Kultur : Der Saitenspringer

Ohren auf: Die Dokumentation „Pianomania“ folgt der Obsession eines Wiener Klaviertechnikers

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Wenn er eine Tür öffnet, tut er es unendlich behutsam, bleibt erstmal stehen und lauscht. Für Stefan Knüpfer ist jedes Gebäude, jeder Konzertsaal, jede Festivalhalle ein Resonanzraum für die Entfaltung dessen, dem seine ganze Leidenschaft gilt: für den Klang des Klaviers.

Stefan Knüpfer, 1967 in Hamburg geboren, ist Cheftechniker von Steinway Austria. Er stimmt in Wien die Konzertflügel für die Stars, für Lang Lang und Alfred Brendel, Rudolf Buchbinder, Till Fellner oder Pierre-Laurent Aimard. Das heißt, Knüpfer „stimmt“ nicht, indem er sauber intoniert; er präpariert die Klaviere vielmehr. Dieser Mann mit der feinen Stimme und dem noch feineren Humor verleiht den Tönen erst jene Gestalt, die dem jeweiligen Pianisten vorschwebt. Ohne ihn, den Komplizen ihrer Vision, sind sie nichts.

Der eine möchte einen runderen Ton, der andere will ihn vorne voll und dann ebenmäßig verschlankt, der Liedbegleiter Julius Drake wünscht sich für ein Recital nichts Dramatisches, nur etwas mehr Magie. Und Pierre-Laurent Aimard schießt den Vogel ab, als ihm für Bachs „Kunst der Fuge“ vier verschiedene Farbschattierungen auf ein und demselben Flügel vorschweben: Er möchte einen Cembalo-, einen Clavichord-, ein Orgel- und ein Ensemble-Register. Knüpfer ist entsetzt – und begeistert. Hier finden sich zwei, besessen von der Suche nach dem vollkommenen Klang. Die Vorbereitungen für die Bach-Aufnahme dauern ein ganzes Jahr.

Wer Spezialisten bei der Arbeit zuschauen kann, die noch dazu ihr Handwerk lieben, dem eröffnet sich eine Welt. In „Pianomania“, der preisgekrönten Dokumentation von Lilian Franck und Robert Cibis, ist es die Kunst, den von Filzhämmern angeschlagenen Klaviersaiten das Schönstmögliche zu entlocken. Flügel sind Individuen. Steinway nummeriert sie durch, Knüpfer nennt sie zärtlich beim Namen. Der 109er wird nach Australien verkauft, das ist tragisch, denn für Bach wäre er ideal. Also perfektioniert der Techniker den 245er, aber schlussendlich wuchten sie doch den 780er in den Mozartsaal.

Knüpfer hantiert mit Papier, Filz, Tennisbällen und Plexiglas, er sieht mit bloßem Auge, dass die neuen Hammerköpfe um 0,7 Millimeter verschliffen sind – eine Katastrophe! – und heckt mit zwei Musikkabarettisten auch gerne Klavierstreiche aus. Ein passionierter Klangvirtuose und stillvergnügter Meister seines Fachs: Manchmal vertieft er sich wie ein Chirurg mit seinen Instrumenten in den hölzernen Bauch des Flügels, manchmal trägt er Kittelschürze. Ein Chefkoch, der so lange abschmeckt und nachwürzt, bis die Komposition seinen höchstverfeinerten Geschmacksnerven genügt. So ist der Film auch eine Schule der Wahrnehmung: Knüpfer hört Nuancen, für die unsereins wohl ewig taub bleiben wird. Aber man bekommt eine Ahnung davon.

Die Regisseure – beide wurden an der Filmakademie Baden-Württemberg ausgebildet– halten sich mit ästhetischen Spielchen zur Visualisierung der Musik wohltuend zurück. Zwar schleusen sie die Kamera mitunter ins Innerste des Flügels und bemühen Wasser-, Wellen- und andere Klangbildmetaphern. Aber meistens folgen sie Knüpfer einfach bei seinen unerschöpflichen Bemühungen um den perfekten Ton. „Heute wird ein sportlicher Tag für mich“, seufzt er fröhlich, als das Nachjustieren während Aimards Bach-Einspielung zahllose Treppensprints zwischen dem Technikraum und dem Konzertsaal erfordert. Ein Marathonläufer im Dienst der Schönheit – am Ende von „Pianomania“ weiß man, wie viel Teamwork hinter jedem Solo steckt. Und dass Vollkommenheit das Mindeste ist, das wahre Kunst verlangt. Christiane Peitz

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