Der Fotograf Andreas Mühe : Ein Bild von einem Land

Andreas Mühe fotografiert die Macht. Von den Nazis über die Häuser der DDR-Oberen in Wandlitz bis hin zu Angela Merkel. Jedes Foto irritiert.

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Fotografie als Politik. Andreas Mühe arbeitet sich an Deutschland ab.
Fotografie als Politik. Andreas Mühe arbeitet sich an Deutschland ab.Foto: Mike Wolff

Andreas Mühe befindet sich in seinem Atelier, am Telefon und in einem Zustand, den es für die meisten Fotografen gar nicht mehr gibt: Die Bilder sind gemacht, aber der Fotograf hat das Ergebnis noch nicht gesehen. Mühe weiß noch nicht, wie nahe er an das Bild, das er im Kopf hatte, herangekommen ist. Aber jetzt ist es dringend. Ob an diesem Nachmittag noch jemand in Berlin Kontaktbögen printen kann?

Es war Vollmond in der letzten Woche der Herbstferien Ende Oktober. Der Fotograf war an der Ostsee und sein eigener Darsteller. Zudem war er vollkommen nackt. 100 Meter entfernt saßen ein paar Nachtangler, „das machte mich fertig“. Aber es musste sein. Belichtungszeit zwei Sekunden. „Es war an der Zeit, etwas zu tun, was noch mehr ans persönliche Eingemachte geht.“ Die Serie Caspar-David-Friedrich-hafter Selbstporträts, textilfrei an der Ostsee, ist der neueste Coup des Fotografen Andreas Mühe.

Nacktheit fördert die Illusion, dass da einer alles zeigt und der andere alles sieht. Und trotzdem ist das Ganze inszeniert. Überhöht. Manipuliert. So wie jedes Porträt eine Illusion ist. Man glaubt ja nur, etwas über jemanden zu wissen, bloß, weil man vielleicht mehr gesehen hat als andere. In Wahrheit hat auch dort einer gezeigt, was er zeigen will, er hat dafür seine Techniken ausgespielt, eine Bildsprache, Zitate, einen Kontext. Die Bedeutung liegt irgendwo zwischen dem, was der eine zeigt und der andere sieht.

Bei Andreas Mühe sieht man, dass seine Bilder und seine Biografie auf zwingende Art mit dem Land verknüpft sind. Er hat zehn Jahre lang für große Magazine fotografiert und irgendwann etwas häufiger die Kanzlerin des wiedervereinigten Deutschland, bis man ihn zu seinem Ärger „Kanzlerfotograf“ nannte. Er hat sich die Nazi-Ästhetik vorgeknöpft und die Häuser der DDR-Bonzen in Wandlitz fotografiert. Er hat den Schauspieler Ulrich Mühe zum Vater, der mit seinem Film „Das Leben der Anderen“ ein Bild der DDR bis ans Ende der Welt getragen hat. Er ist 36 Jahre alt, er sitzt in der Fotografie-Jury des Nannen-Preises und sagt, Macht sei sein Thema. Ihre Inszenierung und Überhöhung.

Als Zehnjähriger mit Übermut zum Potsdamer Platz

Wer ihn besuchen will, muss am S-Bahnhof Wilhelmsruh erst ein Stück den Mauerweg entlanglaufen, direkt dahinter liegt das Industriegelände „PankowPark“ mit seinen Backsteinbauten. Andreas Mühe schätzt die Mischung von Gewerbe und Kunst und ordert nun in der höhlenartig schwarzen Kantine eine sächsische Kartoffelsuppe. Zeigen will er damit wahrscheinlich gar nichts, und trotzdem fällt einem natürlich sofort ein, dass Mühe im sächsischen Chemnitz geboren ist, das er beharrlich Karl-Marx-Stadt nennt.

Mühe, hieß es zuletzt in einer Ausstellung, sei Teil der dritten, also der letzten Generation Ost. Teil der Umbruchgeneration, die nur ihre Kinderjahre in der DDR verbrachte. „Was soll diese Zusammenrottung?“ dachte Mühe als Erstes. Ja, untereinander merken sie natürlich sofort, wenn gegenüber einer ist, der weiß, wovon er spricht, wenn es um die DDR geht, „aber warum soll das jetzt noch mal eine Generation sein“? Sie hatten die spezifischen Freiheiten von Kindern und mussten deshalb die fehlenden Freiheiten der Erwachsenen noch nicht vermissen. Es gab für sie ja noch keinen Vergleich. Höchstens Spurenelemente seien in ihm von der DDR noch vorhanden.

Aber hätten Spurenelemente eine solch durchschlagende Wirkung?

Als 1989 die Mauer fiel, war Andreas Mühe jedenfalls zehn. Die Wende traf zeitgleich mit dem biografisch bedingten Übermut aller Zehnjährigen ein. „Mit zehn, da fährt man ja schon Fahrrad.“ Die Eltern waren an ihren Theatern mit der Revolution beschäftigt. Die Mutter war die Regisseurin Annegret Hahn, sein Vater der bekannte Theater-Schauspieler, der jetzt mit dem größten Rollenwechsel seines Lebens zugange war. Und während der Vater den Film entdeckte, fuhr Andreas überall hin. Er und seine Freunde sausten vom Prenzlauer Berg den gefühlt irre weiten Weg bis hinunter zum Potsdamer Platz. Als andere in die Geschäfte gingen und im Westen nur Fülle sahen, blickte Andreas – in eine Wüste. Vor ihm erstreckte sich die feiste Leere des Potsdamer Platzes. Wahrscheinlich fiel noch nicht einmal ihm selber auf, dass sein Blick sich von anderen unterschied.

Der Umbruch des Landes fiel mit der Pubertät in eins, dieser Jedermann-Krise, in der einer sich von den Eltern löst. Als Andreas Mühe so weit war, fand die Ablösung von fast allem statt, was sein bisheriges Leben ausgemacht hatte. Mühe hatte ein ganzes Land mit schlagartig alt gewordenen Werten und Erwartungen zur Verfügung, von dem er sich befreien konnte. Mit einer Gruppe von Freunden trieb er durch die Stadt, niemand setzte Grenzen. Es kamen die Neunziger, der Stimmbruch, und dann war Mühe ein Mann.

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