Kultur : Der Evoluzzer

Liebe zur Mehrstimmigkeit: Zum Tod des Posaunisten und Jazz-Botschafters Albert Mangelsdorff

Gregor Dotzauer

Abgesehen von Goethe, hat einmal jemand behauptet, sei er Frankfurts berühmtester Künstlersohn. Und obwohl Superlative nicht seine Art waren, lassen sie sich mühelos erweitern. Albert Mangelsdorff war Deutschlands prominentester Jazzmusiker. Und wenn man nach all den nachrückenden Talenten, die seit seinen ersten Auslandstourneen Anfang der Sechzigerjahre die internationalen Bühnen bevölkern, in der großen weiten Welt nach einem Namen fragen würde, wäre er noch immer erste Wahl.

Mangelsdorff war der Jazz-Botschafter eines Landes, mit dem zumindest in Amerika sonst kaum jemand musikalisch gerechnet hätte, im Gepäck ein Instrument, mit dem man trotz langer Tradition im Jazz nicht so einfach Begeisterungsstürme entfacht: der Posaune. Mangelsdorff brachte sie dazu, Töne von sich zu geben, für die sie eigentlich nicht geschaffen war. Mehrstimmigkeit hieß das Programm, das er ihr schließlich verordnet hat: ein Ton gespielt, ein zweiter gesungen – und mindestens drei gehört. In kantigen Bop-Floskeln purzelten diese multiphonics durch kammermusikalische Rendezvous mit Freunden wie dem Pianisten Wolfgang Dauner oder dem Altsaxofonisten Lee Konitz und durch Bigband-Arrangements. Wer nur zwei, drei Takte davon hörte, wusste: Hier ist Mangelsdorff am Werk.

Dabei war die Posaune anfangs für ihn nur ein Hobby. Mangelsdorff, am 5. September 1928 als zweites Kind eines Buchbinders geboren – sein drei Jahre älterer Bruder Emil hielt sich ein Leben lang an Flöten und Saxofone – begann als Gitarrist und Geiger. Er spielte zum Tanz auf im Frankfurter Stadtteil Eckenheim, übernahm nach dem Krieg eine erste Stelle als Rhythmusgitarrist der Otto-Laufner-Bigband, die durch die einschlägigen GI-Clubs tourte. Aber Ende 1947 gab es für ihn kein Halten mehr. Er besorgte sich eine Posaune und ging bei Fritz Stähr, dem Soloposaunisten der Städtischen Oper, in die Lehre.

Stähr war für ihn die Autorität in Sachen Technik; stilistisch träumte er von den geschmeidigen Cool-Jazz-Rasereien des Pianisten Lennie Tristano. Und auch sie blieben nur der Ausgangspunkt für eine Reise durch viele Jazzwelten, zwischen denen er sich munter hin- und herbewegte. Mit seinem eigenen Quintett, zu dem unter anderem der Saxofonist Heinz Sauer und der Bassist Günter Lenz gehörten, schuf er 1964 nach einer Asientour auf dem Album „Now Jazz Ramwong“ den ersten deutschen Ethno-Jazz mit modaler Grundlage. Später ließ er mit Peter Brötzmann und dem Globe Unity Orchestra den Free-Jazz-Wüterich von der Kette, soweit er in seiner hessischen Bedächtigkeit dazu in der Lage war. Er spielte swingenden Mainstream. Und mit dem United Jazz & Rock Ensemble tummelte er sich jahrelang erfolgreich in der Fusion-Ecke. Mit dieser Kenntnis war er auch in der Lage, Programme zu konzipieren: In den Neunzigern leitete er das Berliner Jazzfest – bis zum Jahr 2000.

Musikalisch funktionierte er in den unwahrscheinlichsten Zusammenhängen. Selbst wenn er zum „Trilogue“ mit einem harten Funkschlagzeuger wie Alphonse Mouzon und einem Derwisch des elektrischen Basses wie Jaco Pastorius antrat, der Flageolettfeuerwerke über Mangelsdorffs polyphone Linien regnen ließ, prägte er der Musik seinen unverwechselbaren Sound auf. Seine wahre Domäne aber waren die Solokonzerte. Anfang der Siebzigerjahre, zu einer Zeit, als allein auftretende Bläser bestenfalls als Spinner durchgingen, entwickelte er seine „Tromboneliness“, wie eine Platte von ihm heißt, zu einer Meisterschaft, mit der er locker einen ganzen Abend bestritt. Die Bewunderung seiner Kollegen wie die des Publikums war ihm gewiss.

Wenn eines neben all den Orden, Preisen und Verdienstkreuzen, die man ihm umgehängt hat, seinen Rang hervorhebt, so war es die Wahl zum weltbesten Posaunisten im Critics Poll der führenden amerikanischen Jazz-Zeitschrift „Downbeat“ im Jahr 1980. Inzwischen haben Ray Anderson, Steve Turre und Josh Roseman seinen Platz eingenommen. So wenig sie ihn stilistisch beerben, könnte doch keiner von ihnen behaupten, dass sie ohne Mangelsdorff im Ohr so spielen würden, wie sie es tun.

Unter den Posaunisten war er vielleicht kein Revoluzzer, aber ein entscheidender Evoluzzer, wie ihn Dieter Glawischnig, der Chef der NDR-Bigband einmal genannt hat. Sein Ausdruck blieb radikal persönlich. Man kann es nur als Ehre ansehen, dass er für sein mehrstimmiges Spiel, für das er immer wieder warb, keine Schüler gefunden hat.

Gestern ist Albert Mangelsdorff im Alter von 76 Jahren in seiner Heimatstadt Frankfurt am Main gestorben.

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