Kultur : Der Juror und der Furor

Der ARD-Musikwettbewerb wird 60 – und kürt immer wieder großartige Preisträger

Mirko Weber
Foto: Promo
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Von weiter oben in der Münchner Philharmonie am Gasteig sah man die Köpfe vieler ARD-Programmgranden im Parkett, die wie gewohnt nach München zum großen Abschlusskonzert gekommen waren. Es nickt sich da sehr gut und einverständlich zu einer Einrichtung, die ihresgleichen sucht in der Musikwelt: dem vor nunmehr sechzig Jahren gegründeten Internationalen ARD-Musikwettbewerb. Nach zaghaften Nachkriegsanfängern in Frankfurt noch unter anderem Namen wanderte er 1951 dauerhaft nach München und ist eine Institution, wie Geschichten bezeugen, die im ausholend Erzählerischen immer gerne mit Jessye Norman, Thomas Quasthoff oder Christoph Eschenbach beginnen. Alle drei starteten in München ihre Karrieren.

Augenblicklich wird der ganz normale Teilnehmer unter vielen (in diesem Jahr waren es in den verschiedenen Wettbewerben knapp 500 Musiker) in einen höheren Rang befördert. Man kann einfach mehr aus sich machen. Nicht jeder allerdings bleibt seinem Fach treu: Iwan Rebroff aus Berlin-Spandau beispielsweise, ARD-Musikpreisträger von 1960, zog später die Kosakensänger- und namentlich die Milchmann-Rolle als Tevje in „Anatevka“ vor. Aber ein Sprungbrett war München allemal für ihn gewesen.

Dieses Jahr blieb es im Fach Klavier einem 23-jährigen gebürtigen Ukrainer vorbehalten, selbst arrivierte Hörer (und, siehe oben, Intendanten) zu bewegen, um das Mindeste zu sagen: Alexej Gorlatch, geboren in Kiew, zunächst in Passau aufgewachsen, dann mit zwölf bereits Jungstudent an der Universität der Künste in Berlin und mittlerweile Schüler bei Karl-Heinz Kämmerling in Hannover, verstand es durch seine bereits beim Wettbewerbsfinale enorm wagemutige Interpretation von Beethovens c-Moll- Klavierkonzert, Opus 37, das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Sebastian Tewinkel derart mitzureißen, dass die Musiker (offensichtlich und hörbar) sehr gerne gezwungen waren, auf der Stuhlkante bis fast ganz nach vorne zu rutschen.

Gorlatch nahm – in den Kadenzen geradezu verwegen – das Dritte Klavierkonzert als Revolutionsstück, spielte Etüden zu einem Aufstand. Von hier an, war zu vernehmen, würde eine neue Epoche des sinfonisch geprägten Konzerts mit dem Klavier im Zentrum ausgehen. Technisch makellos und sehr kraftvoll, dynamisch immer treibend, zog er eine dauerhafte Verbindungslinie zu Beethoven, ohne zu historisieren: Gorlatch spielte ihn als Gegenwartsmusik, und partienweise kam einem Hegels Reminiszenz an die Französische Revolution in den Sinn, der er viele Jahre später für seine Verhältnisse fast verklärt nachsagte, was sie doch für „ein herrlicher Sonnenaufgang“ gewesen sei. Nun, dies war eben so einer.

Gorlatch hat unter anderen bereits den Horowitz-Wettbewerb in Kiew gewonnen und war beim maßgeblichen Chopin-Wettbewerb in Warschau 2005 im Halbfinale. Sein Entwicklungs- und Ausdruckspotenzial ist enorm, nicht umsonst bekam er vom während der einzelnen Veranstaltungen wie immer begeistert mitgehenden Publikum den gleichnamigen Preis. Bereits beim Semifinale Klavier hatte man deutlich merken können, was Gorlatch auszeichnete. Dabei war er beileibe nicht konkurrenzlos. Da Sol Kim aus Südkorea zum Beispiel (vom begleitenden Münchner Kammerorchester favorisiert), konterkarierte Gorlatchs auch hier schon energiegeladenen Auftritt gerade bei Mozart (hie das F-Dur-Konzert, KV 459, dort B-Dur KV 456) mit einem gleichermaßen ätherisch wirkenden wie dann doch zupackendem Ansatz: unter der Hand vollzog sich ein kleines, seelenvolles Präzisionswunder.

Wie immer aber hatte der Internationale Musikwettbewerb auch eine Auftragskomposition eingekauft, in diesem Fall Lera Auerbachs „Milking Darkness“, einen solistischen Zehnminüter, der einerseits impressionistische Brillanz, andererseits Strukturdenken verlangte, wie man es beispielsweise für Stücke von Boulez braucht: Man musste sich gleichermaßen vom Furor der Komposition fiebrig anstecken lassen und doch unbestechlich bleiben, kühl bis ans Herz wie ein Angler. An dieser Konstellation scheiterten, mal mehr, mal minder, alle – bis auf Alexej Gorlatch, dem der Juror Evgeni Koroliov nicht zufällig nachrühmte, er habe einen ganz besonderen Sinn für die sprechende Pause in der Musik: Der Klang tritt zurück, und es wird trotzdem gesprochen.

Dass die Juryleistungen gleichwohl nicht immer unumstritten sind, gehört wie ein Basso Continuo zur ARD-Wettbewerbsgeschichte. In diesem Jahr wurde nicht wenig darüber gestritten, ob es tatsächlich angehen kann, dass ein eminenter Musiker wie Philippe Tondre, immerhin seit drei Jahren Solooboist des Radio-Sinfonieorchesters des SWR, einen zweiten Platz teilt (mit Ivan Poyomov), während der erste nicht vergeben wird. Insgesamt ist die Praxis, den Hauptpreis auszusparen, ja stets zweifelhaft und mutet oft wie falsch verstandenes Luxusdenken an.

Tondre jedenfalls legte im Abschlusskonzert exakt jenen wehmütigen, aber nicht sentimentalen Ton in das Oboenkonzert des zur Kompositionszeit schon sehr alten Richard Strauss, der das Werk nicht zum Rührstück werden lässt, während der Gewinner des Orgelpreises, der Innsbrucker Michael Schöch, mit einer kargen kammermusikalischen Studie von Paul Hindemith angenehm nüchtern fast vergessen ließ, dass es Querelen gegeben hatte. Der Münchner Orgelprofessor Edgar Krapp wusste neben Schöch gleich noch vier andere Schüler im Wettbewerb unterzubringen – und das war dann doch ein wenig zu viel des Guten.

Die legendäre Wettbewerbsgeschichte des Jubiläumsjahres schrieb aber ein anderer: Der spanische Ausnahmetrompeter und ARD-Preisgewinner 2011 Manuel Blanco Gomez-Limon musste vor einem Jurymitglied (Reinhold Friedrich) auftreten, dessen Platte mit dem Hummel-Konzert er als Jugendlicher mit manischer Begeisterung und ohne Noten nachgespielt hatte, irgendwo weit weg von München, in La Mancha. Nun stand er da, der Fernstudent, vor seinem Lehrer und trompetete weich und warm – Johann Nepomuk Hummel: So hört man sich wieder! Mirko Weber

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