David Garrett : "Ich geige gegen den Wind"

Er war ein Wunderkind der Musik. Nun will er junge Leute für Klassik begeistern. Ein Gespräch mit David Garrett.

Garrett
David Garrett -Foto: dpa

Herr Garrett, welches sind die Köder, die Sie auswerfen, um die „Generation Klingelton“ mit Ihren Klassikkonzerten zu erreichen?



Das ist doch klar: Junge Leute kommen, weil sie mich im Fernsehen gesehen haben oder weil sie meine Crossover-Stücke mögen. Die hören sich dann ein Klassikkonzert an und sind nicht etwa enttäuscht, sondern freuen sich über diese großartige Musik. Insofern macht das Ganze, was ich in den letzten Monaten aufgezogen habe, echt Sinn.

Das klingt nach einer Erfolgsspirale – und nach wachsendem Druck.

Ich habe immer Druck empfunden, insofern ist das für mich nichts Neues. Ich glaube, dass als Musiker die größte Belastung immer von einem selbst ausgeht. Entweder man will auf hohem Niveau spielen – und das war stets mein Ziel – oder man will es nicht. Ich motiviere mich täglich neu und baue positiven Druck auf. Erfolge oder Misserfolge von außen machen für mich überhaupt keinen Unterschied.

Prompt empfängt das Feuilleton Sie nicht gerade mit offenen Armen.

Nicht, dass ich deshalb schlechter oder besser spielen würde, aber eins weiß ich: Schlechte Kritiken machen es nicht leichter, auf die Bühne zu gehen. Einfach deshalb, weil solche Angriffe, ehrlich gesagt, schon manchmal ein bisschen am Selbstbewusstsein kratzen. Davor kann man sich auch schwer schützen kann. Ich wünschte mir immer, darüber zu stehen, vor allem, wenn die Vorwürfe, die man mir macht, ungerechtfertigt sind. Aber ich weiß natürlich, dass die Leute ins Konzert gehen und sagen: Hier spielt doch der, der diese Crossover-Geschichten macht, der kann ja kein Weltklasse- Geiger sein.

Wie gehen Sie mit diesem Klischee um?

Für mich bedeutet das, dass ich mich dagegen behaupten muss. Es ist doch so: Wenn dieselben Leute das Konzert eines Solisten besuchen, der einhellig anerkannt ist, gehen sie schon mit der entsprechenden Erwartung rein, dort auch Erstklassiges zu hören. Das ist eine ganz andere Haltung. Ich dagegen muss gegen den Wind geigen, und das ist manchmal echt schwer. Die Künstlerseele sucht ja immer nach Akzeptanz.

Im Klassikmarkt tritt der Künstler mit seiner Person zunehmend mehr vor die Musik. Welche Konsequenzen hat das für Sie?

Als Künstler habe ich dem Publikum in erster Linie Qualität zu bieten. Das ist meine Verantwortung, und die trage ich auch gern. Es war zum Beispiel meine Idee, Mendelssohns Violinkonzert aufzunehmen, obwohl man mir seitens der Plattenfirma eher nahegelegt hatte, mehr Crossover zu machen. Das ist mir in einem solchen Fall dann völlig egal. Ich bin ein Klassik-Künstler, und es war immer meine Vision, über die Grenzen zu gehen. Ich wollte diese Zweigleisigkeit von Anfang an, also immer in Richtung Fritz Kreisler gehen. Und da lasse ich mir auch von niemandem reinreden.

Betrachten Sie das als Bildungsauftrag?

So hochtrabend würde ich das nicht formulieren, manche Dinge sind auch ganz profan. Einem Menschen, der mit klassischer Musik bislang nichts zu tun hatte, muss ich erklären, dass David Garrett nicht unbedingt alleine auftritt und spielt, nur weil sein Name auf dem Plakat größer gedruckt ist als der Name Mendelssohns. Apropos Bildungsauftrag: Natürlich ist Musik wichtig, egal, ob Klassik, Rock oder Jazz. Es ist ein Riesenfehler, den Musikunterricht in den Schulen so zu vernachlässigen, wie das heute geschieht. Ich verstehe das nicht: Die Jugendlichen sehnen sich doch danach, irgendetwas Sinnvolles in ihrer Freizeit zu tun. Mich selbst hat Musik immer ausbalanciert. Wenn ich zu Hause Stress mit meinen Eltern hatte oder es in der Schule Ärger mit den Klausuren gab, hat die Musik mir immer geholfen. Musik ist etwas, das die Seele wieder ausgleicht.

Neuerdings wird beklagt, dass den Jungen die männlichen Identifikationsfiguren abhanden kommen. Können Stars wie Sie eine solche Vorbildfunktion übernehmen?

Sagen wir so: Ich passe auf. Wenn ich auf einer Charity-Veranstaltung gespielt habe und hinterher noch fotografiert werde, dann habe ich sicher kein Bierglas in der Hand. Bei solchen Kleinigkeiten fängt es doch an. Da muss man schon weiterdenken. Andererseits muss man natürlich authentisch bleiben. Die Musik, die ich mache, hat ausgesprochen viel mit meiner Person, mit mir als Mensch zu tun. Warum sollte ich mich im normalen Leben also verbiegen?

Sie waren mit 13 Jahren schon Jungstar bei der Deutschen Grammophon und sind dann zu einer zweiten, ganz anderen Karriere aufgebrochen. War das so leicht?

Insofern, als ich überhaupt keine Lust mehr hatte, so weiterzumachen: Ja. Ich hatte das Gefühl, ich stehe mit dem Rücken zur Wand und muss diese Wand durchbrechen. Dabei war mir gar nicht richtig bewusst, dass das so eine entscheidende Lebenssituation war und dass ich so eine wichtige Weiche gestellt habe.

Haben Sie immer an den Erfolg geglaubt?


Ja, ich denke, ich habe immer an den Erfolg geglaubt.

Wie finden Sie den künstlerischen Nullpunkt, den Abstand, um ein Werk wieder neu zu spielen und zu hören?


Ich glaube, dass sich die Musik in einem immer weiterentwickelt, wenn man ernsthaft arbeitet. Und indem man ein Stück in sich jedes Mal wieder neu entdeckt, kann man es auch wieder interessant gestalten. Das ist wie ein gutes Buch, was du noch mal liest und dann sagst, Menschenskinder, die Stelle ist ja traumhaft, die habe ich das letzte Mal total verpasst oder da habe ich zu schnell drüber weggelesen.

Gibt es Musik, die Sie nie spielen würden?

Die Antwort ist jetzt politisch sehr korrekt, aber Musik mit ausländerfeindlichen, brutalen oder rassistischen Texten ist für mich nicht akzeptabel. Ich bin schon als kleiner Mensch zu viel durch die Welt gereist, um nicht zu wissen, dass es überall schlechte und gute Menschen gibt und das nichts mit Religion, Hautfarbe oder was anderem zu tun hat. Musik darf nie aggressiv sein. Musik ist etwas, das dich runterkriegt vom Alltag. Und der Alltag ist schon aggressiv genug. Jeder muss um seinen Job und viele Sachen kämpfen. Da ist es schlecht, wenn Musik dich dann noch aufstachelt.

Und bei der klassischen Musik?

Wenn ich im klassischen Bereich jetzt sagen würde, das eine oder andere liegt mir momentan nicht, heißt das nicht, dass es mir morgen oder übermorgen nicht vielleicht doch gefällt. Das ist ein Prozess. Ich will mich ja entwickeln. Irgendwann kommt man dann mal zusammen mit einem Stück – und es passt. Oder auch nicht.

Ihre neue CD heißt „Classical Romance“. Ein ziemlich schnulziger Titel.

Das finde ich überhaupt nicht! Die Leute müssen doch wissen, was sie kaufen. Es ist zum Beispiel das Violinkonzert von Mendelssohn darauf, die Zigeunerweisen von Sarasate, Stücke von Dvorák und Rachmaninov. Es hat mir außerdem viel Spaß gemacht, einige Stücke für Sinfonieorchester neu zu arrangieren. Und da sind wir wieder bei Fritz Kreisler, der solche Sachen ebenfalls gemacht hat. Ich bin auf langfristigen Erfolg aus, auf Substanzielles. In diesem Sinne habe ich mich mit meiner CD sozusagen für die nächsten Jahrtausende festgelegt.

Das Gespräch führte Burkhard Schäfer.

David Garrett, 1981 als Sohn eines Juristen und einer Primaballerina in Aachen geboren, ist der Popstar unter den Geigensolisten. Mit vier Jahren bekam er seine erste Geige, bereits mit zehn Jahren trat der Schüler von Zakhar Bron und Ida Haendel als Wunderkind auf, mit 13 nahm ihn die „Deutsche Grammophon“ unter Vertrag.

Nach einem Studium an der New Yorker Juilliard School kehrte er mit Crossover-Programmen auf die internationalen Konzertpodien zurück. Garrett ist Preisträger des Echo Klassik und steht als „schnellster Geiger der Welt“ im Guinness-Buch der Rekorde (65,26 Sekunden für den Hummelflug von Nikolai Andrejewitsch Rimski-Korsakow).

Heute Abend um 20 Uhr spielt Garrett in der Deutschen Oper ein Konzert mit dem Titel „Frankreichs Einflüsse auf Richard Wagner“, mit Musik von Massenet und Chausson. Mit im Orchester sitzen junge Unternehmer, die im Anschluss mit Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Kultur und Politik diskutieren: „Welche Bedeutung haben Kultur und Werte für Führungskräfte? Über Werte im beruflichen Alltag“.

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