Kultur : Der Polterer

Zum 80. Geburtstag des Bildhauers Alfred Hrdlicka

Michael Zajonz

In keinem anderen Land Europas hat man die Melange aus Grobheit und intellektuellem Feinsinn so kultiviert wie in Österreich. In Austrias Kulturszene hielt sich länger als andernorts der Typus des sensiblen Berserkers. Künstler wie der Maler Oskar Kokoschka, der Pianist Friedrich Gulda, der Schriftsteller Thomas Bernhard. Und Alfred Hrdlicka, der Bildhauer, Maler und Grafiker, der heute seinen 80. Geburtstag feiert. Er ist einer der letzten großen Polterer. Fritz Wotruba, sein Lehrer an der Kunstakademie, fragte ihn 1957 angesichts seiner Abschlussarbeit: „Sie wollen wohl ein zweiter Michelangelo werden?“ Hrdlicka sucht den Kampf. Er ringt, altmodisch gesagt, mit dem Material. Augenfällig wird das bei seinen Skulpturen. Sie sind, wie zu Michelangelos Zeiten, aus einem einzigen Steinblock gehauen. Jeder Schlag ein Treffer. Wer außer ihm macht das noch?

Widerstand lernt Hrdlicka schon als Kind. 1933 verteilt der Fünfjährige mit seinem Vater, einem Gewerkschaftler, Flugblätter im Arbeiterbezirk Wien-Florisdorf. In der Schule wird der Feuerkopf vom Linkshänder zum Rechtshänder umtrainiert. Als Künstler arbeitet Hrdlicka beidhändig. Bildhauern mit der Rechten, Malen, Zeichnen und Radieren mit links.

Die größten Erfolge feiert Hrdlicka in den politisch bewegten Sechzigern und Siebzigern. Dabei wählt der linke Dissident (der schon 1956 aus der KPÖ ausgetreten war) und bekennende Atheist auffallend oft christliche Themen. 1964 gelingt ihm der internationale Durchbruch auf der Biennale von Venedig – mit einer Kreuzigungsgruppe. Christus und die beiden Schächer, Torsi nur, ein Aufschrei der geschundenen Kreatur.

Berlin besitzt eines seiner Hauptwerke, auch wenn es so gut wie niemand kennt. Der „Plötzenseer Totentanz“, ein raumgreifendes Wandbild, schmückt den kargen Andachtsraum eines Gemeindezentrums am Charlottenburger Heckerdamm. Die Passion Christi wird dort mit den Leiden der im nahen Plötzensee von den Nazis Hingerichteten verknüpft. Menschheitsthemen als Zeitgeschichte. Typisch Hrdlicka.

Seine großen Denkmalprojekte polarisieren – nicht nur wegen der im Westen ungewohnten Gegenständlichkeit. 1981 wird die nackte Körper verknäulende Monumentalskulptur für Friedrich Engels in Wuppertal enthüllt, 1988 folgt das lange bekämpfte Denkmal gegen Krieg und Faschismus auf dem Wiener Albertina-Platz. Mit dem Sozialismus bricht für ihn eine Welt zusammen. Physische und psychische Krisen beenden seine bildhauerische Arbeit – bis er das Bühnenbild als kreativen Ausweg entdeckt. 1996 malt Hrdlicka für das Festspielhaus Dresden-Hellerau Bühnenbilder zu Kokoschkas Drama „Mörder – Hoffnung der Frauen“, 2001 für eine „Ring“-Inszenierung in Meiningen. Und im Juni 2007 sitzt er in Berlin – beim Gründungsparteitag der Linkspartei. Seine Hoffnung hat sich Alfred Hrdlicka bewahrt. Michael Zajonz

Die Galerie Berlin (Auguststraße 19) zeigt noch bis 1. März Werke Hrdlickas.

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