten hin. Und genau das macht den Charme vieler russischer Romanhelden des 19. und frühen 20. Jahrhunderts aus. Für diese selbstzerstörerischen Erfolgsmelancholiker gibt es im Russischen sogar einen Fachausdruck.

Man nennt sie „lischnij tschelowek“ – „überflüssige Menschen“, angefangen bei Puschkins Eugen Onegin über Lermontows gelangweilten Zyniker Petschorin bis hin zu Gontscharows trägem Oblomow. Auch Wadim Maslennikow, den jungen Ich-Erzähler von „Roman mit Kokain“, kann man ihnen zuordnen. Hat der Moskauer Gymnasiast und spätere Jurastudent am Vorabend der Revolution doch eigentlich die besten Voraussetzung, um ein bürgerliches Leben zu führen.

Wadim kommt als Sohn einer alleinerziehenden Mutter zwar nicht aus reichen Verhältnissen. Doch er ist jung, intelligent und charmant – und zudem so attraktiv, dass ihm bereits mit 15 Jahren der Ruf eines Mädchenschwarms vorauseilt. Kurz: Wadim wäre beneidenswert, hätte er nicht jenen Spleen, sich die schönsten Momente selbst kaputtzumachen. Das zeigt sich bereits zu Anfang, als der Schüler die hübsche Sinotschka zu einer Schlittenfahrt einlädt. Kaum losgefahren, erfasst ihn der Überdruss. „Das war merkwürdig in meinem Leben. Fühlte ich Glück“, sinniert Wadim, „so genügte es, daran zu denken, dass es nicht von Dauer war – da endete es auch schon. Das Glücksgefühl endete nicht, weil die äußeren Umstände, die dieses Glück begünstigten, verschwanden, sondern allein kraft der Erkenntnis, dass diese äußeren Umstände überaus bald und unbedingt verschwinden würden.“

Was nach nihilistischer Pose aussieht, erweist sich als handfeste Bindungsunfähigkeit, die man heute wahrscheinlich als narzisstische Persönlichkeitsstörung bezeichnen würde. Wadim kann nämlich auffallend schlecht Zuneigung ertragen. Er möchte als „schneidiger“ Bursche gelten. Daher trainiert er sich jede Weichheit ab und behandelt insbesondere Frauen respektlos. Mit Sinotschka geht er ins Stundenhotel, obwohl er weiß, dass er ansteckende Syphilis hat. Von der Haushälterin erpresst er den letzten Notgroschen. Und seine alte, kränkelnde Mutter verleugnet er vor Kameraden, weil er sie „jämmerlich“ findet. Auch wenn Wadim seine Untaten hinterher stets bitter bereut: Er bleibt ein Getriebener, der von der Lust am „Widerlichen“ nicht loskommt.

Kein Wunder, dass „Roman mit Kokain“ bei der Erstveröffentlichung 1936 in einem Pariser Exilverlag für einen Skandal sorgte. Noch heute liest sich das nun erstmals ins Deutsche übersetzte Meisterwerk verstörend zeitlos. Das verdankt sich auch der radikalen Innensicht des Helden. Schonungslos gibt Wadim seine geheimsten Gedanken und Gefühle preis. Dem Kokain verfällt er just in dem Moment, als er sich das erste Mal wirklich verliebt hat. Nach diversen Affären trifft er die selbstbewusste, verheiratete Sonja: nach vielen Huren seine Heilige. Worauf prompt all jene abgespaltenen Empfindungen hervorbrechen, die der Draufgänger vorher so hartnäckig unterdrückt hat. Vor lauter „zärtlicher Verehrung“ hat er plötzlich Potenzprobleme.

Der Erotomane Wadim ist ein psychopathologischer Fall, der beispielhaft für eine Dekadenzgesellschaft steht. Das Kokain macht ihn nur noch launischer, noch egozentrischer, noch skrupelloser – auch als Erzählinstanz. Liest sich sein Bericht bis über die Hälfte stringent, gehen Wahn und Wirklichkeit danach ineinander über. Hier entwickelt Wadim auch eine interessante Seelentheorie des Tragischen, die der Psyche eine paradoxe „Schaukelbewegung“ attestiert.

Gerade indem der Mensch sich zu edelsten Absichten aufschwinge, könne er überhaupt erst zur Bestie verkommen. Und während der Süchtige darüber seitenlang nachgrübelt, bemerkt er gar nicht, wie unter seinem Fenster eine Revolution stattfindet. In der neuen Gesellschaft des sowjetischen Tatmenschen aber ist für den „Verderbten“ kein Platz mehr. Ein zum Politkommissar aufgerückter Klassenkamerad verweigert Wadim am Schluss die lebensrettende Therapie.

Was für ein literarischer Geniestreich! Die Fachwelt hat lange gerätselt, wer wohl hinter dem Pseudonym M. Agejew steckt. Inzwischen gilt als sicher, dass ein gewisser Mark Levi den „Roman mit Kokain“ geschrieben hat. Ein Nobody, der nie wieder schriftstellerisch in Erscheinung getreten ist. Auch Levi, Sohn eines jüdischen Pelzhändlers, besuchte im vorrevolutionären Moskau das Humanistische Gymnasium. Wie Wadim machte er Kokain-Erfahrungen, allerdings im Berlin der zwanziger Jahre.

Dorthin war der Übersetzer, der neun Sprachen beherrscht haben soll, wahrscheinlich im Auftrag des russischen Geheimdienstes gereist, um Emigranten auszuspionieren. 1933 floh er vor den Nazis nach Istanbul. Dort war er vermutlich am Bombenattentat auf die deutsche Botschaft 1942 beteiligt und nahm schließlich eine Dozentur an der armenischen Universität in Eriwan an, wo er Deutsch unterrichtete. Den Erfolg seines einzigen Romans hat er nicht mehr erlebt. Levi starb 1973 mit 75 Jahren; zehn Jahre, bevor sein „Roman mit Kokain“ in Paris 1983 wiederentdeckt und ein Überraschungsbestseller wurde. Gisa Funck

M. Agejew: Roman mit Kokain. Aus dem Russischen von Valerie Engler und Norma Cassau. Mit einem Nachwort von Karl-Markus Gauss. Manesse, Zürich 2012. 256 Seiten, 22,95 €.

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