Kultur : Der einäugige König

Im Zweiten Weltkrieg entging er nur knapp dem Erschießungskommando, 1958 lehnte er einen Ruf nach Harvard ab. Peter Wapnewski stieg im Nachkriegsdeutschland zu einem prägenden Intellektuellen auf und brachte das Mittelalter auf die Bestsellerlisten. Jetzt ist der große Germanist mit 90 Jahren in Berlin gestorben.

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Prägender Intellektueller des Nachkriegsdeutschland. Peter Wapnewski (7. 9. 1922–21. 12. 2012) bei einer Preisverleihung im Jahr 2003. Foto: Uwe Steinert
Prägender Intellektueller des Nachkriegsdeutschland. Peter Wapnewski (7. 9. 1922–21. 12. 2012) bei einer Preisverleihung im Jahr...

Da er „kein Genie“ sei, müsse er „Pedant“ sein, so bat er um Nachsicht für seine Akribie. Und wer nicht auf der Hut war, dem entging, dass beide den gleichen Anspruch erheben: den des Außerordentlichen. Für beide gilt: Es ist die Faszination durch das Detail, das sie produktiv macht. Nur Dilettanten lassen sich „hinreißen“. Und außerordentlich waren sie ja, die weit über Peter Wapnewskis eigentliches Fach, die Alte Germanistik, hinausgreifenden Arbeiten und die wechselnden Stationen seines Lebens, das 1922 in Kiel begonnen hatte.

Die Zeit heilt alles, nur keine Wunden. „Aber“, suchte ein ihn ein ebenso blessierter Kriegskamerad zu trösten: „Einäugige sehen tiefer und schärfer.“ Das war im Herbst 1942 im Berliner Westend, Reservelazarett 101, Abteilung 17 (Augen) am Spandauer Damm. Nun standen sie hintereinander, zum Essenfassen in der Reihe, gleiche Kleidung, beide einen Verband über dem Auge, das Essbesteck in der Hand. „Die Kunst geht nach Brot“, kalauerte der Gefreite Wapnewski. Und der angesprochene Horst Lange, durch Prosa und Gedichte bereits ausgewiesener Autor, wurde für Wapnewski zum ersten Wegweiser in die Literatur und zu den Vertriebenen: zu Heinrich und Thomas Mann, zu Georg Heym, den Expressionisten, zu Kafka und Freud.

Und während Peter Igelhoff allabendlich im Radio den Rückzug der Nation aus den Welteroberungsfantasien besang („In meiner Badewanne bin ich Kapitän ...“), tat der gerade Zwanzigjährige die ersten Schritte in jenes Reich der Verbannten. Bis sich eines Kriegswinterabends in „Johnny’s Bar“ am Ku-Damm sein Abscheu Bahn brach. Weithin hörbar prophezeite er, der „Ehrenbürger der Nation“ – so die vollmundige Phrase für die Verwundeten – dem Regime Scheitern und Untergang. Der Denunziation folgte die Anklage wegen Wehrkraftzersetzung. Vorbestimmtes Urteil: Tod durch Erhängen. Dass der Denunziant fiel, die Gerichtsakten teilweise verbrannten, dass der Gerichtsherr, Generalleutnant von Hase, der nach dem 20.Juli enthauptet wurde, es vielleicht nicht so eilig hatte – das Telegramm „Verfahren eingestellt“ bleibt ein wortkarges Wunder.

Die spätere Karriere, die 1957 in Heidelberg begann und über Berlin und Karlsruhe wieder nach Berlin führte, die ihn zum Gründungsrektor des Wissenschaftskollegs, zum Ehrensenator der Freien Universität, zum Vizepräsidenten des Goethe-Instituts , zum Träger des Sigmund-Freud-Preises für wissenschaftliche Prosa und zum Mitglied der Berliner Akademie der Künste machte, scheint angesichts seiner Brillanz nur angemessen und kaum ‚außerordentlich’.

Wäre da nicht deren Beginn. 1958 erreichte den 35-jährigen Heidelberger Privatdozenten die Einladung zu einem Gastsemester in Harvard. Die ruhmreiche Universität, die sich der Devise „Simply the best“ verpflichtet wusste, suchte einen Nachfolger für ihren frei werdenden Lehrstuhl für deutsche Literatur. Als das Semester vorüber war, am Tag vor Wapnewskis Rückreise, klingelte im New Yorker Hotelzimmer das Telefon. Am Apparat der Dean der Fakultät, der später als Sicherheitsberater Kennedys berühmt gewordene George McBundy: Man habe beschlossen, den Heidelberger Privatdozenten auf den Lehrstuhl zu berufen. Das war die ehrenvollste Berufung, die in der Welt seiner Wissenschaft zu vergeben war. Um so ungeheuerlicher, dass der Privatdozent aus dem armen Nachkriegsdeutschland ablehnte. Zu groß war die Besorgnis, es möge ihm „unheimelig“ werden vor einem Auditorium, dem Hekabe letztlich doch wohl Hekuba bleiben würde.

„Simply the best“ aber löste er ein. Aus einer heute kaum mehr nachvollziehbaren Bildungsfülle resultierten Peter Wapnewskis Arbeiten zu Walter von der Vogelweide, dessen Gedichte er neu übersetzt und mit 200 000 verkauften Exemplaren auf die Bestsellerliste brachte, Darstellungen der großen Epen des Mittelalters, die er der teutonisierenden Einvernahme durch die Nazis entriss, Versuche über Goethe, Rilke, Thomas Mann, Horváth, Josef Roth, Frisch, Johnson, den fast vergessenen Emigranten Hans Sahl und andere. „Zumutungen“ nannte er seine Essays zur Literatur des 20.Jahrhunderts, weil Kunst immer Zumutung sei: „Wo sie zur Unterhaltung verkommt, verrät sie ihren Anspruch.“ Mit eben diesem Anspruch trat er auch ein für die Kunst der Neuen Wiener Schule, für die Komponisten Rihm und Reimann, für Ligeti oder die Zeitkritik Luigi Nonos.

Dass er der erfolg- und folgenreichste Wagner-Interpret seiner Generation war, ohne den das „Neue Bayreuth“ bis heute nicht zu denken wäre, gilt als ausgemacht. Hinzu kommen seine Einführungen in die Mittelhochdeutsche Lyrik, in die Opern Wagners, die CDs im Hörverlag, Texte über Nietzsche, Hunderte von Artikeln in den wichtigsten Zeitungen der Republik – und seine Auseinandersetzung mit der Hochschulpolitik in Berlin und andernorts. Nicht ohne Misstrauen beäugte ihn da die Zunft. Ein Germanist, schlimmer, ein Alt-Germanist, der sich in das Tagesgeschäft des zeitgenössischen Literaturbetriebes einmischt? Eine für deutsche Usancen befremdliche Besonderheit.

Er sei, hieß es, einer „der prägenden Intellektuellen des Landes“. Marcel Reich-Ranicki räumte ein, er habe ihn in jedem seiner Beiträge „belehrt“, und die „Zeit“ dekretierte: „Wer Bildung denkt, denkt Wapnewski.“ Er selbst charakterisierte seine Bestimmung so: „Humboldts Bildungskonzept, wie es auf die bestmögliche Weise zu verwirklichen die Universität den Auftrag hat, bestimmt sich durch die leidenschaftliche Überzeugung, dass in höherem Maße seine humanen Möglichkeiten erfülle, wer die gelehrt-ästhetische Erziehung durchlaufen hat an der Erforschung eines der Erkenntnis würdigen Gegenstandes.“ Für die materialistische Hoffart der Achtundsechziger freilich war diese protestantische Ethik des Lehrens und Lernens so „reaktionär“, dass sie ihn, den „liberalen Scheißer“, mit Drohungen und Stinkbomben aus der Freien Universität vertrieben.

Dann freilich, 1980, bei seiner überraschenden Rückkehr nach Berlin als Rektor des neu zu gründenden Wissenschaftskollegs, hieß es: Man hätte keinen Besseren finden können. Das piefige Berlin habe ihn bitter nötig. Und wenn anfangs auch milder Spott („König Artus und seine Tafelrunde“) und konkurrierende Eifersucht den elitären Anspruch der neuen Institution begleitete – es war doch immerhin König Artus, der zum Vergleich herhalten musste. Die Auswahl der ersten Fellows, unter ihnen Gershom Scholem aus Israel und Györgi Konrád aus Budapest, belegte seine institutionelle Fantasie und seine bildungspolitische Weitsicht, die der großen Stadt, der damals östlichsten Metropole West-, und der westlichsten Metropole Mittel- und Osteuropas, die ihr gemäße Rolle zurückzugeben suchte.

Ein schneematsch-grauer Dezemberabend des Jahres 1996 in einer kleinen Dahlemer Buchhandlung. Die Besucher auf und zwischen den wenigen Stühlen hockend, in die Lücken zwischen den Bücherstapeln gezwängt, bemüht den Rinnsalen der Regenschirme und Gummigaloschen auszuweichen. Wapnewskis Stimme erhebt sich, spricht die „Tristan“-Verse von Liebe und Verhängnis und den schweren Wunden, die die Erfüllung schlägt, so wie sie vielleicht einstmals „gesungen“ worden waren: „waz ist – waz wâr minne?“ Wapnewski erzählt, wie durch diese Liebenden das mittelalterliche Gefüge des christlich-theologischen Kosmos aus den Fugen geriet, so dass es sie schließlich ruinieren muss, er markiert die Differenzen zwischen dem „Tristan“-Dichter und dem „Tristan“-Wagner und dessen, des „traurigen Gottes“, unerbittlichem Mitleid.

„Wer ihn hört, macht eine eigentümliche Erfahrung: Man kann keines seiner Worte vergessen und keinen seiner Sätze wiederholen“, bemerkte Wolf Lepenies, Wapnewskis Nachfolger als Rektor des Wissenschaftskollegs. Aber ging es darum? War es das, war es die Meisterschaft dieses Scholarchen, die Souveränität der Unterweisung, was so viele bis hin nach Chicago, wo er vor über dreitausend Hörern in den „Ring des Nibelungen“ einführte, in den Bann schlug?

Wurden da nicht vielmehr die Hörer eingeladen, sich dem Bereich der eigenen, halb gewussten, halb geahnten Einsichten, Erfahrungen, Erkenntnisse zu nähern und sie mit einem höheren Grad von Klarheit und Genauigkeit zu versehen? Also nicht: mehr über etwas zu lernen, sondern mehr von sich selbst zu erfahren? Und wurde da nicht von einem, der streng auf den Regeln der Wissenschaft bestand, die von der Spätaufklärung eingebrockte Vertreibung der Künste aus den Wissenschaften wenigstens für die Dauer seiner Rede rückgängig gemacht? Die Kunst heimgeholt an die Seite der verschwisterten Wissenschaft, so dass sich, einer Offenbarung der Einheit ähnelnd, ein Gefühl wortlosen Glücks einstellte?

Befragt, warum er angesichts der drangvollen Enge in jener kleinen Dahlemer Bücherei den Vortrag nicht in der Deutschen Oper halte, die habe schließlich den „Ring“, „Tristan“ und „Parsifal“ im Repertoire, zudem sei er ja mit dem Intendanten befreundet, kam die Antwort: „Eben deshalb kann ich ihn doch nicht fragen. Freunde instrumentalisiert man nicht.“ Grandseigneurale Zurückhaltung. Stolze Misanthropie und pessimistische Humanität, in der Schwebe gehalten durch Ironie als Technik des scharfsichtigen, doch nicht gütelosen Spottes, der nie Hohn wird, sondern eher Mitleid. „Du sollst nicht töten. Du sollst lebendig machen“ – sein, des Agnostikers, erstes Gebot.

Einmal, nach seiner Laudatio für Vicco von Bülow (Loriot), die mit Standing Ovations endete, sagte er: „Ich wollte noch einmal deutlich machen, was dieses so verhunzte Instrument, was die Sprache vermag.“ Man kann seiner Sprache nachsinnen in den zwei Bänden seiner Erinnerungen „Mit einem anderen Auge“. Sie sind beseelt und geprägt von dem Anspruch einer „Sache“ die ihr innewohnende, die ihm äußerst mögliche Form zu geben, sie zum Ende zu bringen. Für den geborenen Kieler die nüchterne, die norddeutsche Variante des Vollendens. Deren Form prägte sein Bild vom Menschen. Am Freitagabend ist Peter Wapnewski nach langer, schwerer Krankheit mit 90 Jahren in Berlin gestorben.

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