Deutsche Literatur : Ein Luftschiffer des Geistes

Eine Jubelrede auf Jean Paul, den größten Abschweifungsvirtuosen der deutschen Literatur - zum 250. Geburtstag des Dichters. Und ein Blick auf die Neuerscheinungen anlässlich des Jubiläums.

Sabine Eickenrodt
Wunsiedel mit dem Bildnis Jean Pauls. Geboren wurde er als Johann Paul Friedrich Richter am 21. März 1763 im oberfränkischen Wunsiedel, er starb am 14. November 1825 in Bayreuth. Diese Illustration aus dem Karlsruher Unterhaltungsblatt von 1835 schmückt die Bildbiografie des Schweizer Nimbus Verlags und ist auch in Eberhard Schmidts hinreißendem Privatmuseum in Joditz zu sehen (www.jean-paul-museum.de). Hier war der Vater des Dichters Pastor. Eine Führung durch den Hausherrn kann auch hartnäckigen Jean-Paul-Abstinenzlern zum Erweckungserlebnis werden.
Wunsiedel mit dem Bildnis Jean Pauls. Geboren wurde er als Johann Paul Friedrich Richter am 21. März 1763 im oberfränkischen...Foto: Jean-Paul-Museum Joditz/Eberhard Schmidt

Welches Bild der bereits erfolgreiche Autor aus der oberfränkischen Provinz abgegeben haben mag, als er im Juni 1796 nach einer Fußwanderung von 80 Kilometern und einer kurzen Kutschfahrt in Weimar ankam, ist heute vielleicht kaum noch vorstellbar. Wenige Tage später ist der 33-jährige Verfasser des „Hesperus“-Romans bei Goethe zum Mittagstisch eingeladen, erhält also Zugang zum Allerheiligsten der Gesellschaft – und fühlt sich beklommen. Sein Briefbericht an den Freund Christian Otto zeugt von Verunsicherung. Er zeigt das Wechselbad der Gefühle zwischen Ehrfurcht und Furcht, Enttäuschung und Hohn angesichts eines Standbilds mit Fehlern: Die Beschreibung einer „Kühle der Angst“, als endlich „der Gott“ hereintritt, „kalt einsylbig, ohne Akzent“, setzt er unvermittelt neben das Bild eines Klassikers, der sich weniger edel zu gebärden scheint als erwartet: „Auch frisset er entsetzlich“ – gemeint ist Goethe.

Wenige Tage später vermeldet Schiller nach Weimar den Besuch dieses Autors auch bei ihm in Jena. Dieser habe sein Vorurteil ganz und gar bestätigt, denn dieser Dichter sei „fremd wie einer, der aus dem Mond gefallen ist“. Die Schreibexzesse Jean Pauls waren beiden suspekt. Exotisch schien ihnen dieser selbstbewusste Dichter allemal, ein agent provocateur, der bereits während des Theologiestudiums in Leipzig mit offenem Hemd à la Hamlet seine Zeitgenossen verstört hatte.

Dass dieser maßlose Autor Goethes wohltemperiertes Urteilen ins Wanken gebracht hatte, zeigt dessen empfindliche Reaktion auf eine vermeintliche Polemik Jean Pauls: Der Dichterfürst holt aus zu einer Attacke, schreibt ein Gedicht – „Der Chinese in Rom“–, das durch eine „arrogante Äußerung des Herrn Richter“ veranlasst worden sei, und kennt in seiner Wut keine Grenzen mehr: Unmissverständlich zielen die Verse auf das poetische Verfahren des erfolgreichen Emporkömmlings, das er als ornamentale Exotik aus „Latten und Pappen und Schnitzwerk und bunter Vergoldung“ verhöhnt. Er bezeichnet es als „krank“ gegenüber dem eigenen „echten, reinen Gesunden“. Schiller pflichtet ihm bei: Der „Chinese“, so meldet er beflissen nach Weimar, solle „warm in die Druckerei kommen, das ist die wahre Abfertigung für dieses Volk.“ Die rüde Abkanzelung dieses Außenseiters, der offenbar als ernsthafter Konkurrent betrachtet wurde, deutet auf die beunruhigende Kraft, die von seinen Schriften ausging.

Hier tritt jemand auf, der sich weder dem Weimarer Geist andienen noch als Parteigänger der romantischen Schule gelten will. Man versuche nur einen Augenblick zu verstehen, was es hieß, die Erhabenheitskonzepte der Weimarer nicht nur zu ignorieren, sondern diese geradezu angewidert für ein Zeichen der inhumanen Kälte zu halten. Noch Jahre nach der Begegnung in Weimar fährt der Dichter der hohen Freundschaft in seiner „Miserikordias-Vorlesung“ ein satirisches Geschütz gegen Schillers Ode „An die Freude“ auf: „Übrigens würd’ ich aus einer Gesellschaft, die den herzwidrigen Spruch bei Gläsern absänge: ,Wers nie gekonnt nämlich „eines Freundes Freund zu sein“], der stehle weinend sich aus unserem Bund’, mit dem Ungeliebten ohne Singen abgehen und einem solchen harten elenden Bunde den Rücken zeigen“. Deutlicher kann das Freundschaftsprogramm der allgemeinen Menschenliebe („Seid umschlungen, Millionen“) nicht in Zweifel gezogen werden.

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