Kultur : Der Kinderstar von Theresienstadt

Greta Klingsberg sang die Hauptrolle in der KZ-Oper „Brundibár“. Nun kehrt sie noch einmal zurück

Annika Hennebach

Wenn sie sang, war der Rest vergessen. Greta Klingsberg erinnert sich noch sehr lebhaft an ihren Part in der tschechischen Kinderoper „Brundibár“, die in den Jahren 1943 und 1944 im Konzentrationslager Theresienstadt aufgeführt wurde. Sofort singt sie lachend ein paar Zeilen auf Tschechisch. Über 50 Mal schlüpfte die gebürtige Wienerin in die Rolle der Aninka, die in dem Stück zusammen mit ihrem Bruder Pepícek auf dem Marktplatz ein Liedchen singt, um Milch für die kranke Mutter kaufen zu können. Doch die Stimmen der Geschwister kommen nicht gegen die Drehorgel des bösen Brundibár an, und erst durch die Hilfe von einem Spatz, einer Katze, einem Hund und den anderen Kindern aus der Nachbarschaft wird ihr Lied laut genug, um Brundibár zu übertönen. Froh über den Sieg gegen den brummigen Mann singen sie zusammen im Finale: „Ihr müsst auf Freundschaft bau’n, den Weg gemeinsam geh’n, auf eure Kraft vertrau’n und zueinander steh’n. Wir schlugen Brundibár und jetzt ist allen klar, uns kann man nicht trennen.“

Die einfache Geschichte vom Kampf gegen das Böse, dem man nur gemeinsam widersteht, war im Konzentrationslager Theresienstadt ein großer Erfolg. Der größte aller dort aufgeführten Opern. Für die Kinder aber hatte das Stück eine andere Bedeutung: „Die Oper versetzte uns in diese schöne Normalität, die nicht mehr vorhanden war – höchstens in der Erinnerung. Da gab es auf einmal wieder eine Schule, einen Hund, eine Katze und vor allem Milch und Gebäck“, erzählt die heute 76-jährige Klingsberg, die seit Ende des Krieges in Jerusalem lebt. Sie ist eine von etwa hundert Überlebenden. Eine von insgesamt 15000 jüdischen Kindern, die nach Theresienstadt deportiert wurden. Und die Einzige, die von dem damaligen Chor heute noch da ist.

Der tschechische Komponist Hans Krása (1899-1944) hatte „Brundibár“ schon vor seiner Deportation als Jude nach Theresienstadt arrangiert. Er fungierte als jüdischer Leiter der so genannten „Freizeitgestaltung“ in dem KZ, das von den Nazis wie ein Potemkin’sches Dorf als Vorzeige-KZ samt Fassadentünche und Rahmenprogramm geführt wurde. In Wirklichkeit war Theresienstadt ein Durchgangslager für 150000 zum Tode bestimmte Menschen. Doch sogar ein Propagandafilm wurde hier gedreht. In „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“ (1944/45) findet sich auch eine Szene von einer „Brundibár“ Aufführung. Das Libretto für das Märchen stammte von dem ebenfalls aus Prag nach Theresienstadt verschleppten Adolf Hoffmeister (1902-1973). Dessen Ziel, das Kinderstück im Brecht’schen Sinne als Lehrtheater zu verstehen, ging auf: „Brundibár“ wurde zum Symbol für die Hoffnung, dass es auch noch eine andere Welt als die Lagerwirklichkeit gab.

Krásas fast Weill’sche Komposition zu dem eingängigen Text war so klar und mitreißend, dass die Oper zur Hymne der Kinder in Theresienstadt wurde. „Es gab kaum jemanden – ob Erwachsener oder Kind –, der nicht bei einer der Aufführungen war, um durch die Musik aus der rauen Wirklichkeit zu entfliehen. Und überall wurden dann die Lieder gesungen und gepfiffen – wie Schlager. Die Musik ist ja auch einfach gut“, sagt Greta Klingsberg. Der ausgebildeten Sängerin liegt deshalb viel an dem Fortbestehen von Krásas Werk, auch, aber nicht nur, weil es sie an ihre Zeit im Lager erinnert und längst Bestandteil des kulturellen Gedächtnisses geworden ist.

Nun wird zur Erinnerung an die Novemberpogrome von 1938 sowie den 60. Jahrestag der Befreiung des Ghettos Theresienstadt im Mai 1945 „Brundibár“ von 23 Berliner Kindern wieder aufgeführt. Drei Tage lang werden die 10- bis 15-Jährigen die geschichtsträchtige Oper im Berliner Konzerthaus singen. Der Einladung, für diese Konzerte nach Berlin zu kommen und im Anschluss mit dem Publikum über ihre Erlebnisse zu sprechen, ist Greta Klingsberg nur wegen der Kinder gefolgt. Die sehr aufgeweckte und humorvolle Frau steht sonst nicht gerne im Rampenlicht. „Ich bin aber nun mal eine der letzten Überlebenden. Und der deutschen Sprache mächtig und wach und lebendig genug, um mit Hilfe der Oper als Brücke den Kindern heute davon zu erzählen, wie es als Kind in so einer abgesonderten Zwangsgemeinschaft war.“

Eine freut sich ganz besonders darauf, Greta Klingsberg zu treffen. Diana Steinkampf ist zehn und singt die Aninka bei den Vorführungen in Berlin. „Ich habe ein richtig kribbeliges Gefühl im Bauch“, sagt sie, „die Frau zu sehen, die meine Rolle vor 60 Jahren in dem KZ sang.“ Zum Finale wird Greta Klingsberg auf die Bühne kommen. Ein bisschen was von dieser Kindheit ist in ihr zurückgeblieben.

Premiere: heute um 10 Uhr. Weitere Aufführungen: 9. und 10. November (ausverkauft). Restkarten werden unmittelbar vor der Aufführung am Eingang des Konzerthauses (Gendarmenmarkt 2, Mitte) angeboten. Greta Klingsberg wird auch bei folgendem Vortrag in der TU anwesend sein: „Alltag und Überleben im Ghetto Theresienstadt: Realität und Mythos einer Zwangsgemeinschaft“ von Wolfgang Benz (Straße des 17. Juni 135. Hörsaal H 107).

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