Kultur : Der Zeltmeister

Kunst ist nicht für Eliten: André Heller über seinen Afrika-Zirkus, seine Wechselspiele und die Sehnsucht nach dem Süden

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Herr Heller, was ist eigentlich Ihr Beruf?

Sich lernend verwandeln. Mit so genanntem Künstlertum hat das vordergründig wenig zu schaffen.

Die WM-Gala wurde kurzfristig von der Fifa abgesagt. Nun kommen Sie mit der Zirkus-Show „Afrika! Afrika!“ nach Berlin – in der heißen Phase der WM.

Ich will eine sinnliche Alternative äußerst anderer Natur bieten. „Afrika! Afrika“ hat eine Intensität und energetische Turbulenz, die magisch ist.

War das Timing beabsichtigt?

Eine innere Stimme hat mir geraten: Mach das parallel zur WM-Gala. Alle bis auf meinen Sohn haben gewarnt: Das schaffst du nicht! Als die Gala dann abgesagt wurde, konnte ich das relativ heiter nehmen. „Afrika! Afrika!“ war für mich ein seelisches Back-up. Andernfalls hätte ich vielleicht auch, wie einige Verbündete, die an der Gala arbeiteten, das Gefühl gehabt: Die surreale Fifa-Entscheidung hat mir zwei Jahre meines Lebens gestohlen.

Welche Selbstverwirklichungs-Chance steckt in „Afrika! Afrika!“?

Ein Projekt sollte mich immer verändern. Es entspricht allerdings meinen Überzeugungen, wie die afrikanischen Künstler denken und handeln. Erstens: Die Energie, die man aussendet, erhält man zurück. Zweitens: Lebe im Jetzt! Das können wir mit unserem westlichen Schema ganz schwer. Ich bin erzogen im Schmerz des Trauerns um das Vergangene und als Jesuitenschüler in einer absurden Trennung von Körper und Geist. 2000 Jahre mit Sünde und Einschüchterung beladenes christlich-jüdisches Abendland. Die Afrikaner dagegen sagen: Mein Jetzt ist das höchste Gut, jetzt will ich sinnlich den Augenblick feiern.

Auf der Bühne und im Stadion werden die Afrikaner derzeit gefeiert. Werden dadurch rassistische Vorurteile entkräftet?

Wenn man die Qualität anderer kennt, erhöht sich der Respekt für sie. Ich habe 1988 eine Show inszeniert in New York: „Body and Soul“. Da wollte ich erzählen, was den schwarzen Amerikanern kulturell von den Weißen gestohlen wurde. Die Erfinder von Rock’n’Roll sind Genies wie Bo Diddley. Aber wer ist berühmt? Elvis Presley. Das wahre Genie des Stepptanzes war Mister Bojangles. Wer wurde durch Filme berühmt? Fred Astaire. Wir wissen so wenig – und dann halten sich irgendwelche unerleuchteten Weißen für was Besseres!

Glauben Sie denn, dass Ihre Show unser Bild vom dunklen Kontinent verändern kann? Der Abend versteht sich ja als vitale Selbstdarstellung des „Sonnenkontinents“.

Es stimmt fast alles, was wir an Schrecken über Afrika hören – Krieg, Korruption, Krankheitskatastrophen. Dieser bitteren Atmosphäre trotzen viele begabte Afrikaner aber ihre hohen Energien ab. Sie sind zutiefst Kulturmenschen und wurzeln in uralten Traditionen. In unserer Truppe sind mindestens fünf Heiler, einfühlsame, schamanistische Menschen, die wissen, wie man Körper reguliert. Die Vorstellung, dass dies in irgendeiner Weise primitive Dritte-Welt-Wesen wären, ist maßlos dumm – wir sind in vielem primitiver, auch was die seelische Grobheit angeht.

Sie haben eine Stiftung ins Leben gerufen unter der Kontrolle der Unesco und zusammen mit dem Goethe-Institut. Fließt das Geld ausschließlich in Kulturprojekte?

Von jeder Eintrittskarte wird ein Euro abgeführt. Bislang hatten wir 400.000 Besucher. Es gibt Gott sei dank Hunderte, die sich um Medikamente und Karl-Heinz Böhm-artige Hilfestellungen kümmern. Wir sind meines Wissens die Ersten, die fragen: Woher bekommt ein junger Choreograf in Burundi ein Stipendium für New York? Wo bekommt ein Filmsehnsüchtiger eine Videokamera her? Der bedeutendste junge Popstar aus Ägypten hat ein Institut gegründet zur Sammlung der Musik aus den Nilländern – derlei wollen wir fördern.

Was genau ist Ihr Part bei dieser Show?

Ich habe den afrikanischen Künstlern gesagt: Macht ganz und gar eure Show! Ich organisiere euch die beste Technik und Produktionsgelder, damit ihr all eure künstlerischen Wünsche erfüllen könnt. Und dann habe ich einen sympathischen Wahnsinnigen für die Finanzierung gefunden: den Produzenten Matthias Hoffmann.

Sie haben dem Projekt also nicht nur Ihren Namen geliehen? Viele halten Sie ja vor allem für einen genialen Vermarkter.

Wofür man gehalten wird und was man tatsächlich ist – den Unterschied möchte ich gerne auf dem Klavier spielen können, ich wäre mit Sicherheit ein Glenn Gould. Während der Zirkusproben war ich immer da und habe gesagt: Ich stehe euch mit meiner Erfahrung und meiner Kreativität zur Verfügung. Ich dränge mich nicht auf. Das war nicht leicht für meine ungeduldige Natur. Aber auf der anderen Seite habe ich beobachtet, wie wunderbar etwas entsteht, wenn man Könnern einen Freiraum schafft und sich nicht dauernd besserwisserisch einmischt.

Wie ist der junge André Heller, der Poet werden wollte, auf Abwege geraten?

Durch meine Neugierde. Ich habe meiner Umgebung die Chance gegeben, mich abzustoßen und mir die Chance, abgestoßen zu werden. Mir war Wien sehr fremd. Diesen Kult der schlechten Laune habe ich einfach nicht ertragen.

Was hat Sie angezogen?

Der Süden! Der Süden! Ich erzähl gern diese Geschichte, dass ich von meinem ersten Taschengeld etwas getan habe, was sicherlich kein Kind zuvor je gemacht hat: Ich kaufte mir eine Wärmeflasche. Weil mir so kalt war. Sobald ich es mir leisten konnte, bin ich ausgebüchst: nach Afrika und Asien.

War denn die Reise nach Marrakesch der Anstoß zu „Afrika! Afrika!“?

Das war die Geburtsstunde. 1972 habe ich ein dreiviertel Jahr in Marokko gelebt. Am Rande der Wüste habe ich kapiert, dass es etwas anderes gibt als die Todesängste Canettis und die wehleidige Selbstzufriedenheit der Café Hawelka Clique. Das war natürlich auch ein Zerkrachen mit dem, was von mir erwartet wurde. Damals wurde von mir erhofft, dass ich ein melancholischer, österreichischer Dandy-Dichter werde und dem Kulturbegriff huldige, dem alle gehuldigt haben: Kunst wäre ein Geheimbund für wenige Auserwählte mit Spezialwissen.

Sie haben dem elitären Kunstverständnis abgeschworen – sind dafür aber auch heftig kritisiert und verspottet worden.

Man muss sich irgendwann entscheiden: Lebt man das, was die anderen sich von einem wünschen oder das, was man sich selber schuldet? Ich habe aber immer gewusst, dass ich Häme einstecken muss, weil ich so eine schillernde, unfolgsame, gegen den Strich der Regeln des Feuilleton-Kameradschaftsbundes gebürstete Figur bin. Das finde ich herrlich.

Erfinden Sie sich immer wieder neu?

Ich behaupte, dass ich alle fünf Jahre ein vollkommen anderer bin. Dann wechsle ich Wohnorte und vieles im Lebenskreis, Hauptbeschäftigungen wechsle ich sowie jedes Jahr zwei, drei Mal.

Können Sie sich vorstellen, irgendwann nur noch Ihren Garten zu bestellen?

Ich lege seit vielen Jahren Gärten an und lebe häufig in einem der schönsten botanischen Paradiese Italiens – das sage ich, ohne zu erröten. Der Garten ist eine wirksame Schule der Geduld. Mein Sohn und mein Garten – das sind meine beiden Hauptlehrer in den letzten 18 Jahren.

Was hat Ihr Sohn Ihnen denn beigebracht?

Selbstlose Liebe. Das ist das höchste Gut, dass ich je von jemandem überreicht bekommen habe. Mein Sohn hat mich auch wieder in eine klare Spiritualität nachgerade gezwungen. Ich verwende gern folgendes Bild: Bei seiner Geburt hat er mir einen Schlüsselbund zugeworfen – und dann konnte ich Räume in meinem Inneren aufsperren, die mir vollkommen unbekannt waren. Da war ich schon 42!

Nach all den Attraktionen: Was für Projekte packen Sie als Nächstes an?

Ich arbeite gerade intensiv an einem Zentrum für alternative Medizin. Das ist ein Thema, das überfällig ist. Wie beantworten unterschiedliche Kulturkreise dieselben Fragen? Was ist Krebs bei einem Heiler in Afrika oder Tibet? Finanziers für das Projekt habe ich schon. Außerdem plane ich ein Hospiz, in dem Menschen in Würde sterben können. Das Sicherste, was auf uns zukommt, ist das Sterben. Damit muss man offensiv umgehen.

Fügen sich Ihre unterschiedlichen Aktivitäten zu einem großen Projekt zusammen?

Das Projekt ist: Wie mache ich aus mir einen gelungenen Menschen? Bei den Juden ist Mensch ein Ehrentitel. Und ich glaube, dass man nicht als Mensch geboren wird, sondern als Entwurf zu einem Menschen. Den muss man erst verwirklichen. Und man darf sich nicht veruntreuen.

Das Gespräch führte Sandra Luzina.

DER ERFINDER

André Heller, 1947 in Wien geboren, ist Inspirator, Exzentriker und einer der erfolgreichsten Multimediakünstler . Er entstammt einer jüdischen Familie von Süßwaren-Fabrikanten . Seine „Verwirklichungen“ umfassen den avantgardistischen Vergnügungspark Luna Luna , Filme, Feuerspektakel, Gartenkunstwerke, fliegende und schwimmende Skulpturen und Wunderkammern – sowie Chanson-Aufnahmen und Prosaveröffentlichungen. Als WM-Kulturbeauftragter zeichnete er für das Kunst- und Kulturprogramm der Bundesregierung zur Fifa-WM 2006 verantwortlich.

DIE SHOW

„Afrika! Afrika!“, Premiere am 29.6., bis

2. Sept., Vorstellungen

Di – Fr 20 Uhr, Sa + So 15 und 20 Uhr. Zeltplätze im Lehrter Stadtquartier am Neuen Hauptbahnhof. Hotline 01805 – 72 52 99

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