Kultur : Der Tod und das Männchen

Jeder kennt es, das Logo der Kriegsgegner. Aber wer hat das Peace-Zeichen erfunden? Eine Kulturgeschichte

Christiane Peitz

Die Bäckerinnung von Sachsen-Anhalt verkauft Amerikaner mit Peace-Zeichen aus Schokoladenglasur – eine „Friedensinitiative mit Biss“. Auch der TV-Sender Viva hat sich dem Protest verschrieben: Seit dem 19. März ist das Viva-Logo auf dem Bildschirm durch das Friedenssymbol ersetzt. Schüler in Berlin und Kriegsgegner in der ganzen Welt formen seit Beginn der Irak-Offensive auf Plätzen und Freiflächen menschliche PeaceZeichen oder malen sich eins ins Gesicht. Züricher Jungsozialisten errichteten das Friedenssymbol mit Fackeln an den Hängen des Üetlibergs, Gleitschirmflieger aus dem Rhein-Main-Gebiet drapierten ihre knallbunten Paraglider zum Antikriegs-Emblem, auf einer Wiese nahe der Einflugschneise des Flughafens Frankfurt. Und Michael Moore trug das Logo am Revers bei der Oscar-Verleihung am vergangenen Sonntag.

Ob Demo oder Gala-Show, das Zeichen signalisiert: Ich bin dagegen. Obendrein dient es – wie alle Buttons und Embleme – der schnellen Erkennung. Jeder versteht es, viele benutzen es, längst existiert es in jeder nur denkbaren Form und zahlreichen Bedeutungsvarianten: schwarzweiß, in Regenbogen-Farben oder rotweißblau für US-Patrioten, als Brezel, Gymnastikreifen und Frisbee-Scheibe, als Tattoo oder Sticker, auf Feuerzeugen, Jeanshosen und Parfum-Werbung, an den Dekolletees junger Demonstrantinnen und den Fassaden altehrwürdiger Kirchengemäuer.

Mit dem Irak-Krieg hat das Peace-Zeichen erneut Konjunktur. Aber woher stammt es eigentlich? Wie immer bei populären Phänomenen gibt es zahlreiche Ursprungslegenden. Das Zeichen sei eine germanische Rune, behaupten die einen: Es handele sich um die auch von den Nazis verwendete Todesrune, oder zumindest um die auf den Kopf gestellte Algiz-Rune, die mit stilisiertem Astwerk oder wahlweise den Hörnern des Elchs das Leben symbolisiert. Andere nennen es streng satanisch Krähen- oder Hexenfuß, wieder andere leiten das umgedrehte, schräge Kreuz ganz fromm aus der griechischen Schreibweise für Christus ab: Chi (X) und Rho (P). Auch vom Nero-Kreuz ist die Rede, in Erinnerung an den römischen Kaiser Nero, der Apostel Petrus kopfüber kreuzigen ließ. Besonders Pfiffige entdecken in dem eingekreisten Strichmännchen mit den drei Beinen gar eine Chiffre für sexuelle Potenz. Ob Psychoanalyse, Theologie oder Okkultismus: jedem das Seine.

Alles Unsinn, sagen die Experten. Wohlfeile kulturphilosophische Theorien über den Teufel, der da mit dem Beelzebub ausgetrieben werden soll, und über die Voodoo-ähnliche Anverwandlung der gegnerischen Gestalt dienen weniger der Erklärung, als dass sie selbst Symptom solcher ins Kraut schießender Herkunftsfantasien sind. Was immer man ins Dickicht der Historie hineingeheimnist, schallt auch wieder aus ihm heraus: sagenhafte Geschichten wie die von der Spinne in der Yucca-Palme. Nein, das schlichte Sinnbild für den Frieden entstand nicht im mystischen Zeichen des Todes und des Märtyrertums. Es hat einen Erfinder.

Sein Name: Gerald Holtom, britischer Designer und Absolvent des Londoner Royal College of Arts. Er entwarf das Logo 1958 im Auftrag der damaligen Atomkriegsgegner, der „Campaign for Nuclear Disarmament“, kurz: CND. Seine Skizzen werden bis heute von der Bradford University aufbewahrt. Niemand Geringeres als Lord Bertrand Russell, einer der führenden Köpfe der CND, stellte auf Nachfrage hin klar, dass das Emblem kein Todessymbol und auch nicht von ihm selbst erfunden sei, sondern von Holtom. Anlass war der erste große Friedensmarsch zur Atomwaffenfabrik nach Aldermaston. Als Friedensaktivisten am Osterwochenende 1958 von London aus dorthin marschierten, hatte man für den Protestzug 500 Peace-Zeichen aus Pappkarton angefertigt: große Lollipops von etwa einem Meter Durchmesser, schwarzweiße für Karfreitag und grünweiße für Ostersonntag, passend zu den Farben der Lithurgie und des Frühlingsbeginns. Wenig später fertigte CND-Mitglied Eric Austin aus Kensington die ersten Buttons aus Keramik. Seinen weltweiten Siegeszug trat das Peace-Zeichen dann mit den Ostermärschen, den Anti-Atomwaffen- und Vietnamkriegs-Demonstrationen der Sechzigerjahre an. Die Friedensbewegung in Europa und den USA hatte ein international aussagekräftiges Markenzeichen erfunden. Es galt sogar als so wirkungsmächtig, dass die Regierung Südafrikas in den Siebzigerjahren ernsthaft überlegte, es zu verbieten.

Ursprünglich hatte Holtom wohl erwogen, ein christliches Kreuz einzukreisen. Aber dann entschied er sich, so steht es jedenfalls in den CND-Annalen, für die Kombination zweier so genannter Semaphoren, zweier Buchstaben aus dem Alphabet der Flaggensignale: N (wie Nuclear) und D (wie Disarmament). Beim D weist je eine Flagge nach oben und nach unten, das N formen zwei schräg nach unten ausgestreckte Fähnchen. Dann noch ein Kreis drumrum, von wegen des Erdballs – und fertig.

Also doch ein bisschen Teufelsaustreibung. Die Semaphoren wurden im 19. Jahrhundert von einem englischen Colonel entwickelt, die US-Navy machte während des amerikanischen Bürgerkriegs davon Gebrauch. Anderen Quellen zufolge erfand Claude Chappe das Alphabet 1791 für die französische Armee. Holtom kannte das von Seeleuten und der Marine verwendete Signal-Alphabet vermutlich, weil er während des Zweiten Weltkriegs auf einer Farm an der Küste von Norfolk arbeitete. So oder so bedient sich das Peace-Logo der Zeichensprache des Militärs. Eine Zweckentfremdung – damit wir uns richtig missverstehen. Auf der symbolischen Ebene sind Bellizismus und Pazifismus also gewissermaßen zwei Seiten derselben Medaille.

Neben dem Peace-Logo, der Friedenstaube von Pablo Picasso (die diskreteren Kriegsgegner trugen sie bei der Oscar-Verleihung als silberne Brosche) und der italienischen Pace-Flagge ist auch das Victory-Zeichen der Hippies wieder in Mode. Nicht nur Michael Moore, auch die Schauspielerinnen Susan Sarandon, Salma Hayek und Kate Hudson sowie Tim Robbins und Bono spreizten bei der Oscar-Show Zeige- und Mittelfinger zum Friedensgruß. Wie sich die Geschichten gleichen: Auch diese Geste hat eine kriegerische Vergangenheit.

Zum einen demonstrierte Winston Churchill im Kampf gegen die Nationalsozialisten damit die Siegesgewissheit der Alliierten – und die BBC leitete ihre in Deutschland ausgestrahlten Sendungen mit dem Morsezeichen für V ein. Zum anderen ist da die uralte Geschichte vom Hundertjährigen Krieg. Als sich um 1400 Franzosen und Engländer befehdeten, sollen sich die englischen Langbogen-Schützen mit dem Victory-Zeichen zu erkennen gegeben haben. Wenn sie in die Hände des Feindes fielen, wurden ihnen die zum Schießen unverzichtbaren Finger kurzerhand amputiert. Dieser Legende zufolge verbirgt sich in der Friedensgeste also eine ziemlich unfriedliche Botschaft: Du kriegst uns nicht klein, wir sind noch da, mit ungeschmälerter Kampfeskraft.

Vielleicht hat sich Gerald Holtom für seine Verwendung des kriegerischen Kommunikationsmittels ja ein bisschen geschämt. In einem Brief an Hugh Brock, den Herausgeber der Zeitschrift „Peace News“, beteuerte er später jedenfalls, das Peace-Zeichen sei eine Art Selbstporträt. Er sei damals sehr verzweifelt gewesen und habe deshalb einen Menschen mit nach unten gestreckten Händen und nach außen gekehrten Handflächen skizziert. Ein Wehrloser nach Art des Bauern, wie er auf Goyas Gemälde „Die Erschießung der Aufständischen“ vor den Gewehrläufen der Soldaten steht.

Von wegen. Goyas Bauer hat die Arme nach oben gerissen. Es ist ein anderer Bauer, der dem Betrachter des berühmten Bildes die Arme nach unten entgegenstreckt; er liegt tot vor der Erschießungsszene. Die Ohnmacht des Pazifisten: Wenn die jetzigen Irak-Kriegsgegner mit ihren aufgeschminkten Peace–Zeichen oft recht melancholisch Gesicht zeigen, dann ist das – zumindest unbewusst – im Sinne des Erfinders.

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