Deutsche Sprache : Weiter Wirrwarr um Rechtschreibreform

Zum 1. August ist die Neuregelung der deutschen Rechtschreibung in Kraft getreten. Viele Schreibvarianten sind hinzugekommen. Die Verwirrung bleibt.

Aachen - Für den Anrufer geht es um den Gewinn einer Wette. Er will wissen, ob man 'erdölverarbeitend' oder 'Erdöl verarbeitend' schreibt. "Ich kann nur sagen: Beides ist nun richtig", sagt Cathérine Blaszkiewicz vom Grammatischen Telefon der RWTH Aachen. Richtig zufrieden ist der Anrufer mit der Antwort nicht. "Was soll ich machen?", fragt die 27-jährige Beraterin bei der in Deutschland am häufigsten konsultierten Sprachberatung: "Die neuen Rechtschreibregeln sind leider nicht immer eindeutig. Und die Regelformulierungen versteht kein Mensch."

Zum 1. August ist die Neuregelung der deutschen Rechtschreibung in Kraft getreten, maßgeblich vorangetrieben durch den im Dezember 2004 eingerichteten Rat für deutsche Rechtschreibung. "Das ist bloß der vorläufige Abschluss der Rechtschreibreform", ist sich Peter Mießen sicher. Der 27-jährige Student ist seit vier Jahren wissenschaftliche Hilfskraft beim Grammatischen Telefon und hat das Wirrwarr der Reformschritte hautnah erlebt. "Es besteht eine generelle Verwirrung. Nach dem jüngsten Reformschritt sind viele Schreibvarianten hinzugekommen. Dann ist eben vieles richtig."

Das Problem kennt auch seine Kollegin Blaszkiewicz. Die Studentin der Kommunikationswissenschaft kennt sich mit den Regeln aus, und wenn es Zweifelsfälle gibt, dann stehen da ja noch die 50 bis 60 Nachschlagewerke in den Regalen hinter den beiden Schreibtischen: Neben dem obligatorischen Duden auch Rechtschreibwörterbücher anderer Hersteller, fremdsprachige Lexika, auch das Handelslexikon der Medizin.

"Gespaltene Rechtschreibung"

Das Telefon steht während der Beratungszeiten selten still. Rund 20 Anrufe sind es täglich, macht etwa 3000 Anfragen im Jahr. Vor 25 Jahren haben die Aachener Linguistikprofessoren Ludwig Jäger und Christian Stetter das Grammatische Telefon gegründet. Stetter, Dekan der Philosophische Fakultät und Autor zahlreicher Fachbücher zur korrekten Schreibung, steht der Rechtschreibreform seit langem kritisch gegenüber: "Wir werden in den nächsten zwei bis drei Jahrzehnten mit einer gespaltenen Rechtschreibung zu leben haben", lautete bereits 2004 seine Warnung.

Und tatsächlich ist der Beratungsbedarf beim Grammatischen Telefon ungebrochen. "Die meisten Anfragen haben wir von professionell Schreibenden: von Journalisten, Lektoren, Lehrern, Werbeleuten, Sekretärinnen, Autoren, Wissenschaftlern oder Studenten. Es rufen aber auch Eltern an, die mit einer Korrektur in einer Klassenarbeit ihres Kindes nicht einverstanden sind", weiß Mießen. Manche der Ratsuchenden seien echte Stammkunden, die mit den Beratern einen quasi-akademischen Dialog führten, beispielsweise über den richtigen Gebrauch von "selbst" und "selber".

"Am meisten tun mir die Schüler leid"

Doch die meisten Anfragen kommen nach wie vor zu den großen Zweifelsfällen: Getrennt- und Zusammenschreibung, Kommasetzung, Klein- und Großschreibung. "Und das ist jetzt ja auch nicht eindeutiger als vor der letzten Reform 2004", betont Mießen. "Am meisten tun mir die Schüler leid", sagt Blaszkiewicz, die auch Nachhilfelehrerin ist. Leid - oder leid? "Ja, leid. Kleingeschrieben!" Der Duden lässt in der aktuellen Auflage nur diese Schreibung zu. In der 23. Auflage waren noch beide Schreibungen möglich, also "Es tut mir Leid" oder "Es tut mir leid." Empfohlen wurde damals noch: "Es tut mir Leid." Blaszkiewicz lächelt leicht gequält: "Tja, das ist wieder ein Beispiel für den Variantenreichtum der deutschen Sprache."

Das Grammatische Telefon des Germanistischen Institutes der RWTH Aachen ist montags bis freitags von 10 bis 12 Uhr unter Telefon 0241/8096074 zu erreichen. (Von Marc Wahnemühl, ddp)

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